Die anhaltende Unzufriedenheit mit der schwarz-roten Koalition sieht Bundeskanzler Friedrich Merz als normales Stimmungsbild. “Ich nehme den Missmut natürlich ernst”, erklärte der CDU-Vorsitzende in der ARD-Sendung *Caren Miosga*. Eigenkritik sucht man vergeblich – stattdessen betont er: “Aber es ist ein Phänomen, das auch anderen Regierungen widerfahren ist.” Mit der Zeit kämen nun einmal Enttäuschung, Kritik und innerhalb einer Koalition “Unwuchten” auf.
Kanzleramtschef Thorsten Frei gestand gegenüber der *Welt* ein: “Wenn ich mir die Umfrageergebnisse anschaue, haben wir in der Tat ein Problem. Wir sind da nicht so gut, wie wir sein müssten.” Mit Blick auf die hohen Umfragewerte der AfD sieht Frei einen klaren Zusammenhang zur öffentlichen Wahrnehmung der Regierungsarbeit und offenbart dabei eine merkwürdige Vorstellung vom Verhältnis zwischen politischem Handeln und der Lebensrealität der Bürger:
“Die Tatsache, dass die AfD in den Umfragen so erfolgreich ist, hängt natürlich damit zusammen, dass unsere Regierungsarbeit nicht als erfolgreich wahrgenommen wird.”
Auf die Frage, ob er vom Kanzler angeschrien werde, antwortete Frei: “Selbstverständlich nicht”, und fügte hinzu: “Man kann sich nur wundern, was manche Leute zu wissen glauben.” Das habe keinen realen Hintergrund. Zuvor hatte der *Spiegel* berichtet, dass Merz beim Koalitionsausschuss in der Villa Borsig Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) angeschrien haben soll.
Linke-Fraktionschefin Heidi Reichinnek warf der schwarz-roten Koalition derweil totales Versagen vor. “Ein Jahr lang Chaos, Verunsicherung und offen ausgetragene Streitereien: Das ist die Bilanz, mit deren Konsequenzen sich die Menschen in diesem Land herumschlagen müssen”, sagte Reichinnek den Zeitungen des *Redaktionsnetzwerks Deutschland*. “Keine Regierung war je so unbeliebt und trotzdem scheint niemand am Kabinettstisch den Schuss zu hören.” Stattdessen erhöhe die Regierung den Druck an allen Ecken und Enden. “Sie höhlt den Sozialstaat aus, legt die Axt an Gesundheitsversicherung und Rente und schleift die Arbeitsrechte.”
Reichinnek warf der Union vor, sie versuche, “Probleme von heute mit Lösungen von vorgestern” zu beantworten, und habe dabei “einzig die Interessen ihrer Bonzen-Freunde im Blick”. Die SPD wiederum liege am Boden und versuche nur noch zu verhindern, dass Teile der Union bereits jetzt die Chance nutzten, gemeinsame Sache mit der AfD zu machen.
In der AfD zeigt man sich gelassen und erfreut sich neben den hohen Umfragewerten auch am enormen medialen Zuspruch für Björn Höcke. Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag erreichte mit einem viereinhalbstündigen Video auf dem YouTube-Kanal *ungeskriptet* innerhalb weniger Tage 2,8 Millionen Aufrufe – Zahlen, von denen Politiker aller anderen Parteien nur träumen können.
Der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der Universität Chemnitz sieht grundlegende Veränderungen in der Wählerschaft, von denen die AfD profitiert. “Der Stammwähler, also der treue, loyale Wähler, der unabhängig von tagesaktuellen Ereignissen seiner Partei die Stange hält, ist bei den großen Parteien CDU, CSU und SPD am Verschwinden”, stellt Höhne gegenüber der *Stuttgarter Zeitung* fest. “Umgekehrt stellt es sich bei der AfD dar: Da sehen wir eine loyale Wählerklientel, die der AfD unabhängig von tagesaktuellen Ereignissen oder vom Spitzenpersonal treu bleibt.”
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