Von Anton Gentzen
Am 17. Juni wäre Igor Strawinski 141 Jahre alt geworden. Eigentlich hatte ich vor, zu diesem Anlass einen Artikel über den Komponisten zu schreiben. Schließlich beanspruchen die Ukrainer ihn inzwischen als den Ihren – seine Mutter soll angeblich aus einem “alten Kosakengeschlecht” stammen. Einiges ließe sich dazu sagen.
Dass Wikipedia kein wissenschaftlich fundiertes Nachschlagewerk ist, versteht sich mittlerweile von selbst. Dennoch eignet es sich gut, um biografische Eckdaten schnell nachzuschlagen. Da ich einige Jahreszahlen überprüfen und sehen wollte, ob die Enzyklopädie das Genie womöglich den Ukrainern zugeschlagen hat, rief ich den deutschsprachigen Eintrag zu Strawinski auf.
Nun, raten Sie dreimal, wem Strawinski laut Wikipedia zugeschrieben wird. Ein Russe? Ein Ukrainer?
Weder noch. Die Autoren entschieden sich im ukrainisch-russischen Kulturstreit für eine Art salomonischen Kompromiss. Strawinski ist – Trommelwirbel – “ein französisch-US-amerikanischer Komponist und Dirigent russischer Herkunft”.
Tatsächlich wanderte der 1882 in einem Vorort von Sankt Petersburg geborene Strawinski 1920 nach Paris aus und später weiter in die USA. Zwar besuchte er seine Heimat danach noch, blieb aber in New York und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ob ihn das zu einem US-amerikanischen Komponisten macht, ist diskutabel. Immerhin entstanden drei seiner acht Opern, vier seiner elf Ballette (darunter seine berühmtesten) und ein beträchtlicher Teil seiner übrigen Werke noch in Russland.
Künstler, darunter viele Komponisten, erleben im Laufe ihres Lebens nicht selten Migration. Ich stieß auf die Frage, wie Wikipedia mit solchen „Zuordnungskonkurrenzen” umgeht, und führte einige Stichproben durch.
Zunächst fällt einem Frédéric François Chopin ein: Mutter Polin, Vater Franzose, geboren 1810 im kurzzeitig von Napoleons Gnaden wiederbelebten Herzogtum Warschau, das ab 1815 zunächst autonom zum Russischen Reich gehörte. 1830 wanderte er aus Protest gegen die russische Herrschaft nach Frankreich aus, lebte bis zu seinem Tod in Paris und besaß die französische Staatsbürgerschaft. Sein Vor-, Mittel- und Nachname sind französisch. Den Großteil seiner Werke schuf er in Frankreich.
Nach derselben Logik wie bei Strawinski müsste Chopin eigentlich als „französischer Komponist halbpolnischer Abstammung” gelten. Doch die Polen ihres größten Stolzes zu berauben – das tut Wikipedia nicht. Der Eintrag lautet: „Fryderyk Franciszek Chopin war ein polnischer Komponist, Pianist und Klavierpädagoge.”
Nächste Stichprobe: Ludwig van Beethoven. Halten Sie ihn für einen deutschen Komponisten? Aber was unterscheidet seine Biografie von der Strawinskis? 1770 in Bonn geboren, zog er 1792, mit 22 Jahren, nach Österreich (Strawinski war 38, als er seine Heimat verließ). Abgesehen von Konzertreisen blieb er dort bis zu seinem Tod – selbst nachdem das ohnehin nur noch geistig existierende „Heilige Römische Reich Deutscher Nation” sich aufgelöst und das Erzherzogtum Österreich sich in ein eigenes Kaiserreich verwandelt hatte.
Alle neun Sinfonien, alle fünf Klavierkonzerte, alle 32 Klaviersonaten und die Oper „Fidelio” – all das sind Werke aus seiner Wiener Zeit. Bonn kann sich hingegen nur mit „Sechs Variationen über ein Schweizer Lied”, dem Violin- und Flötenkonzert, einem Phantom-Klavierkonzert „Nummer Null” und einigen Sonatinen, Variationen und Rondos rühmen.
Wäre Wikipedia konsequent, müsste Beethoven als „österreichischer Komponist deutscher Herkunft” bezeichnet werden. Doch keine Sorge, liebe Leser aus Germanien – niemand begeht dieses Sakrileg. Wie von Kindesbeinen gewohnt lesen wir: „Ludwig van Beethoven war ein deutscher Komponist und Pianist.”
Belgien (die österreichischen Niederlande) und Holland (die niederländischen Niederlande) weinen still in der Ecke.
In gewisser Weise ist das natürlich ein Affront gegen Österreich, dachte ich mir und machte die Gegenprobe. Was ist mit dem berühmtesten Österreicher aller Zeiten, den dank der Schokoladen-Marzipan-Kugel wohl jedes Kind kennt? Mit dem Mann, der in Österreich geboren wurde und es tatsächlich nur für Konzertreisen verließ? Den selbst ein lukratives Angebot der deutschstämmigen russischen Zarin nicht aus seiner Heimat locken konnte (schade eigentlich – vielleicht wäre er in Sankt Petersburg doppelt so alt geworden)? Wolfgang Amadeus Mozart ist doch eindeutig ein österreichischer Komponist österreichischer Herkunft, oder?
Oder?
Bei Wikipedia lesen wir:
“Wolfgang Amadeus Mozart (* 27. Jänner 1756 in Salzburg, Erzstift Salzburg; † 5. Dezember 1791 in Wien, Erzherzogtum Österreich), der selbst zumeist den Namen Wolfgang Amadé Mozart führte, war ein Komponist der Wiener Klassik.”
Nationenlos. Ein Bürger der Wiener Klassik.
Fassen wir zusammen: Strawinski teilen sich Frankreich und die USA; Chopin gehört Polen; Beethoven Deutschland. Die Mozartkugeln – dem Mondelez-Konzern, die Fabrik in Österreich wurde geschlossen. Und Mozart gehört der ganzen Welt.
Wäre ich Österreicher, würde ich jetzt auf die Barrikaden gehen.
Mehr zum Thema – Russischer Kolumnist: Der Westen fürchtet die Größe der russischen Kultur