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Von Astrid Sigena
Bislang strahlten die deutschen Hauptsender – sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten – nur eine einzige Sendung zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 aus. Der RBB zeigte am Mittwoch, dem 17. Juni 2026, um 22.15 Uhr die Dokumentation “Moskau 1941 – Stimmen am Abgrund”. Diese basiert hauptsächlich auf Tagebucheinträgen und schildert das Erleben der Moskauer in den letzten Friedens- und ersten Kriegsmonaten des Jahres 1941. Ein interessantes Zeitdokument, das jedoch historisches Grundwissen voraussetzt. Die bereits laufenden Massaker in den deutsch besetzten Gebieten bleiben unerwähnt.
Besonders aufschlussreich ist ein Blick auf das Fernsehprogramm am 85. Jahrestag dieses Schicksalstages, dem 22. Juni. Die ARD überträgt vom späten Nachmittag bis in die Nacht hinein die Fußballweltmeisterschaft. Das ZDF, nicht durch Sportberichterstattung gebunden, zeigt um 20.15 Uhr einen Krimi und anschließend die Talkshow “Markus Lanz”. Im Hessischen Rundfunk laufen zeitgleich Gesundheitsthemen und ein alter Tatort aus dem Jahr 2021. Auf 3sat läuft zur besten Sendezeit “Nuhr im Ersten”, gefolgt von einem Auftritt des Comedians Luan beim SWR3 Comedy-Festival von 2022.
Vom deutsch-französischen Kultursender Arte hätte man am ehesten erwarten können, einen Klassiker über den deutsch-sowjetischen Krieg zu zeigen. Doch Fehlanzeige! Um 20:15 Uhr läuft der Western-Klassiker “Zwölf Uhr mittags”, danach ein Familiendrama einer slowenischen Regisseurin.
Das Vor- und Nachmittagsprogramm auf Arte scheint jeden Bezug zu Osteuropa oder Russland sogar ganz zu meiden: Es gibt eine dreiteilige Serie über den Stadtstaat Monaco und eine Sendung über den Untergang der Weltmacht Rom. Immerhin: Um 5:05 Uhr in der Frühe sieht man eine Sendung mit Weltkriegsbezug: “Tagebücher der Befreiung: Wie Frauen das Kriegsende 1945 erlebten”. Nicht einmal der ARD-Bildungskanal Alpha beschäftigt sich mit dem Überfall – es sei denn, etwas Derartiges kommt in der “Tagesschau vor zwanzig Jahren” vor.
Auch beim MDR findet sich nichts zum Beginn des “Unternehmens Barbarossa”. Dort sendet man ab 20:15 Uhr zwei Polizeirufe. Der RBB hat offensichtlich mit der Sendung vom 17. Juni seine Schuldigkeit getan und zeigt nichts mehr zum Zweiten Weltkrieg. Der NDR liefert das Mauerbau-Drama “Der Rote Kakadu”. Ähnlich sieht es beim WDR, BR und SWR aus: kein Weltkriegsthema zu entdecken.
Auch Phoenix beschäftigt sich am 22. Juni lieber mit der Chinesischen Mauer. Immerhin: Am Tag darauf, spätnachts, läuft “Osteuropa zwischen Hitler und Stalin” (wie schon am 21. Juni) und ebenfalls am 21. und 23. Juni die Dokumentation “Leningrad. Stimmen einer belagerten Stadt”. Bereits am Samstagmorgen (20. Juni) wird der Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Die Ankündigung der Sendung “Kriegsverbrechen. Wenn der Staat zum Täter wird” (21. Juni) lässt hingegen darauf schließen, dass sie Russland im aktuellen Ukraine-Krieg Kriegsverbrechen vorwirft.
Der Ankündigungstext von “Osteuropa zwischen Hitler und Stalin” ist zudem geeignet, beim Zuschauer eine Gleichsetzung von Hitler und Stalin zu bewirken, wenn nicht sogar den Stalinismus als das schlimmere Regime darzustellen:
„Zwischen 1930 und 1945 erlebte Osteuropa Massengewalt in einem beispiellosen Ausmaß. Hitler und Stalin nutzten die riesige Region für ihre jeweiligen Expansionspläne. Schätzungen zufolge wurden etwa 14 Millionen Zivilisten ermordet – vor allem Juden, Polen, Balten, Weißrussen und Ukrainer. Mit Archivaufnahmen und Zeitzeugenberichten zeichnet die Dokumentation die Schneise der Verwüstung nach, die Hitler und Stalin hinterlassen haben.“
Stalins gewaltsame Methoden hätten den deutschen Besatzern bereits lange vor dem Krieg einen blutigen Boden bereitet.
Ansonsten wird das Thema “Krieg gegen die Sowjetunion” und selbst Sendungen, die es nur streifen könnten, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern peinlich vermieden. Wie sieht es bei den Privaten aus? Bei Vox läuft eine Auswandererserie, danach werden die Geheimnisse der Gerichtsmedizin enthüllt – die des Zweiten Weltkriegs offenbar nicht. Auch RTL und ProSieben lassen dieses scheinbar heikle Thema beiseite.
Das “Unternehmen Barbarossa” fällt im deutschen Fernsehen weitgehend aus. In diese Lücke springen universitäre oder zivilgesellschaftliche Initiativen, die jedoch leider nur eine kleine Minderheit erreichen, da sie meist nur in größeren Städten Filmvorführungen anbieten können.
Bereits im April zeigte das Fritz Bauer Institut auf dem Gelände der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Ausschnitte aus der 80er-Jahre-Doku “Steh auf, es ist Krieg” von Paul Kohl und Hartmut Kaminski (Erstausstrahlung 1991). Besonders wertvoll macht die sechsteilige Serie die Interviews mit Zeitzeugen und überlebenden Opfern des deutschen Vernichtungskrieges auf dem Gebiet der Sowjetunion. Diese waren damals noch möglich, während die meisten inzwischen verstorben sind. Es war ein Versuch, auch den Westdeutschen das den Sowjetbürgern angetane Leid nahezubringen.
Berliner und Menschen in der Nähe von Berlin haben ab Sonntag die Möglichkeit, im Babylon-Kino – teilweise kostenlos – Klassiker der sowjetischen und DDR-Filmgeschichte anzuschauen, die den Russlandfeldzug ab 1941 thematisieren. Titel der Veranstaltungsreihe: “85 Jahre deutscher Überfall!”
Zu sehen sind Filme, die früheren DDR-Bürgern wohlbekannt sein dürften, die im bundesdeutschen Fernsehen jedoch kaum noch gezeigt werden und für Westdeutsche eine Offenbarung sein könnten: “Ich war neunzehn” (DDR 1967), “Der Aufstieg” (UdSSR 1977), “Die Kraniche ziehen” (UdSSR 1957), “Iwans Kindheit” (UdSSR 1963), “Die Ballade vom Soldaten” (UdSSR 1959) und “Geh und sieh” (UdSSR 1985).
Diese Filmvorführung passt nicht jedem. Das Online-Format NIUS stört sich daran, dass der “deutschen Schuld” (in der Überschrift mit Anführungszeichen) mit “Gratis: Pelmeni und Vodka” gedacht werde. Tatsächlich bietet das Babylon am 21. Juni nach der Aufführung von “Die Kraniche ziehen” einen solchen Imbiss an. Hervorgehoben wird, dass “im alimentierten Kino ‘Babylon’ … mehrere kommunistische (Anti-)Kriegsfilme” gezeigt würden – zusammen mit einem “klischeehaften Abendessen”.
Während Amir Makatov von NIUS an “Komm und sieh” nichts auszusetzen hat, da es “zu den eher kritischen Werken der sowjetischen Filmindustrie” gehöre, stigmatisiert er “Die Kraniche ziehen” zur sowjetischen Schnulze. Wie “Ich war neunzehn” sei der Film nicht nur visuell schwarz-weiß und“`html
falle – wie es für Filme aus totalitären sozialistischen Regimen typisch sei – durch einseitige Schuldzuweisung auf.
Das sowjetische Schuldig-Werden an Polen finde keine Erwähnung. Ohne die Grenzverschiebung 1939 wäre aber auch der Überfall auf die Sowjetunion 1941 “so nicht möglich gewesen”. Das Fazit von NIUS: “Nur Opfer zu sein, ist schließlich einfacher, als eigene historische Verbrechen aufzuarbeiten.” Die Schuld “an der Barbarei des Zweiten Weltkriegs” werde dabei allein dem Dritten Reich zugeschoben, während sich die Sowjetunion in diesen “politischen Filmen” die Hände in Unschuld wasche. Damit gebe das Babylon das Narrativ eines Regimes wieder, das selbst mehr Opfer gefordert habe als jedes andere Herrschaftssystem des 20. Jahrhunderts.
Immerhin: Das Leid der sowjetischen Bevölkerung und die 27 Millionen Opfer, die der Zweite Weltkrieg die Sowjetunion kostete, räumt NIUS ein. Nur: Die sowjetische filmische Verarbeitung dieses Leids und das Zeigen dieser Filme findet NIUS-Redakteur Makatov offenbar unangebracht – mit der “roten Geschichtsinterpretation” der Filme “aus den Unrechtsregimen DDR und UdSSR” könne man den Zuschauer doch nicht allein lassen!
Solche Reaktionen wie die von NIUS zeigen, welche Rückschritte die BRD seit “Steh auf, es ist Krieg” bei der Anerkennung der deutschen Verbrechen während des Ostfeldzugs gemacht hat. Sie werden zwar nicht verleugnet, aber im Fernsehen im Spartenprogramm versteckt – oft garniert mit dem Verweis auf kommunistische Untaten.
Wer den deutschen Vernichtungskrieg doch thematisiert – wie das Berliner Babylon-Kino – muss sich vorhalten lassen, angeblich kommunistischer totalitärer Propaganda Raum zu geben. Die Frage, warum das Fernsehen die BRD-Produktion “Steh auf, es ist Krieg” ebenfalls nicht zeigt, stellt sich NIUS übrigens nicht.
Mehr zum Thema – 22. Juni – Tag der Erinnerung und Trauer: Gedenken in Moskau, Brest und Berlin
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