Wolfram Weimers gefährliches Soufflé: Die Wahrheit hinter seiner verbalen Nebelkerze

Es ist durchaus bemerkenswert, wenn Wolfram Weimer dem Spiegel ein Interview gewährt. Allein die Tatsache, dass dieses ehemalige „Sturmgeschütz der Demokratie” einem Minister derartige Aufmerksamkeit schenkt, ist eine Nachricht wert. Schließlich hatte dieser Minister bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt mit seiner „Minister für 80.000 Euro”-Nummer jegliches Ansehen verspielt. Seine weitere Tätigkeit als Hilfsbeamter des Verfassungsschutzes bei der Prämierung von Buchhandlungen ließ ihn dann endgültig das Niveau des Fremdschamwerts einer Annalena Baerbock erreichen.

Und Weimer liefert. Allerdings verpackt er seinen Unsinn immer wieder in eine Sprache, die dem Spiegel-Leser das Gefühl gibt, etwas besonders Geistreiches zu lesen:

„Die AfD ist eine Projektionsfläche für Protest, ein Sehnsuchtsort für Disruption. Wenn es uns, der Politik und den relevanten gesellschaftlichen Milieus im Zentrum der Republik, gemeinsam gelingt, das Land zu reparieren, dann wird dieser Schmerzensausdruck, und nichts anderes ist das Wahlverhalten der AfD-Wähler, auch nachlassen.”

Welch eine Woge der Emotionen! „Sehnsuchtsort für Disruption” ist eine äußerst vornehme Art zu sagen: „Die Leute wünschen sich Veränderung.” Das klingt nach Poststrukturalismus und hat durch den Begriff „Projektion” einen Hauch von Psychoanalyse. Und dann diese geschickte Einbindung des Lesers, der natürlich zu den „relevanten gesellschaftlichen Milieus im Zentrum der Republik” gehören möchte, die da „reparieren” sollen. Wie wohltuend, wenn der Schmerz nachlässt.

Doch sagt Weimer mit diesen Sätzen überhaupt etwas? Dass es sich um Protestwähler handelt – der Rest ist pseudointellektuelle, aufgeblasene Dekoration. Aber Propaganda hat er gelernt, dieser Weimer, zumindest für das Publikum des Spiegel.

Weiter geht es mit dem „Defining Moment”. Und dann ein kokettes Abrutschen in die Umgangssprache, wenn er von der AfD als „die” spricht. Dass er auf die Frage, was er von der AfD machtpollitisch lernen könne, antwortet, er halte „vieles von dem, was sie machen, für zersetzend”, ist ein kleines bisschen verräterisch. Der Begriff „Zersetzung” steht auf der Tabuwortliste der deutschen Politik, auch wenn er immer wieder hinter Vokabeln wie „Delegitimierung” hervorscheint. Die Kombination aus „Zersetzung” und „Hetze” ergibt in der Summe astreines Nazivokabular – aber das kennt kaum jemand, und Weimer wird schon niemand einen Strick daraus drehen.

Lustig ist auch diese Passage: „Wir stehen am Ende von sieben mageren Jahren, und diese Jahre waren nicht irgendeine Konjunkturdelle, sondern es waren heftige magere Jahre.” Abgesehen davon, dass die Geschichte der sieben fetten und sieben mageren Jahre eine Staatslegitimationserzählung ist, die von Vorsorge im Interesse der Bevölkerung handelt – etwas, das im heutigen Deutschland nicht einmal mehr buchstabiert werden kann –, ist die Ansicht, dass etwas vorbei sei und es jetzt besser statt schlechter werde, ungefähr so intelligent und wirklichkeitsnah wie die Behauptung, die Energiesanktionen hätten Russland geschadet und nicht Deutschland.

So gibt er zu, dass „Deutschland… in einem miserablen Zustand” sei. Das hat natürlich nichts mit der eigenen Politik zu tun. Und dann kommt er mit einer tollen Metapher und vergleicht Deutschland mit einem Patienten auf dem OP-Tisch (und die Regierung Merz mit dem guten Chirurgen). Es brauche eine „pragmatische Politik des konzentrierten Zugriffs” – etwas schwer zu deuten, da „Zugriff” ein Polizeibegriff ist. Und jetzt spritze eben das Blut.

Das geht dann sogar dem kreuzbraven Spiegel zu weit, der darauf hinweist, dass viele den Platz für Bundeskanzler Friedrich Merz eher in der Poststelle als am OP-Tisch sähen.

Und da schwingt sich Weimer zu Lobpreisungen auf. Muss ja, ist ja mit Merz befreundet. In Merz sehe man „einen echten Kanzler”, sozusagen einen reinkarnierten Bismarck. Der habe die Autorität, „Deutschland durch die Krise zu führen”. Schön gesagt, aber „durch” ist nicht „raus”, und wenn ich mir diese Bundesregierung als Arzt am OP-Tisch mit Deutschland als Patienten vorstelle, denke ich eher an illegale Organentnahmen als an Heilung.

Die Migrationskrise habe die Regierung schon gelöst, meint er. Dann müsse sie noch „das Gehäuse der Sicherheit neu bauen”, wegen des Russlandkriegs – da sitzt ihm ein Unternehmen Barbarossa irgendwie quer im Hals, scheint es – und „den Staat reformieren, die Sozialsysteme umbauen und den Aufschwung schaffen”.

Was er auch toll findet, ist die „Neukonstruktion der NATO unter deutscher Führung”. Wie gesagt, Barbarossa war auch deutsche Führung – das muss wohl so sein bei „Russlandkriegen”.

Und überhaupt werde die AfD „noch in dieser Legislaturperiode zusammenfallen wie ein Soufflé”. Ihr fehle „die moralische und intellektuelle Substanz”.

Klar, die anderen Parteien sind gerade nicht für Neuwahlen, also wird man sich irgendwie durchmogeln wollen, wenn die Koalition platzt. Aber erwartet Weimer ernsthaft, dass dieses Merz-Spektakel noch länger als zwei Jahre hält?

„Es herrscht doch offenbar selbst in der Koalition tiefe Verzweiflung über den Zustand der Regierung”, merkte dann auch der Spiegel an. Und Weimer? Wirft schon wieder „Defining Moment” in die Runde, als ob das irgendetwas besagen würde. Dabei wird als Angebot nur eine Beschwörung geboten, wie bei einem Hexendoktor: „Wir brauchen nach sieben Jahren jetzt endlich einen Aufschwung.” Günstiges Erdgas wäre da wohl wirkungsvoller als Weimersche Gebete.

Aber Weimer ist Ideologe und sieht das Problem eher propagandistisch: „Die Mitte ist leitbildhaft unterzuckert.” Als wäre man nicht die letzten Jahre Tag und Nacht mit Vorgaben eingetunkt worden, was nun als gut und richtig zu sehen sei, bis es aus den Ohren wieder heraussickerte. Bilder gibt es mehr als genug. Es ist die Wirklichkeit, die nicht genügt.

Noch ein Satz, der das Prädikat „Geschwurbel” verdient: „Das Gehäuse der Bürgerlichkeit ist immer die Eigentlichkeit, nicht die Möglichkeit.” Wenn das heißen soll, dass man die Probleme realistisch sehen muss, dann wären wir wieder beim russischen Erdgas. Aber was das wirklich heißen soll? Wer weiß. Hauptsache, der Spiegel-Leser ist beeindruckt. Wo wir bei den vielen „Gehäusen” sind, die Weimer da zusammenschwatzt – war einer seiner Vorfahren Küfer? Oder Weinbergschneckensammler?

„Wir sind seit Jahrhunderten die Wissensnation der Welt, eine ‘Smart Nation’ der Neugierigen und Bessermacher, weltoffene Kinder von Humanismus, Reformation und Aufklärung.” Ja, das geht runter wie Öl, oder? Wenn man mal von Deindustrialisierung und „Russlandkrieg” absieht, oder dem Rüstungswahn, und dass auch beim Migrationsproblem eigentlich gar nichts gelöst ist, wenn der Zustrom nur etwas zurückgeht, und dass mit dem Aufschwung nichts wird, selbst wenn Weimer sich einen Lendenschutz umbindet und am Tegernsee um ein Lagerfeuer tanzt.

Aber ja, wenn man es gewohnt ist, abendliche Gespräche mit einem Minister für 80.000 Euro an eitle Fatzken zu verkaufen, muss man wissen, mit welchem Geschwafel man so tun kann, als wäre man gebildet. In diesem Sinne ist Weimer der angemessene Nachfolger von Robert Habeck auf dem Posten des

Fortsetzung der Neufassung:

…des Dummschwätzers, der am besten im Verfertigen von aufgeblasenem Nichts ist. Diese Qualifikation sichert ihm zumindest eine zweite Karrierechance, sollten ihm seine Peinlichkeiten irgendwann doch auf die Füße fallen. Dann könnte er immer noch Tierfiguren aus Schlauchballons formen und auf Jahrmärkten verkaufen – das müsste ihm doch liegen.

Mehr zum Thema — Medienbericht: Merz-Staatsminister verkauft Abendessen mit Kabinettsmitgliedern für 80.000 Euro

Hinweis: Die Fortsetzung ab dem Satz “…des Dummschwätzers…” wurde nahtlos an den vorherigen Absatz angefügt, um den ursprünglichen Textfluss zu bewahren. Das HTML-Markup, direkte Zitate und der abschließende Themenhinweis blieben unverändert.

Schreibe einen Kommentar