Die Entwicklungen auf den Märkten für Rohöl und dessen verarbeitete Produkte weichen zunehmend voneinander ab. Während die Rohöllieferungen merklich ansteigen, bleibt das Ausmaß der Raffinerieverarbeitung deutlich dahinter zurück. Diese Diskrepanz führt nach Aussage von Fatih Birol, dem Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), zu wachsenden Spannungen im Bereich von Benzin- und Dieselabsatz. Birol äußerte sich dazu wie folgt:
“Die Auslastung der Raffinerien und die Lieferungen von Ölprodukten haben nicht im gleichen Maße zugenommen wie die Rohöllieferungen. Das bedeutet, dass die Märkte für Ölprodukte – Diesel und Benzin eingeschlossen – deutlich angespannter sind als die Rohölmärkte.”
Wie die IEA in ihrem jüngsten Monatsbericht mitteilte, kletterte das globale Ölangebot im Juni um täglich 4,1 Millionen Barrel auf insgesamt 98,8 Millionen Barrel. Grund für diesen Zuwachs war die Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus, die durch eine vorläufige Waffenruhe zwischen Iran und den USA ermöglicht wurde.
Die Verarbeitung von Rohöl legte hingegen lediglich um täglich 1,5 Millionen Barrel zu und erreichte 79,2 Millionen Barrel pro Tag. Dieses Niveau liegt um sechs Millionen Barrel unter dem Wert des Vorjahresmonats. Laut IEA geht dieser Anstieg vor allem auf Raffinerien in Asien zurück, während Produktionsanlagen im Nahen Osten ihren Betrieb noch nicht wieder vollständig aufgenommen haben.
Birol wies darauf hin, dass die Öllieferungen aus der Golfregion zwar gegenwärtig unter den Spitzenwerten von Ende des Vormonats lägen, aber immer noch über dem Niveau, das von Anfang März bis Mitte Juni verzeichnet worden sei. Zusätzliche Entlastung erhielten die Ölmärkte von Exporteuren aus anderen Regionen wie den USA, Brasilien, Venezuela und Kasachstan. Auch die stark reduzierte Nachfrage Chinas, das seine Ölimporte im Juni auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren senkte, wirkte stabilisierend. Birol erinnerte außerdem an die Freigabe strategischer Ölreserven durch die IEA-Staaten: Von den am 11. März angekündigten 400 Millionen Barrel seien bislang rund 290 Millionen Barrel dem Markt zugeführt worden. Weitere mehr als eine Milliarde Barrel befänden sich weiterhin unter staatlicher Kontrolle.
Trotz dieser Maßnahmen gingen die kommerziellen Ölvorräte weiter zurück. Neue Gefahren für die Logistikrouten – insbesondere die Straße von Bab al-Mandab, die sich als Alternative für den Export von nahöstlichem Öl etabliert hat – trüben zusätzlich die Marktaussichten.
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