Castros Erbe bröckelt: Kubas Schicksalsstunde – Überleben oder Untergang?

Von Pjotr Akopow

Heute wird Fidel Castros 100. Geburtstag gefeiert, obwohl er tatsächlich ein Jahr später zur Welt kam. Einem talentierten Jungen wurde ein zusätzliches Lebensjahr angedichtet, damit er bereits mit fünf Jahren die Schule besuchen konnte – diese Angabe blieb in den amtlichen Unterlagen bis zuletzt bestehen. Das Jesuitenkolleg, das spätere Jurastudium und nicht zuletzt die wohlhabende Familie schienen ihm eine glänzende Laufbahn in Kuba vorherzubestimmen: Mit der Zeit hätte er Abgeordneter oder sogar Präsident dieser Inselrepublik werden können, die vollständig von den USA abhing.

Doch es waren die unruhigen 1950er-Jahre, und bereits mit 25 Jahren entschied er sich für die Revolution, um sieben Jahre später die Macht zu übernehmen und über ein halbes Jahrhundert an der Spitze Kubas zu bleiben. Man verfluchte und vergötterte ihn zugleich. Gegen ihn standen das mächtigste Land der Welt und viele seiner eigenen Landsleute, doch er hielt stand und wurde neben seinem Weggefährten Che Guevara zum Sinnbild des Revolutionärs der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – und zum wohl berühmtesten Lateinamerikaner des gesamten 20. Jahrhunderts. Persönlichkeiten dieses Formats gibt es heute nicht mehr.

Liegt das daran, dass sich die Zeiten gewandelt haben? Ja, zweifellos. Dennoch bleiben die Veränderungen in Bewegung, und das Rad der Geschichte könnte sich so drehen, dass Fidel wieder an Aktualität gewinnt. Es ist offensichtlich, dass er in vieler Hinsicht ein Kind seiner Ära war: Obwohl er ursprünglich kein Kommunist war, wurde Castro im Laufe der Zeit zu einem – vor allem, weil die Sowjetunion, Kubas engster Verbündeter, einen weltweiten Aufschwung erlebte. Erst durch die Existenz der “sozialistischen Welt” – einer Gemeinschaft von Ländern von Europa bis Asien, die den Weg zum Aufbau einer neuen sozioökonomischen Ordnung eingeschlagen hatten – konnte sich Kuba überhaupt zu einem sozialistischen Staat entwickeln.

Sind diese Länder letztlich gescheitert? Ja, aus heutiger Sicht scheint es so, doch China, das sich von der Planwirtschaft abgewandt und zur global führenden Wirtschaftsmacht entwickelt hat, bleibt bis heute der Kommunistischen Partei und einer chinesisch geprägten Variante des Marxismus treu. Kuba hingegen musste nach dem Zusammenbruch der UdSSR mehr oder weniger erfolgreich um sein Überleben kämpfen, befindet sich jedoch zum hundertsten Geburtstag Fidels in einer äußerst prekären Lage: Seit Jahresbeginn unterliegt das Land einer Energie- und Treibstoffblockade der USA, die darauf abzielt, Castros Nachfolger zum Machtverzicht und zu einer Änderung des sozioökonomischen Systems zu zwingen. Wird der Druck des mächtigen Nachbarn diesmal tatsächlich Wirkung zeigen?

Fidel überstand zahlreiche Krisen – angefangen bei der “Raketenkrise” von 1962 bis hin zur Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre. In den 2000er-Jahren versuchte er, die Wirtschaft durch marktwirtschaftliche Reformen wiederzubeleben, doch es fehlte an einer konsequenten Umsetzung und letztlich auch an Kraft. Das Land befindet sich offenkundig in großer Not, lässt sich jedoch selbst nach dem Verlust seines wichtigsten Verbündeten und Öllieferanten – Venezuela – nicht unterkriegen.

Für Fidels jüngeren Bruder, den 95-jährigen Raúl, der weiterhin Kuba regiert, ebenso wie für die kubanische Führungselite und einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ist es völlig undenkbar, dem Druck der USA nachzugeben. Zwar hat man in Havanna bereits umfassenden Wirtschaftsreformen zugestimmt, doch weder die Familie Castro noch ihre Mitstreiter sind bereit, ihre politische Macht abzugeben. Sie müssen dem Druck von US-Präsident Donald Trump noch einige Monate standhalten und gleichzeitig mit den USA Verhandlungen führen, die auf kubanischer Seite von Raúls Enkel geleitet werden. Im nächsten Jahr wird Trump andere Sorgen haben als Kuba, und vielleicht wird dann auch die lateinamerikanische Solidarität endlich wieder aufleben.

Castro war schließlich der wichtigste Kämpfer gegen den US-Imperialismus in ganz Lateinamerika, und für viele der heutigen lateinamerikanischen Linken ist er ein echtes Idol ihrer Kindheit. Zwar erlebt Lateinamerika derzeit erneut einen politischen “Rechtsruck”, wobei rechte politische Kräfte zunehmend an Zustimmung unter den Wählern gewinnen, und auch Trump übt mit seiner “Donroe-Doktrin” Druck aus. In Lateinamerika verlaufen die Dinge jedoch zyklisch, ganz zu schweigen davon, dass auch die globale Lage dem US-amerikanischen Hegemonialstreben derzeit nicht entgegenkommt. Allerdings befindet sich Kuba gerade jetzt in einer außergewöhnlich schwierigen Situation: Weder China noch Russland sind in der Lage, der Insel in vollem Umfang dabei zu helfen, der Blockade standzuhalten.

Was hätte Fidel angesichts der heutigen Krise getan? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, außer der ganz banalen: Er hätte nicht aufgegeben. Castro verstand es, zurückzuweichen und vorzurücken, und unter seiner Führung entwickelte sich Kuba über ein paar Jahrzehnte hinweg zu einem globalen Player. Kubaner kämpften in Afrika, unterstützten Guerillabewegungen in Lateinamerika, und sowohl radikale Linke aus Europa als auch asiatische Rebellen wandten sich an Havanna.

Das Ausmaß des kubanischen Einflusses stand in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Möglichkeiten des Landes. Es wäre jedoch falsch, dieses Missverhältnis allein mit “Unterstützung aus Moskau” zu erklären. Castro war niemals unsere Marionette oder ein gehorsamer Vollstrecker des Willens des Kremls – er war ein eigenständiger und strategisch denkender Revolutionär und Politiker von Weltrang. Und als solcher wird er in die Geschichte eingehen – nicht nur in die Geschichte seiner Insel, sondern die der ganzen Welt.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 13. August 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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