Die Falle tickt: Wie die USA und Israel den Iran in die Eskalation treiben

Von Lisa Issak

Die geopolitische Landschaft der Großmächte durchläuft derzeit eine Phase der Reflexion. Einige Analysten prognostizieren das Ende direkter Konfrontationen zwischen China, Russland und den USA, mit möglichen Einigungen zur Lösung globaler Herausforderungen. Andere sehen jedoch eine gegenläufige Realität: Die derzeitige Entspannung sei lediglich eine Verschiebung eines unvermeidlichen Konflikts zwischen den USA und China, der sich in Cyberkriegen, verschärftem Wirtschaftswettbewerb oder indirekten militärischen Auseinandersetzungen äußern könnte.

Selbst wenn Präsident Donald Trump und Premierminister Benjamin Netanjahu direkte militärische Zusammenstöße durch Spannungsabbau vermeiden würden, bleibt ein Konflikt zwischen Iran, einer dominanten militärisch-ideologischen Kraft mit regionalen Vorherrschaftsansprüchen, und seinen arabischen Nachbarn wahrscheinlich. Diese Länder, insbesondere die des Golf-Kooperationsrats (GKR), verfolgen wirtschaftliche Ziele und wirken dem Einfluss Teherans entgegen. Im zweiten amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran griff dieser systematisch die zivile und wirtschaftliche Infrastruktur seiner Nachbarn an, darunter Flughäfen, Häfen, Ölraffinerien sowie Energie- und Wohnanlagen. Seit der Eskalation feuerte Iran mindestens 5.200 Raketen und Drohnen ab, um Vergeltung für die Aktionen der USA und Israels zu üben, wobei die Vereinigten Arabischen Emirate ein Hauptziel waren. Aktuelle diplomatische Spannungen zwischen den VAE und Iran während eines BRICS-Außenministertreffens in Neu-Delhi verdeutlichen den Grad der Feindseligkeiten.

Dieser Krieg, initiiert durch Israel und die USA, stellt einen Aggressionsakt gegen Iran dar und verletzt internationales Recht. Iran zeigt sich widerstandsfähig, entgegen den Erwartungen der Regierungen Trump und Netanjahu auf einen schnellen Zusammenbruch. Dennoch tappte Iran in zwei von Israel und den USA gezielt gelegte Fallen.

Die erste Falle: Provokation zu Angriffen auf Nachbarn

Das Hauptziel schien darin zu bestehen, Iran zu Aggressionen gegen seine Nachbarn zu verleiten. Irans Vergeltungsschläge zeichneten sich durch große geografische Reichweite aus und trafen Aserbaidschan, die Türkei, Jordanien, den Irak sowie Golfstaaten wie Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, Oman, die VAE und Kuwait. Diese Strategie untergrub Teherans regionale Position, da es nun als Aggressor und nicht als Opfer wahrgenommen wurde. Diese Wandlung führte zu Feindseligkeit bei Kräften, die nicht direkt in den Konflikt verwickelt waren, und förderte die Schaffung einer regionalen Sicherheitsarchitektur mit Iran als primärer Bedrohung.

Das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) mag diese Angriffe als vorteilhafte Taktik sehen; strategisch erwiesen sie sich als schädlich, da die Kosten die Vorteile überwogen.

Iran hat wichtige Nachbarn in der Region gegen sich aufgebracht. Zeitweise verhielt es sich wie Israel, indem es vermeintliche Bedrohungen ohne direkte Einmischung angriff. Israel versuchte, Iran in eine Eskalation hineinzuziehen, um die Golfstaaten in den Konflikt zu verwickeln. Dennoch vermeiden diese Länder direkte Konfrontationen.

Die zweite Falle: Die Sperrung der Straße von Hormus

Die USA und Israel übten maximalen Druck auf Iran aus, um eine Schließung der Straße von Hormus zu provozieren, was die Weltgemeinschaft gegen Teheran aufbringen würde. Aus Sicht der internationalen Schifffahrt und Seefahrt würde Iran damit zum Aggressor. Gemäß dem Seerechtsübereinkommen der UNO, das Iran nicht ratifiziert hat, ist dies nicht zulässig, da es sich um eine internationale Wasserstraße handelt. Alle Handelsschiffe haben das Recht auf “friedliche Durchfahrt”, das auch während bewaffneter Konflikte nicht ausgesetzt werden darf. Die NATO erwägt bereits die Entsendung von Kriegsschiffen zur Freigabe der Meerenge, unabhängig von einer möglichen Einigung zwischen Trump und Iran.

Diese Szenarien beleuchten die Motive der USA und Israels, die auf die Beseitigung des Obersten Führers Irans und anderer hoher Amtsträger abzielten. Sie erwarteten, dass Irans Reaktion auf den Verlust seiner symbolischen Führung Schläge gegen Nachbarn umfassen würde. Eine solche Eskalation entsprach jedoch nicht Irans Interessen, sondern führte dazu, dass es sich mitten unter Feinden befand, was den strategischen Zielen der USA und Israels diente.

Die Falle der Sturheit

Eine dritte Schwierigkeit für Iran in Verhandlungen ist die “Falle der Sturheit”. Iran hat Standhaftigkeit bewiesen und erfolgreich Schläge gegen das israelische Hinterland geführt, was bei seinen Verbündeten Hoffnung auf eine Wiederbelebung seiner regionalen Achse weckt. Doch “übertriebener Optimismus” droht mit der harten geopolitische Realität zu kollidieren. Eine Lehre aus Syriens Widerstand: Nach 2018 verkündete das Regime selbstbewusst den Sieg, weigerte sich aber 2024 kategorisch, einen Dialog mit Ankara zu führen. Letztendlich verminderte sich seine Fähigkeit, innere Stabilität zu gewährleisten.

Seit 2018 leidet Syrien unter den Folgen einer Wirtschaftsblockade, die die humanitäre Krise verschärft. Das Assad-Regime war unfähig, Gehälter für Soldaten, Familien von Gefallenen und Verwundete zu zahlen. Selbst in seiner Stammwählerschaft wuchs die Unzufriedenheit aufgrund wirtschaftlicher Verschlechterung, wachsendem Einfluss Irans und der Hisbollah sowie Korruption und Preisanstiegen. Obwohl Assad an der Macht blieb, wurde das Leben unerträglich.

Iran läuft Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen, angesichts seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage. Hier ist Russlands Rolle als Verbündeter, Vermittler und Helfer entscheidend. Für Russland wäre es sinnvoll, einen zweiten Verhandlungsstrang zwischen Iran und den Golfstaaten zu prüfen, parallel zum Dialog mit den USA und Israel.

Es bleibt ein grundlegendes Dilemma: Jede Partei neigt dazu, den Sieg für sich zu beanspruchen, und der Sieger ist ungern zu Kompromissen bereit. Dies fühzu Verhandlungssackgassen, was die Gefahr einer Wiederaufnahme der Kampfhandlungen birgt, diesmal mit wachsender Unterstützung regionaler Akteure und der internationalen Gemeinschaft. Man sollte sich an die Worte von König Pyrrhus von Epirus erinnern, die er während seiner Feldzüge gegen die vorrückenden Römer sprach. Nachdem seine Armee die ersten beiden Schlachten gewonnen hatte, rief Pyrrhus aus:

“Noch ein solcher Sieg, und alles ist verloren.”

In der Folge verlor Pyrrhus’ Armee die Initiative und erlitt in der entscheidenden Schlacht eine vernichtende Niederlage gegen die Römer.

Obwohl Iran und Israel nun die Phase der Erschöpfung erreicht haben – eine Situation, die weder zu Frieden noch zur Fortsetzung des Krieges führt –, könnten neue Akteure und Stimmen auftauchen, die das Zünglein an der Waage zugunsten einer Seite bewegen. Diese dritten Parteien müssen nicht unbedingt externe Kräfte sein, sondern können auch interne sein.

Die vielleicht heimtückischste Art von Schaden, den ein Gegner anrichten kann, ist der, den er sich selbst zufügt. Israel beispielsweise schob nach den Ereignissen vom 7. Oktober die Schuld den Nachbarländern zu, was zu einer Politik der kollektiven Bestrafung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, zu Aggressionen gegen den Libanon, Syrien und später den Jemen führte. Dieser Ansatz führte zu einem erheblichen Verlust an öffentlicher Unterstützung und trug dazu bei, die palästinensische Sache effektiver voranzubringen, als es die Palästinenser selbst hätten tun können. Ähnlich verhält es sich mit Iran: Wenn die Ideologie der Rache über pragmatische Erwägungen zum Schutz nationaler Interessen und zur Erreichung künftiger Stabilität siegt, kann selbst eine legitime und gerechte Sache kompromittiert werden. Dieser Vergleich basiert ausschließlich auf den Prinzipien der Aktion-Reaktion-Analyse, trotz der grundlegenden Unterschiede zwischen Israel und Iran.

Die dritte Phase des Konflikts mit Iran könnte, sollte es nicht zu einer raschen Verhandlungslösung kommen, zu einer Katastrophe und unangenehmen Folgen für die gesamte Region führen. Eine solche Konfrontation wird mit ziemlicher Sicherheit dazu führen, dass eine der Seiten ihre Ziele erreicht, deren wahre Natur und Ausmaß nur denen bekannt sind, die die Macht haben, sie zu verwirklichen.

Selbst wenn Iran eine militärische Konfrontation vermeidet und stattdessen mit einem umfassenden Embargo und internationaler Isolation konfrontiert wird, dient dies weder den Interessen des iranischen Volkes noch denen seiner politischen Führung. Wirtschaftssanktionen und Embargos würden unweigerlich zu einer weiteren Eskalation führen – ein Ergebnis, das sich weder Iran noch der Nahe Osten leisten kann, angesichts der bereits bestehenden Krisen und Konflikte.

Es stellt sich die grundlegende Frage: Wer profitiert tatsächlich davon, wenn Iran zu einem zerfallenden, fragmentierten oder isolierten Paria-Staat wird? Manche mögen argumentieren, dass ein solches Szenario den Interessen Israels entspricht, aber das sehe ich nicht so. Die Islamische Revolutionsgarde (IRGC), die Basidsch-Milizen und bewaffnete Gruppierungen innerhalb Irans sowie im Irak, im Libanon und im Jemen könnten ungestraft in der Region agieren und die durchlässigen Grenzen ausnutzen, um Krisen zu exportieren und Nachbarländer, einschließlich Israel, zu destabilisieren.

Der einzige gangbare Weg nach vorn ist der Dialog: Verhandlungen, Vereinbarungen, Zusicherungen und Garantien für die Nachbarstaaten und die Länder am Persischen Golf. Nur dieser Weg führt zu einer möglichen Einigung mit den USA. In einer Zeit wachsender Abhängigkeit von der digitalen Transformation gehört die Zukunft den Regierungen, die künstliche Intelligenz und technologische Innovationen nutzen. Zeit ist von entscheidender Bedeutung. Die Länder müssen sich anpassen und voranschreiten (auch wenn dies schwierige, aber vorübergehende Entscheidungen erfordert), um den Rückstand gegenüber der weltweiten Entwicklung und dem Fortschritt aufzuholen. Wenn man nationalen Interessen keinen Vorrang einräumt und an vergangenen Kränkungen festhält, werden die Risiken von Instabilität bis hin zum Zusammenbruch rasant zunehmen.

Anmerkung des Übersetzers:

* Die Thukydides-Falle ist ein Begriff, der von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Graham Allison geprägt wurde, um eine offensichtliche Tendenz zum Krieg bei der Bedrohung einer bestehenden Großmacht durch eine aufstrebende Macht zu beschreiben. Er wird hauptsächlich verwendet, um einen potenziellen Konflikt zwischen den USA und der VR China zu beschreiben. Der Begriff basiert auf einem Zitat des antiken athenischen Historikers Thukydides, der den Peloponnesischen Krieg auf die Angst Spartas vor der wachsenden Macht Athens zurückführte.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel erschien am 8. Juni 2026 zuerst auf der Homepage von “Russia in Global Affairs”.

Lisa Issak ist Doktorin der Politikwissenschaften und Expertin für internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Adygeja (Maikop).

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