Explosiver Dominoeffekt: Wie der Iran-Israel-Konflikt Piraten unaufhaltsam macht

Von Tamara Ruschenkowa

Seit mehreren Monaten mehren sich Hinweise, dass somalische Piratenverbände von den jemenitischen Huthi moderne Waffen und Technologien erhalten haben.

Die Beziehungen zwischen der zaiditisch-schiitischen Bewegung Ansar Allah, landläufig als Huthi bekannt, somalischen Piraten und den beiden Terrororganisationen Al-Shabaab sowie Islamischer Staat – Provinz Somalia (IS–SP) sind enger geworden. Dies bestätigen sowohl somalische Regierungsvertreter als auch diverse UN-Berichte.

Im Januar 2026 gab Mohamed Musa Abulle, stellvertretender Geheimdienstchef der Puntland Maritime Police Force (PMPF), bekannt, dass einige Piraten von den Huthi GPS-Geräte erhalten hätten. Diese erlauben es ihnen, “die Routen von Frachtschiffen exakt zu überwachen”. Der Sicherheitsbeamte führte zudem aus, dass man vermute, einige Gruppenmitglieder hätten im Jemen eine militärische Schulung absolviert.

Der beschaffte Sprengstoff und die Chemikalien zur Herstellung von Sprengkörpern – ein Boot wurde am 12. Dezember 2025 vor der Küste von Eyl abgefangen, mit zwei jemenitischen und fünf somalischen Insassen – verdeutlichen die neuen operativen Fähigkeiten. Diese Aktion fand im Rahmen umfassender Anti-Terror-Maßnahmen Puntlands statt, bei der über 100 Stellungen des IS in den Cal-Miskaad-Bergen zerstört wurden.

Transaktionsbasiert statt ideologisch

Der UN-Bericht des Analytischen Unterstützungs- und Sanktionsüberwachungsteams von 2025 beschreibt die Beziehungen zwischen Huthi und den Terrorgruppen als “transaktional oder opportunistisch, nicht ideologisch”. So trafen sich Kämpfer von Al-Shabaab im Juli und September mit Huthi-Vertretern in Somalia, um moderne Waffen und Ausbildung zu erwirken.

Im Gegenzug sollten sie die Piraterie im Golf von Aden und vor der somalischen Küste ausweiten, Frachter attackieren und die Schifffahrt stören. Zudem sollten sie Lösegelder von gekaperten Schiffen eintreiben. Laut UN-Dokument sollen Al-Shabaab-Kämpfer in diesem Zeitraum Klein- und leichte Waffen sowie technisches Know-how von den Huthi erhalten haben.

Der gleiche Bericht weist auf eine seit über drei Jahren bestehende Nichtangriffsvereinbarung zwischen den Huthi und Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) hin. Diese umfasst zudem Gefangenenaustausche und Waffenlieferungen. Während AQAP vorrangig lokale jemenitische Ziele angreift, strebt sie eine Ausdehnung ihrer Aktivitäten auf das Rote Meer und den Golf von Aden an.

Die somalischen Piraten agieren als separate kriminelle Organisation, die weniger ideologisch als vielmehr profitorientiert ist. Sie verbünden sich gelegentlich – wie im März 2024 in der Region Sanaag – mit Islamisten, etwa um Schutz zu erhalten oder logistische Unterstützung in deren Einflussgebieten zu bekommen, im Austausch für 30 Prozent der Lösegeldsummen oder Beuteanteile.

Die Einkünfte der Piraten

Seit den frühen 2000er Jahren ist die Hafenstadt Eyl in Puntland als “Harunta Burcadda” (Piratenhauptstadt) bekannt. Kleine Gruppen griffen riesige Containerschiffe und Öltanker an und zwangen Reedereien zur Umfahrung des Horns von Afrika.

Weltbank-Daten zufolge erwirtschafteten somalische Piraten zwischen 2005 und 2012 zwischen 339 und 413 Millionen US-Dollar. Von 2013 bis 2019 verzeichnete die EU-Mission Atalanta 26 Attacken. Nach einer Flaute von 2020 bis 2022 stiegen die Zahlen wieder: sechs Angriffe 2023, 22 im Jahr 2024.

Internationale Seestreitkräfte verstärkten daraufhin ihre Patrouillen. Die PMPF wurde zu einer schlagkräftigen Anti-Terror-Einheit, musste aber Kräfte ins Landesinnere verlegen, um gegen den IS–SP zu kämpfen. Die Piraten nutzten dies aus, während die Huthi-Angriffe im Roten Meer die Seeinstabilität weiter verschärften.

Am 14. Dezember 2023 kaperten somalische Piraten den bulgarischen Massengutfrachter MV Ruen – die erste erfolgreiche Entführung eines Handelsschiffs vor Somalia seit 2017. Das Schiff diente als Basis für weitere Angriffe im Indischen Ozean, bis es der indischen Marine im März 2024 gelang, es zu befreien.

In den Jahren 2024 und 2025 entführten Piraten mindestens sechs Schiffe, teilweise bis zu 2.270 Seemeilen vor der Küste. Allein im April 2026 brachten sie drei Schiffe auf, darunter einen Tanker und einen Fischtrawler. Der jüngste Aufschwung ist größtenteils dem US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran geschuldet, der den Fokus der Region auf den Persischen Golf verlagert hat.

Puntland und Somaliland, Israel und die USA

Das Epizentrum der Piraterie ist Puntland, das sich seit 2024 als autonomer Staat innerhalb Somalias begreift und unabhängig von der Bundesregierung agiert. Es erhebt anders als Somaliland keinen Anspruch auf vollständige Unabhängigkeit.

Am 26. Dezember 2025 erkannte Israel als erste Nation die Republik Somaliland offiziell an. Berichten zufolge begann Israel, gemeinsam mit den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit dem Bau einer Militärbasis in Berbera, die als Plattform für Operationen gegen die Huthi dienen soll.

Die Anerkennung durch Ministerpräsident Netanjahu zielte darauf ab, einen strategischen Stützpunkt im Golf von Aden nahe der jemenitischen Küste zu etablieren. Satellitenbilder von Le Monde zeigen, dass der Flughafen von Berbera seit Oktober 2025 ausgebaut wird – eine Anlage, die ursprünglich in den 1970er Jahren von sowjetischen Fachleuten errichtet wurde.

Während in Puntland Terrorgruppen wie Al-Shabaab und IS–SP operieren, sind diese in Somaliland nicht präsent. Aus strategischer Sicht bietet Berbera daher ausländischen Staaten mehr Einflussmöglichkeiten als der Hafen von Bosaso in Puntland, ohne dass sie die lokalen Behörden im Kampf gegen Terror und Piraterie unterstützen müssten.

Zwei rivalisierende Einflusssphären

Nach der Anerkennung Somalilands zeichnen sich zwei konkurrierende “Achsen” ab. Die Berbera-Achse (Israel – VAE – Äthiopien – Somaliland) zielt darauf ab, den Zugang zu Häfen und Überwachungskapazitäten im Roten Meer zu sichern und dem türkisch-iranischen Einfluss entgegenzuwirken.

Somaliland verfügt über eine 850 Kilometer lange Küste am Golf von Aden, direkt gegenüber von Jemen. Dieser geografische Vorteil erlaubt Israel Echtzeit-Überwachung und rasche Reaktion auf Huthi-Angriffe. Strategische Partner sind die VAE, die seit 2018 den Hafen von Berbera ausbauen.

Äthiopien, das gute Beziehungen zu Israel und Somaliland unterhält, profitiert ebenfalls: Durch ein Abkommen vom Januar 2024 sicherte sich Addis Abeba die Möglichkeit, einen Teil der Küste Somalilands für 50 Jahre zu pachten. Die israelische Anerkennung unterstützt Äthiopiens Suche nach alternativen Partnern angesichts der Spannungen mit Ägypten um den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD).

Die Mogadischu-Achse (Somalia – Türkei – Ägypten – Saudi-Arabien) zielt darauf ab, Somalias Souveränität zu schützen. Die Türkei ist seit den 2010er Jahren Somalias wichtigster Partner und betreibt in Mogadischu ihren größten ausländischen Militärstützpunkt, TURKSOM. Im Februar 202

verlängerte das türkische Parlament das Mandat seiner Seestreitkräfte in somalischen Gewässern. Saudi-Arabien unterzeichnete am 9. Februar 2026 ein Militärabkommen mit Somalia, das die “regionale Stabilität und Sicherheit im Roten Meer” gewährleisten soll. Im Rahmen dieses Abkommens ist die Errichtung eines Marinestützpunkts in Las Qoray geplant.

Ägypten betrachtet die israelisch-somaliländisch-äthiopische Allianz als strategische Blockade und ist fest in der Mogadischu-Achse verankert. Für Kairo ist der Suezkanal nicht nur eine Einnahmequelle, sondern eine Frage des nationalen Überlebens. Bereits am 8. Februar 2026 bekräftigte Präsident El-Sisi die unerschütterliche Unterstützung Ägyptens für Somalia und entsandte über 1.000 Soldaten nach Mogadischu im Rahmen der AMISOM-Mission.

Die Rolle Irans

Iran gehört keiner der genannten Achsen an, ist aber aktiver Teil der antiisraelischen “Achse des Widerstands”. Die Berbera-Achse entstand als Reaktion auf die Bedrohung durch Iran und seine Stellvertreter, insbesondere die Huthi.

Die Beziehungen zwischen Teheran und Mogadischu sind angespannt. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen im Jahr 2016 wurden sie 2024 zwar wiederhergestellt, doch die Spannungen bleiben bestehen. Mogadischu verurteilte scharf die iranischen Angriffe auf kritische Energieinfrastruktur in Saudi-Arabien, Katar und den VAE, da diese die Schifffahrtsrouten unterbrochen und die humanitäre Krise in Somalia verschärft haben.

Iran ist indirekt an den Geschäften zwischen Huthi, somalischen Piraten und Al-Shabaab beteiligt, da er der wichtigste Waffenlieferant der Ansar-Allah-Bewegung ist. Die somalische Küste dient als Transitpunkt für Waffenlieferungen an die Huthi, wie der UN-Bericht vom Oktober 2024 dokumentiert. Diese Kooperation hat sich zu einem regionalen Netzwerk entwickelt, das Al-Shabaab und lokale Piraten umfasst.

Die Zunahme der Piraterie vor der Küste Somalias verschärft die ohnehin instabile Lage am Horn von Afrika. Die Anerkennung Somalilands durch Israel markierte einen Wandel hin zu einem strukturierten Wettstreit um die Sicherheitsarchitektur im Roten Meer. Neben etablierten Akteuren wie der Türkei und den VAE beeinflussen auch die Rivalen Israel und Iran die politische Landschaft. Ihre Konfrontation im Roten Meer verschärft sich vor dem Hintergrund der Blockade der Straße von Hormus, was durch die Unterstützung somalischer Piraten durch iranische Stellvertreterkräfte deutlich wird.

Übersetzung aus dem Englischen.

Tamara Ruschenkowa ist Orientalistin, Dozentin am Lehrstuhl für Geschichte des Nahen Ostens an der Staatlichen Universität St. Petersburg und Expertin für den Telegram-Kanal “Arabisches Afrika”.

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