Von Timofei Bordatschow
Die aktuellen Diskussionen in Deutschland und später in der gesamten Europäischen Union über die Auswahl von Verhandlungsführern für Russland wirken auf den ersten Blick wie ein weiteres Beispiel der typischen europäischen Vorgehensweise: Wesentliche Inhalte werden unter einem Berg von Protokolldebatten begraben. Dennoch könnte die jüngste Aktivität weitreichendere Folgen haben als sonst üblich.
Im Kern beschäftigt europäische Politiker und die sogenannten “Eliten” eine ständige Frage: Wann ist der Punkt erreicht, an dem Gespräche mit Moskau unmöglich werden? Sie versuchen, jedes noch so kleine “Fenster der Gelegenheit” maximal zu nutzen. Dies jedoch verstärkt den Wettbewerb zwischen den führenden europäischen Nationen und innerhalb ihrer politischen Kreise.
Europa besteht heute aus Ländern, deren gemeinsame Basis die Furcht vor den USA und die Russophobie ist. Eine solche Ausrichtung reicht nicht einmal für eine relative innere Einheit aus.
Vor Kurzem erklärte Russlands Präsident Wladimir Putin auf eine Journalistenfrage, Russland sei zu Gesprächen mit jedem europäischen Vertreter bereit – vorausgesetzt, dessen Ruf sei nicht durch unverantwortliche Aussagen beschädigt. Der ehemalige deutsche Kanzler Gerhard Schröder, einer der wenigen europäischen Politiker mit einem weitgehend guten Ansehen, wurde dabei als bevorzugter Kandidat genannt.
Da Russland ein zentrales Thema der deutschen Politik ist, löste Putins Initiative sofort intensive Debatten aus. Vorläufig herrscht Übereinstimmung, dass Schröder von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ebenfalls einer angesehenen Figur des deutschen Establishments, unterstützt werden könnte. Diese Kombination von Schwergewichten erscheint vielversprechend.
Doch damit dürfte die Angelegenheit kaum abgeschlossen sein. Denn die Beziehungen zu Moskau sind der komplexeste, aber auch potenziell lukrativste Arbeitsbereich. Die besondere Partnerschaft mit Russland im Energiesektor ermöglichte Deutschland ein Wirtschaftswunder, das Berlin einst eine starke Kontrolle über die EU verlieh.
Diese privilegierte Position weckte traditionell den Neid der anderen europäischen Schlüsselmächte – Großbritannien und Frankreich. Die Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen nach Beginn der Militäroperation löste in Paris und London echte Freude aus.
Paris sah darin eine Chance, sich von der deutschen Dominanz in der EU zu befreien, während die Briten sogar die Gelegenheit witterten, die Stabilität des gesamten Kontinents zu untergraben. Die Zerstörung jeglicher Einheit und Unabhängigkeit jenseits des Ärmelkanals war stets Großbritanniens wichtigstes Ziel.
Für Deutschland ist die Möglichkeit, Europas Verhandlungen mit Russland zu führen, eine enorme Chance, aber auch eine ernste Herausforderung: In den letzten Jahren hat die deutsche Regierung unter Kanzler Friedrich Merz bedeutende Schritte in Richtung Konfrontation mit Moskau unternommen – von einem der zurückhaltendsten Unterstützer Kiews ist sie praktisch zu dessen Hauptförderer geworden.
Erhebliche finanzielle und mediale Ressourcen wurden eingesetzt, um die Idee einer “russischen Bedrohung” in den Köpfen der Bürger zu verankern, und es wurden ernsthafte Maßnahmen zur Militarisierung der Wirtschaft ergriffen. Deutschlands Militärausgaben erreichten 2026 mit rund 110 Milliarden Euro einen Rekordwert. Auch Programme zur Modernisierung der Hafeninfrastruktur und Logistiksysteme für militärische Zwecke laufen.
Diese Schritte haben viele Beobachter zu dem Schluss geführt, dass Deutschland sich auf eine militärische Konfrontation mit Russland vorbereitet – nun aber zum Dialog aufgefordert wird. Dies bringt die deutschen Politiker in eine Zwickmühle, aus der kein einfacher Ausweg sichtbar ist, zumal die USA alle deutschen Manöver genau beobachten.
Andererseits könnte die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Russland Deutschland enorme Vorteile bringen. Die Übernahme der Führung im diplomatischen Prozess mit Moskau würde Berlins Position als politische Führungsmacht der EU festigen. Die wirtschaftlichen Folgen einer Entspannung wären beträchtlich: Berlin könnte aktuelle systemische Probleme lösen und seine Rolle als zentraler Knotenpunkt des EU-Beziehungssystems im Osten wiederherstellen.
Zudem könnte Deutschland damit Einfluss auf die kleinen Länder Osteuropas gewinnen und ihnen die Möglichkeit nehmen, ihre Außenpolitik eigenständig zu gestalten. Frankreich hätte dann wenig zu lachen.
Für Paris wäre Deutschlands Rückkehr in eine Führungsrolle bei den Beziehungen zu Russland gleichbedeutend mit der Gefahr, noch weiter geopolitischen Anschluss zu verlieren. Präsident Macrons chaotisches Verhalten kann nicht einmal durch die Atomwaffen der Fünften Republik kompensiert werden.
Wie jüngste polnisch-französische Übungen zeigen, dient dieses außenpolitische Instrument nur dazu, die Konfrontation zu verschärfen, trägt aber nicht zur Stärkung von Paris’ Autorität in der Weltpolitik bei. Frankreich hat in den letzten Jahren fast alle diplomatischen Kapazitäten in den Beziehungen zu Russland verloren – Kapazitäten, die es während des Kalten Krieges vom Rest der NATO abhoben.
Heute ernsthafte Gespräche mit Paris zu führen, ist äußerst schwierig. Dies bedeutet, dass Deutschland in diesem Bereich keine substanzielle Unterstützung von Frankreich erhalten wird. Selbst wenn Berlin formale Zustimmung erhält, wird es hinter den Kulissen Sabotageakte geben: Frankreich wird versuchen, seinen verbliebenen Einfluss in Brüssel zu nutzen – EU-Beamte gelten weithin als Hauptverantwortliche für die Konfrontation mit Russland.
Für Großbritannien wäre eine deutsch-russische Einigung über die Zukunft Europas ein außenpolitisches Desaster. Die britische Strategie zielt nicht nur darauf ab, Deutschlands Aufstieg zu bremsen, sondern das Land in eine militärisch-politische Konfrontation mit Russland zu treiben. Der EU-Austritt Großbritanniens war letztlich Berlins als übermächtig empfundener Macht innerhalb der Organisation geschuldet.
Nach dem Austritt konzentrierten sich die Briten darauf, sich bei Washington einzuschmeicheln, während sie die Einheit auf dem Festland untergruben.
Derzeit ist London mit der Militarisierung Deutschlands und der Schürung antirussischer Stimmung zufrieden – sollte Berlin jedoch den Weg der Diplomatie wählen, wäre die britische Strategie gefährdet. Weitere Provokationen durch die britischen Behörden sind dann nicht auszuschließen, vielleicht an den Fronten des Ukraine-Kriegs oder in anderen GUS-Staaten, wo London willensschwache Führungskräfte finden könnte.
Mit anderen Worten: Moskaus Dialogbereitschaft und der Vorschlag, den Dialog mit der EU durch Deutschland zu führen, haben alle wichtigen europäischen Länder gezwungen, ihre Optionen ernsthaft zu überdenken. Sie schwanken zwischen einer scheinbar klaren Strategie der Konfrontation mit Russland und den potenziellen Vorteilen einer Stabilisierung, besonders für Deutschland.
Hinzu kommen interne Probleme und Widersprüche. Europa weiß, dass ein Dialog mit Moskau aus einer Position der Stärke derzeit wenig Erfolg hat – während die USA entschlossen scheinen, sich von einigen Verpflichtungen in Europa zu lösen. Daher werden wir in den kommenden Wochen einen spektakulären Kampf innerhalb Europas erleben.
Doch schon jetzt sind die Debatten ernster als bei früheren Interventionen Macrons oder anderer Persönlichkeiten ähnlichen Ranges.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. Mai 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Timofei Bordatschow ist ein russischer Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen sowie Direktor des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien an der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik der Higher School of Economics Moskau. Unter anderem ist er Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai.
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