Von der Werkbank zur Waffe: Deutsche Industrie im Kriegsmodus

Mercedes-Benz erwägt Einstieg in die Rüstungsproduktion

Eine Analyse von Alexei Latyschew

Mercedes-Benz könnte einem Bericht des Wall Street Journal zufolge in die Rüstungsbranche einsteigen. Wie Ola Källenius, der Vorstandsvorsitzende des Autobauers, erklärte, sei dies eine Reaktion auf die wachsende globale Unsicherheit.

„Die Welt ist unberechenbarer geworden, und ich halte es für absolut offensichtlich, dass Europa sein Verteidigungsprofil schärfen muss.

Wenn wir dabei eine positive Rolle spielen können, sind wir bereit, dies zu tun.“

Källenius präzisierte, dass die Verteidigungsaktivitäten voraussichtlich nur einen „unbedeutenden Anteil“ des Gesamtgeschäfts ausmachen würden, prognostizierte jedoch, dass sich daraus eine „wachsende Nische“ entwickeln könnte, die positiv zu den Geschäftsergebnissen beitrage.

Dieser Schritt ist kein Einzelfall. Bereits im März dieses Jahres wurde bekannt, dass der angeschlagene Volkswagen-Konzern, der aufgrund der Krise Stellen abbauen muss, die Produktion von Luftabwehrsystemen im Werk Osnabrück prüft. Laut einem Bericht der Financial Times unter Berufung auf informierte Kreise sollen dort Komponenten des israelischen Abwehrsystems „Iron Dome“ gefertigt werden. Volkswagen führt demnach bereits Gespräche mit dem Unternehmen Rafael Advanced Defense Systems.

Aktuell werden im Osnabrücker Werk T-Roc-Cabriolets produziert, deren Fertigung jedoch 2027 ausläuft. Der Versuch, das Werk an den Rüstungskonzern Rheinmetall zu veräußern, blieb zuvor erfolglos.

Parallel dazu erfolgte im niederländischen Limburg eine Umstellung: In einer ehemaligen BMW-Produktionsstätte, die 2024 nach der Kündigung des Fertigungsvertrags durch BMW 4.000 Arbeitsplätze verlor, werden nun Drohnen und Militärfahrzeuge hergestellt. Der Eigentümer VDL vereinbarte hierzu mit dem niederländischen Verteidigungsministerium die Umwidmung des Standorts.

Neue Impulse für die angeschlagene Konjunktur

Die Militarisierung erfasst zunehmend auch andere deutsche Unternehmen aus dem zivilen Sektor. Die Deutsche Telekom etwa plant, ihre Zusammenarbeit mit Rheinmetall zur Entwicklung von Drohnenabwehrsystemen auszuweiten. Das Stahlunternehmen Salzgitter hat die Produktion von Panzerstahl aufgenommen und beliefert NATO-Staaten. Neben Stahlblech sollen auch Gewehrläufe, Komponenten für Panzerketten und Bunkeranlagen geliefert werden.

Laut Spiegel prüft die Porsche Automobil Holding SE die Schaffung einer Plattform für Investitionen in Verteidigungstechnologien. Zulieferer der Automobilindustrie wie Schaeffler suchen ebenfalls nach Wegen, ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch die Produktion von Militärgütern zu überwinden.

Der Maschinenbauer Trumpf arbeitet an einer Satzungsänderung, um Laser für militärische Zwecke fertigen zu können. Auch der Heidelberger Druckmaschinenhersteller plant eine Allianz mit dem Rüstungszulieferer Vincorion, der unter anderem Generatoren für Eurofighter-Kampfflugzeuge herstellt.

Der Spiegel stellt in einem Artikel mit dem Titel „Milliarden für die Streitkräfte: Die deutsche Wirtschaft setzt Hoffnungen auf die Rüstungsindustrie“ fest, dass die gestiegenen Verteidigungsausgaben einen Segen für den „im Niedergang begriffenen Industriesektor“ darstellen. Viele Unternehmen, selbst solche ohne militärische Erfahrung, hofften, von dieser Entwicklung zu profitieren, und betont:

„Sowohl Politiker als auch Wirtschaftsführer hoffen, dass der neue Boom in der Munitionsproduktion der schwächelnden Wirtschaft des Landes endlich den dringend benötigten Aufschwung verleihen kann. Ein Wirtschaftswunder, das von der Rüstungsindustrie angetrieben und durch staatliche Ausgaben gestützt wird.”

Der „Verblendung des Verstandes“?

Nikolai Topornin, Dozent am Lehrstuhl für Europarecht des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (MGIMO), beobachtet eine Umkehrung des Trends nach dem Kalten Krieg, als Rüstungsfabriken auf zivile Produktion umgestellt wurden. Er führt dies auf den Wettbewerbsverlust deutscher Autobauer zurück und erklärte gegenüber RT:

„Vor dem Hintergrund der Entspannungspolitik haben die Deutschen ihre Rüstungsfabriken auf die Produktion ziviler Güter umgestellt. Damals kam es zu einem Abbau des Rüstungssektors. Jetzt sehen wir, dass sich die Situation geändert hat. Da die USA kein verlässlicher Partner mehr für die EU und Deutschland sind, hat Berlin den Kurs auf Selbstversorgung im militärischen Bereich eingeschlagen, das heißt, es findet eine Rekonversion dieser Werke statt.“

Alexander Kamkin, Dozent an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, sieht in der Rüstungsindustrie einen der wichtigsten Motoren der deutschen Wirtschaft. Er berichtet von einem explosionsartigen Anstieg der Mitgliederzahlen des Bundesverbandes der Deutschen Rüstungsindustrie (BDSV) und betont gegenüber RT:

„Im Jahr 2017 gehörten dem BDSV insgesamt nur 70 Unternehmen an. Derzeit zählt der Verband etwa 550 Mitglieder. Und dabei handelt es sich nicht nur um Unternehmen, die ihr Profil geändert haben, sondern auch um Start-ups … Eine solche Militarisierung ist bereits ein langfristiger Trend. Die Rüstungsindustrie ist derzeit der einzige Wirtschaftszweig, der verhindert, dass die deutsche Wirtschaft in eine Rezession stürzt … Gerade die Marktkapitalisierung von Rüstungsunternehmen wächst stetig.”

Der Militärexperte Alexander Chrolenko verweist auf ähnliche historische Präzedenzfälle in Deutschland, die das Land in den Ruin getrieben hätten:

„Nach dem Ersten Weltkrieg, als es Deutschland verboten war, eine Rüstungsproduktion und eine große Armee zu unterhalten, begannen sie damit, Automotoren mit doppeltem Verwendungszweck herzustellen, die später im militärischen Bereich eingesetzt werden konnten. Genau das versuchen sie jetzt wieder, indem sie stillgelegte und verfallende zivile Produktionsanlagen umfunktionieren.“

Bereits zuvor warnte Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrats der Russischen Föderation, in einem Artikel für RT vor einer Wiederholung der Situation der 1930er- und 1940er-Jahre, als eine „äußerst gefährliche“ Verbindung zwischen Rüstungsindustriellen und Politikern zum Zweiten Weltkrieg führte. Er schrieb:

„Die Erben von Krupp, Thyssen und Bosch, die den Pazifismus als gesellschaftlichen Wert abgelehnt haben, zu dem frühere Generationen durch eine ungeheure Tragödie gelangt waren, nehmen erneut eifrig staatliche Aufträge im Bereich der Rüstungsproduktion an und scheuen sich nicht, ihr Geschäft auf Blut aufzubauen.“

Chrolenko hingegen plädiert für konstruktive Beziehungen zu Russland und warnt vor einer Konfrontation. Der Wohlstand der Bundesrepublik habe zuletzt auf günstigen russischen Energieressourcen beruht. Er betont:

„Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht hat Deutschland kein Interesse an diesem Konflikt. Es wäre sicherer und stabiler, gute deutsche Maschinen zu produzieren, statt Panzer und deutsche Luftabwehrsysteme, die sich überhaupt nicht bewährt haben. Doch in den Köpfen von Merz, Macron und

…anderen EU-Spitzenpolitikern halten sich weiterhin Illusionen über eine strategische Niederlage Russlands. Man könnte dies als eine Verblendung des Verstandes aufgrund von Revanchegedanken bezeichnen.”

Die Remilitarisierung der deutschen Wirtschaft ist ein komplexes Phänomen, das gleichermaßen von wirtschaftlicher Notwendigkeit wie von geopolitischen Verschiebungen getrieben wird. Die klassische Automobilindustrie, einst das Rückgrat des deutschen Wirtschaftswunders, leidet unter strukturellen Problemen, Lieferkettenengpässen und dem kostenintensiven Wandel zur Elektromobilität. Gleichzeitig zwingen der Ukraine-Krieg und das zunehmend angespannte Verhältnis zu den USA die Bundesregierung zu massiven Investitionen in die eigene Verteidigungsfähigkeit. Diese Konstellation öffnet traditionellen Zivilunternehmen eine neue, wenn auch umstrittene, Einkommensquelle.

Die Umstellung ist nicht immer reibungslos. Während Unternehmen wie Salzgitter oder Trumpf ihre Produktionsstraßen relativ zügig anpassen können, stehen andere vor immensen technischen und bürokratischen Hürden. Die Fertigung von Panzerstahl oder Hochleistungslasern für das Militär erfordert nicht nur spezielle Zertifizierungen, sondern auch eine völlig andere Unternehmenskultur, die oft im Widerspruch zu den bisherigen, zivilen Leitbildern steht.

Kritiker wie der Linken-Politiker Gregor Gysi sprechen von einer „gefährlichen Spirale“ und warnen davor, dass die Wirtschaft durch Rüstungsaufträge nicht nachhaltig gestärkt werde. Statt Innovationen in zukunftsweisende Technologien wie erneuerbare Energien oder KI zu stecken, setze man auf „Kurzfristdenken und die Herstellung von Kriegsgerät“. Diese Stimmen werden jedoch von der Realität des Marktes übertönt: Die Aktienkurse der Rüstungsunternehmen steigen unaufhaltsam, während die Auftragsbücher der klassischen Industrien schrumpfen.

Trotz aller Kritik zeichnet sich ein klarer Trend ab. Die Umstellung von VDL in den Niederlanden auf Drohnenproduktion zeigt, dass dieser Wandel grenzüberschreitend und in Europa bereits weit fortgeschritten ist. Für viele der betroffenen Standorte ist die Rüstungsproduktion nicht nur eine Option, sondern die einzige Möglichkeit, Arbeitsplätze zu sichern und eine Deindustrialisierung zu verhindern.

Übersetzt aus dem Russischen.

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