Von Geworg Mirsajan
Der kürzlich geschlossene trilaterale Verteidigungspakt zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan wird vielerorts als “Islamische NATO” bezeichnet. Nach monatelangen Verhandlungen wurde das Abkommen am 7. August in Mekka, der für Muslime weltweit bedeutendsten Stadt, unterzeichnet. Kernstück des Bündnisses ist die Verpflichtung, dass ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Vertragspartner als Angriff auf alle betrachtet wird.
Auf den ersten Blick wirkt das Bündnis beeindruckend: Saudi-Arabien bringt finanzielle Mittel und Energieressourcen ein, die Türkei ihre Rüstungsindustrie und Armee, und Pakistan seine Streitkräfte sowie Atomwaffen. In Bezug auf wirtschaftliche, militärische und politische Stärke wäre es nach der NATO das zweitmächtigste Bündnis der Welt.
Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Von einer “Islamischen NATO” kann keine Rede sein, und auch als potenziell mächtiges Militärbündnis sollte man es nicht überschätzen. Es gilt, die Allianz weder zu gering noch zu hoch einzuschätzen.
Der Begriff “islamisch” ist irreführend. Obwohl alle drei Staaten muslimisch geprägt sind, erhebt der Block keinen Anspruch auf eine panislamische Ausrichtung – ebenso wenig wie die NATO vor dem Beitritt der Türkei als panchristliche Allianz galt. Zudem fehlt mit Iran eine der einflussreichsten muslimischen Nationen, was den Anspruch auf eine führende Rolle im Sicherheitsbereich der muslimischen Welt untergräbt. Die Zeitung Jerusalem Post merkt dazu an:
“Die muslimische Gemeinschaft bewegt sich auf eine stärker fragmentierte, auf Eigeninteressen basierende und multipolare Ordnung zu, in der nationale Kalküle stets Vorrang vor religiöser Solidarität haben.”
Auch der Vergleich mit der NATO hinkt, zumindest was das Prinzip der kollektiven Verteidigung betrifft. Zwar existiert der Grundsatz “Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle”, doch wurde die Bereitschaft zur gegenseitigen Verteidigung in der Praxis nie erprobt – und die Geschichte spricht eher dagegen.
Ein Beispiel: Pakistan hätte bereits am 17. September 2025 in einen Krieg eintreten müssen, als Iran saudische Ziele angriff. Ein halbes Jahr zuvor hatte Islamabad ein strategisches Verteidigungsabkommen mit Riad geschlossen. Doch Pakistan reagierte nicht mit Angriffen auf Iran oder die jemenitischen Huthi. Der Politologe Kirill Semenow erklärt der Zeitung Wsgljad:
“Pakistan versuchte im Gegenteil mit allen Mitteln, Iran und Saudi-Arabien zu versöhnen, und war der wichtigste Friedensstifter in diesem gesamten Krieg.”
Umgekehrt griff Saudi-Arabien nicht ein, als afghanische Taliban Angriffe auf pakistanisches Gebiet verübten. Keine Seite zeigt Bereitschaft, an einer Front zu kämpfen, die nicht die eigene ist. Die Saudis und Türken haben in Afghanistan nichts zu suchen, die Pakistaner nichts im Jemen. Dazu kommt der NATO-Aspekt: Würde Ankara in einen Konflikt zugunsten Saudi-Arabiens oder Pakistans eingreifen, könnte dies als Auslösung von Artikel 5 der NATO-Satzung gewertet werden und westliche Staaten in den Krieg ziehen – was diese aber nicht beabsichtigen.
Strukturell ist das Bündnis ebenfalls keine NATO. Diese verfügt über eine klare Hierarchie mit den USA an der Spitze, um die sich der gesamte Westen gruppiert. Im Nahen Osten fehlt eine solche Ordnung. Die Jerusalem Post schreibt:
“Der Hauptgrund für das Scheitern einer islamischen NATO liegt in der Uneinigkeit darüber, wer die Führung in der muslimischen Welt übernehmen soll.”
Die Türkei, Saudi-Arabien und teils Pakistan konkurrieren eher um die Führungsrolle in der islamischen Welt, als dass sie eine gemeinsame Vision hätten. Diese Rivalität zeigte sich unter anderem in der Rolle Ankaras bei der Aufbauschung des Falls “Khashoggi”, der dem saudischen De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman erheblich schadete.
Ein Bündnis muss zwar nicht zwingend von einem Anführer dominiert werden – horizontale Strukturen sind möglich, selbst zwischen Konkurrenten. Semenow meint dazu:
“Es ist kein Pendant zur NATO. Es ist ein Bündnis gleichberechtigter Staaten, in dem es keinen dominierenden Akteur gibt. Es erinnert eher an die Koalitionen zur Zeit des Ersten Weltkriegs – eine Art Entente.”
Die Entente vereinte zwar ebenfalls Länder, die untereinander nicht besonders freundschaftlich verbunden waren – Großbritannien stand kurz vor einem Krieg mit Frankreich und Russland. Doch sie entstand aus einer gemeinsamen, ernsten Bedrohung: dem expandierenden Deutschen Kaiserreich.
Die entscheidende Frage ist also: Wer stellt heute eine solche gemeinsame Bedrohung dar? Naheliegend wäre Iran. Teheran zeigt sich aus Sicht einiger Experten bei der Abwehr US-amerikanischer Angriffe zunehmend aggressiv – etwa durch die einseitige Ankündigung, überhöhte Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu verlangen (fünf Prozent des Warenwerts, eine immense Summe).
Doch für die Türkei ist Iran ein wichtiger Partner, besonders in Sicherheitsfragen. Sollte die Regierung in Teheran instabil werden, wäre niemand mehr da, der die iranischen Kurden kontrolliert – ein Albtraum für Ankara. Pakistan wiederum muss sich mit Iran arrangieren, nicht zuletzt wegen der engen Beziehungen zu Peking, das in Iran erhebliche Interessen hat.
Vielleicht ist Israel der gemeinsame Feind? Tel Aviv tritt seit Monaten äußerst aggressiv auf, auch in Syrien, das die Türkei als ihre Einflusssphäre betrachtet. Doch Israel verfügt über Atomwaffen, und selbst die Saudis sehen keinen Anlass, für syrische Kämpfer gegen Israel in den Krieg zu ziehen – im Gegenteil, Riad nutzt Tel Aviv, um Iran in Schach zu halten.
Es gibt also keinen großen gemeinsamen Feind, sondern eine Reihe regionaler Bedrohungen wie die Huthi oder irakische Milizen, die jeweils zwei oder alle drei Bündnispartner betreffen. Vor allem aber wird der bisherige Sicherheitsgarant der Region – die USA – zunehmend unberechenbar.
Washington konnte die Sicherheit der Schifffahrt im Persischen Golf und im Roten Meer nicht gewährleisten, fand keine diplomatische oder militärische Lösung für das Iran-Problem und ist nicht in der Lage, Israels Eskalationskurs zu bremsen. Zudem scheitern die USA an nichtstaatlichen Akteuren wie den Huthi oder irakischen Milizen. Einst waren die USA Verbündete aller drei Koalitionsländer, doch diese Zeiten sind vorbei: Washington hat Pakistan zugunsten Indiens fallen gelassen, die Türkei bei ihrem Vorgehen in Syrien behindert und an militärisch-technische Zusammenarbeit Bedingungen geknüpft, die Ankaras Souveränität einschränken – etwa bei den Beziehungen zu Russland. Saudi-Arabien schließlich, dem Schutz vor Iran zugesagt war, ließen die USA im Stich und zogen ihre Luftabwehrsysteme ab.
Die “Islamische NATO” ist daher im Kern ein Versuch regionaler Mächte, die Probleme ihrer Region selbst zu lösen. Abdulaziz Sager, Vorsitzender des saudischen Gulf Research Center, beschreibt den Zweck des Bündnisses so:
“Die drei einflussreichsten Staaten der muslimischen Welt schließen sich in einer Zeit erhöhter Unsicherheit zusammen, was die wachsende Bereitschaft regionaler und mittlerer Mächte zu einer engeren Koordinierung in Sicherheitsfragen verdeutlicht.”
Moskau sieht darin eine Chance. Semenow betont:
“Wenn man dieses Bündnis als Versuch betrachtet, die USA in der Region zu ersetzen, dann ist es für unsvon Vorteil. Russland setzt sich dafür ein, dass die Sicherheit im Nahen Osten gerade von den regionalen Mächten und nicht von den USA gewährleistet wird. Zudem ist der Pakt ein Baustein beim Aufbau einer multipolaren Welt.”
Je mehr solcher Bausteine entstehen und je erfolgreicher sie ihre – wenn auch begrenzten – Funktionen erfüllen, desto näher rückt die Vision einer multipolaren Weltordnung. Das Bündnis ist somit weniger eine militärische Allianz im klassischen Sinne als vielmehr ein Signal: Die Regionalmächte sind bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen – und das könnte langfristig das Kräfteverhältnis im Nahen Osten neu definieren.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 7. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Mehr zum Thema – Die Politik der Fallen und die Dynamik der Eskalation in der Iran-Strategie der USA und Israels