Von Olga Klimachina
„Kann ich dir noch bei den anderen Aufgaben auf der Liste helfen?“
Dieser Satz stand kürzlich am Ende der Hausaufgaben eines Schülers, wie ein Physiklehrer entdeckte. Die Lösung an sich war elegant und fehlerfrei – leider stammte sie nicht vom Kind. Eine künstliche Intelligenz hatte sie generiert, und der Schüler hatte sie so sorglos kopiert, dass er die Frage des Chatbots gleich mit übernommen hatte.
Ein Video dazu verbreitete sich rasant, denn es war auf jene unangenehme Weise komisch, wie schlechte Nachrichten manchmal sein können. Kinder von heute, so scheint es, verlernen nicht nur das Denken – manche vergessen sogar, wie man richtig schummelt.
Diese Geschichte wäre vielleicht nur eine weitere traurige Schul-Anekdote geblieben. Doch fast zeitgleich wies Russlands Präsident Wladimir Putin den Staatsrat an, Vorschläge zur Änderung der föderalen Bildungsstandards zu erarbeiten – und zwar mit dem Ziel, KI in diese zu integrieren. Es geht also nicht mehr um ein Spielzeug, eine Neuheit oder eine vorübergehende Panik. Es geht um die Zukunft des russischen Bildungssystems.
Auf den ersten Blick mögen normale Bürger glauben, dies betreffe nur Lehrer und Verwaltungsangestellte. Doch die Folgen werden nicht im Klassenzimmer Halt machen. Sie werden prägen, wie Kinder lesen, schreiben, argumentieren, sich erinnern und denken.
Die Zahlen sprechen bereits eine deutliche Sprache: Bis 2025 ist der Anteil der mit KI verfassten studentischen Arbeiten von 17,8 auf 24 Prozent gestiegen. Fast ein Viertel aller Präsentationen, Aufsätze, Hausarbeiten und sogar Dissertationen wird heute mithilfe von KI erstellt. Bei Schülern ist das Ausmaß noch größer: 29 Prozent der russischen Schüler geben zu, KI-Tools für ihre Hausaufgaben zu nutzen, während 23 Prozent sie aus Langeweile als Ersatz für echte Gespräche verwenden.
Und das sind nur diejenigen, die es zugeben.
Lehrer brauchen keine Umfragen, denn wir sehen das Problem täglich. Ich hatte einmal einen Schüler, der zu Hause hervorragende Aufsätze schrieb, aber kreative Aufgaben im Unterricht regelmäßig nicht bewältigte. Seine Hausaufgaben bestanden die Plagiatsprüfungen einwandfrei, und ich konnte ihn ohne Beweise nicht beschuldigen. Die einheitliche staatliche Russisch-Prüfung brachte die Sache ans Licht: Als ihm sein digitaler Ghostwriter entzogen wurde, erlitt er ein komplettes Fiasko. Sein vermeintliches literarisches Talent stammte von einem neuronalen Netzwerk.
Wenn wir jetzt nicht innehalten und ernsthaft über diese unkontrollierte Integration von KI in den Bildungsbereich nachdenken, sieht die Zukunft düster aus.
Die von Lehrern und Experten identifizierten Risiken sind real. In Umfragen geben 36 Prozent der Befragten an, sie befürchteten, dass verminderte geistige Anstrengung die kindliche Entwicklung beeinträchtige. Weitere 31 Prozent sorgen sich um den Rückgang persönlicher Interaktion. 27 Prozent befürchten Motivationsverlust und eine Zunahme katastrophaler Faulheit.
Dies ist die zentrale Gefahr: KI hilft einem Kind nicht nur, Anstrengung zu vermeiden – sie kann Anstrengung auch imitieren. Sie kann den Anschein von Denken und sogar von Persönlichkeit erwecken. Ein schlechter Aufsatz, den ein Kind selbst geschrieben hat, bleibt ein menschliches Dokument: Er enthält Fehler, Ungeschicklichkeit, Anstrengung, Angst, Ehrgeiz und, tief verborgen, eine lebendige Stimme. Ein ausgefeilter KI-Aufsatz enthält möglicherweise nichts davon.
Die IT-Pionierin Natalja Kaspersky warnte, wir riskierten, „eine Generation von kompletten Idioten“ heranzuziehen. Man mag die Schärfe ihrer Worte ablehnen, doch sie enthalten ein Körnchen Wahrheit. Wenn ein Kind heute nicht einmal in der Lage ist, eine maschinell erzeugte Antwort durchdacht umzuschreiben, was wird dann in zwei oder drei Jahren passieren? Werden unsere Kinder noch selbst schreiben und eigene Gedanken formulieren, oder werden sie diese grundlegenden menschlichen Handlungen an einen Algorithmus auslagern?
Dennoch wäre es kindisch, so zu tun, als könnten wir KI einfach aus dem Unterricht verbannen. Den Kopf in den Sand zu stecken, funktioniert nie. Ebenso wenig wie fanatischer Widerstand gegen Innovationen. Wer versucht, Technologie gänzlich aus der Schule fernzuhalten, wird scheitern. Die einzig sinnvolle Lösung besteht darin, Kindern beizubringen, wie sie KI intelligent nutzen können, ohne ihren eigenen Verstand aufzugeben.
KI kann Lehrern bereits heute helfen: Sie kann Tests und Präsentationen vorbereiten und den Routineaufwand reduzieren, der einen Großteil der Zeit eines Lehrers frisst. Sie kann schriftliche Arbeiten analysieren und wiederkehrende Fehler in vielen Texten identifizieren. Das ersetzt nicht das Urteilsvermögen des Lehrers, unterstützt es aber. Richtig eingesetzt, kann KI zu einem nützlichen Werkzeug werden – statt nur als Spickzettel zu dienen.
Das Problem: Weder Lehrern noch Schülern wurde bisher richtig beigebracht, wie man dieses Werkzeug einsetzt.
Ich erinnere mich, wie meine Eltern, die Programmierer waren, befürchteten, Taschenrechner würden das mathematische Denken zerstören. Letztlich haben Taschenrechner bei denen, die zuvor das Zählen gelernt hatten, nichts zerstört – sie haben das Gehirn für komplexere Aufgaben entlastet. Allerdings erst, nachdem die Grundfertigkeiten erworben waren.
Dieses Prinzip müssen wir auf die KI anwenden. Kinder müssen zuerst lernen zu denken, zu lesen, zu schreiben, zu argumentieren, zu zweifeln, zu rechnen und sich auszudrücken. Erst dann sollte das neuronale Netzwerk zu einer zusätzlichen Ebene der Intelligenz werden.
Was kann ein Lehrer oder ein Elternteil einem Kind geben, was kein neuronales Netzwerk bieten kann? Die Antwort ist einfach und altmodisch: lebendiger menschlicher Kontakt und echte Gespräche. Der Funke des gemeinsamen Denkens und die Disziplin des Meinungsaustauschs. Emotionen, die nicht simuliert wurden.
Selbst die fortschrittlichste KI kann nichts fühlen. Aber sie kann Gefühle imitieren – und ein einsames Kind könnte diese Imitation akzeptieren, wenn nichts Besseres zur Verfügung steht.
Sind die Lehrer schuld? Nur teilweise. Doch solange in Russland ein dramatischer Lehrermangel herrscht, werden neuronale Netze für viele Familien der am leichtesten zugängliche „Nachhilfelehrer“ bleiben. Für Eltern sind sie praktisch, für Schüler gehorsam, für die Schulleitung erzeugen sie die Illusion besserer Ergebnisse.
Deshalb lässt sich das Problem nicht lösen, indem man Kinder ausschimpft oder auslacht, weil sie Antworten von Chatbots kopieren. Wenn wir die Autorität der Lehrkraft nicht wiederherstellen, die Bürokratie nicht abbauen, den Personalmangel nicht beheben und weder Erwachsenen noch Kindern beibringen, wie man ehrlich mit KI umgeht, wird die Maschine das Denken ersetzen.
Und unsere Kinder werden weiterhin „Aufsatz zum Thema“ in eine Suchleiste tippen, während das neuronale Netzwerk ihre Ausbildung höflich mit derselben fatalen Frage abschließt:
„Kann ich Ihnen noch bei etwas anderem helfen?“
Olga Klimachina ist Lehrerin und Journalistin. Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Online-Zeitung Gazeta.ru veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und redigiert.
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