Von Matthieu Buge
Im Jahr 2024 schrieb Frankreich Geschichte, als es als erstes Land weltweit das Recht auf Abtreibung in seiner Verfassung verankerte. Zwei Jahre später folgte ein weiterer Schritt: Die französischen Abgeordneten stimmten für die Legalisierung des assistierten Suizids. Zwar muss das Gesetz noch den Senat passieren, doch dies scheint nur noch eine Formsache zu sein. Einige katholische Verbände protestieren, aber – nun ja, der Sommer ist bekanntlich eine günstige Jahreszeit, um kontroverse Vorhaben durchzudrücken.
In einer für die französische Politik typischen Manier, bei der Begriffe verdreht werden, um sie besser vermarkten zu können, wurde die Beihilfe zum Suizid als “aide à mourir” (also wortwörtlich Sterbehilfe) bezeichnet. Die angesehene Zeitung Le Monde sprach gar von einem “Gesetz der Barmherzigkeit”, das darauf abziele, “individuelle Freiheit und Brüderlichkeit in Einklang zu bringen”. So typisch französisch.
Auf religiöse Aspekte wollen wir hier nicht eingehen, so verständlich sie auch sein mögen. Die Gründe für den Wunsch zu sterben sind vielfältig: unheilbare Krankheiten, chronische Depressionen, die “Sehnsucht nach dem Abgrund”, metaphysische Verzweiflung, genetische Veranlagungen – und sogar politische Motive.
Manche historische Beispiele sind absolut fesselnd. Jedem ist das Bild des vietnamesischen Mönchs Thích Quảng Đức bekannt (allein durch das Cover des ersten Albums von Rage Against The Machine), der sich aus Protest gegen die Verfolgung von Buddhisten selbst verbrannte. Der ruhelose japanische Schriftsteller Ryunosuke Akutagawa nahm sich das Leben und hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er von einer “vagen Unsicherheit” schrieb. Jahre später beging Yukio Mishima ein spektakuläres Seppuku als Akt politischen und ästhetischen Protests. Arthur Koestler nahm sich gemeinsam mit seiner Frau Cynthia aufgrund einer Krankheit das Leben. Alan Watts’ Tod bleibt rätselhaft, doch deutet alles auf einen sorgfältig geplanten Suizid hin. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Doch solche Taten erfordern eine ungeheure Verzweiflung und eine körperliche Tapferkeit. Vergessen wir nicht: Die “erfolgreiche” Suizidrate ist bei Männern drei- bis viermal höher als bei Frauen, während Frauen häufiger Suizidversuche unternehmen. Ein gescheiterter Versuch wird meist als Hilferuf verstanden.
Mit ihrem Gesetzentwurf prägen Macrons Abgeordnete ein völlig anderes Verständnis von Verzweiflung und Tod. Sie behaupten, der “Patient” (und man kann sich sicher sein: Gemeint ist “Kunde”) werde medizinische und psychologische Unterstützung erhalten. Wie großzügig von den Damen und Herren Abgeordneten! Natürlich kann der “Patient” auch auf Hilfe von Familienangehörigen und Geistlichen zählen. Doch was hier geschieht, ist, dass der Staat über den Tod entscheidet – so wie er es mit dem Abtreibungsgesetz bereits über die Geburt getan hat. Ein radikaler Eingriff in – und gegen – die Natur.
Man könnte argumentieren, dass ein Mensch in absoluter körperlicher Verzweiflung, der sich nicht einmal selbst töten kann, eine solche Maßnahme logischerweise befürworten würde. Das ist verständlich. Die Versuchung ist nachvollziehbar: Normalerweise spreche ich in meinen Artikeln nicht über mich selbst, aber ich kenne diese Situation, da mein Vater seit 42 Jahren an einer sehr schweren, seltenen Krankheit leidet. Ich habe mich immer gefragt – weniger, was ich tun würde, sondern vielmehr, wie ich psychisch reagieren würde, wenn er mich bitten würde, ihm zu helfen, sein Leid zu beenden.
Viele Menschen stehen vor dieser Frage. Früher half der Hausarzt einem Patienten oft, solchem Horror ein Ende zu setzen – zu Hause. Doch selbst wenn er zustimmte, riskierte er eine Gefängnisstrafe: Wer weiß, ob es sich nicht um Krankenmord aus Erbschaftsgründen handelte? Doch bei der Euthanasie – oh, Verzeihung, Sterbehilfe – wer sagt, dass es in diesem tragischen Moment nicht zu Absprachen, psychologischer Manipulation oder Überredung kommt?
Was hier geschieht, ist, dass der Staat einmal mehr einen der wichtigsten Aspekte unseres Lebens in die Hand nimmt.
Und letztendlich wird es natürlich das Kapital sein, das die Kontrolle übernimmt.
Die Verbindung von Staat und Unternehmen.
In der Schweiz, wo das Verfahren bereits legal ist, kostet Sterbehilfe zwischen 7.000 und 11.000 Euro. Wenn man mit allem Geld verdienen kann – warum dann nicht auch mit der Förderung des Freitods?
Der sowjetische Filmemacher Andrei Tarkowski schrieb in seinem Buch “Die Zeit formen”:
“Die funktionale Aufgabe der Kunst besteht nicht, wie oft angenommen, darin, Ideen zu vermitteln, Gedanken zu verbreiten oder als Beispiel zu dienen. Ziel der Kunst ist es, den Menschen auf den Tod vorzubereiten, seine Seele umzupflügen und aufzuwecken, sie zu befähigen, sich dem Guten zuzuwenden.”
Was die Suizidbeihilfe bietet, ist jedoch keine Vorbereitung auf den Tod. Sie bewirbt eine neue Sichtweise auf die ultimative (in jeder, auch in der werbetechnisch ausbeutbaren Bedeutung dieses Wortes) Erfahrung des Lebens – und ist natürlich ein lukratives Rundum-sorglos-Paket.
Aber was erwartet man anderes von solchen “Eliten”? Macron ist ein ehemaliger Banker. Er hat keine Kinder und ist mit einer Mumie von Frau verheiratet, in jedem Sinne des Wortes.
In seiner Regierungszeit wurde der Leichnam von Simone Veil, der ehemaligen Gesundheitsministerin, die die Abtreibung legalisierte, ins Panthéon überführt. Unter ihm wurde eine ungeheuer ambivalente, düstere und dekadente Eröffnungsfeier für die Olympischen Spiele in Paris organisiert. Unter seiner Herrschaft wurde Abtreibung in die Verfassung gemeißelt.
Und offenbar soll jetzt seine letzte große politische Geste als Präsident Frankreichs die Legalisierung der Euthanasie sein.
Macron soll in wenigen Monaten abtreten – doch inzwischen erscheint selbst ein Spaziergang durch die Sahara ohne Wasser kürzer als diese “wenigen” Monate. Man wird sich an ihn als Clown erinnern – aber als Clown mit einer sehr düsteren Maske.
Übersetzt aus dem Englischen.
Matthieu Buge ist ein politischer und geopolitischer Analyst mit den Schwerpunkten Geschichte und Propaganda und ihren Verflechtungen, der an der Sorbonne und am Pariser Institut für Politologie tätig war. Er hat außerdem am Russland-Ressort der Zeitschrift l’Histoire, für die russische Kinozeitschrift Séance, die russische Zeitschrift Expert und als Kolumnist für Le Courrier de Russie gearbeitet. Autor des Buchs “Le Cauchemar russe” (“Der russische Alptraum: Verzeichnis westlicher Klischees und Fantasien über Russland”).
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