FIFA-Skandal enthüllt: Korruption trägt jetzt nur noch einen anderen Anzug

Nach dem Abpfiff: Bersets scharfe Abrechnung mit der FIFA

Am Tag des WM-Finales 2026 veröffentlichte Alain Berset, Generalsekretär des Europarats und ehemaliger Schweizer Bundespräsident, ein außergewöhnlich deutliches Statement.

Unter der Überschrift „Before the final whistle“ („Vor dem Abpfiff“) stellt er fest: Dieses Turnier bleibe unvollendet – nicht sportlich, sondern moralisch. Die FIFA habe erneut bewiesen, dass sich Regeln unter Druck verbiegen lassen, Geld die Entscheidungen diktiert und politische Einflussnahme das Spielfeld erreicht.

Berset spricht Klartext: Eine Sanktion wurde mitten im Turnier ohne nachvollziehbare Begründung ausgesetzt, nachdem ein Staatschef den FIFA-Präsidenten angerufen hatte. Die Autorität der Schiedsrichter werde untergraben. Rassistische Beschimpfungen von Spielern, teilweise durch gewählte Politiker, blieben weitgehend folgenlos. Zudem holte die FIFA erstmals einen Anbieter für Vorhersagemärkte als offiziellen Partner in die Stadien – Wetten nicht nur auf Ergebnisse, sondern auf einzelne Pässe, Karten und Eckbälle.

„Ein Tor zur Betrugstür“, so Berset.

Die Krise habe zwei Namen: Geld und Macht. Der konkrete Auslöser für Bersets Kritik ist der Fall Folarin Balogun. Der US-Stürmer erhielt in der Runde der letzten 32 eine rote Karte. Die automatische Ein-Spiel-Sperre wurde wenige Tage später von der FIFA ausgesetzt – auf Bewährung für ein Jahr.

Trump bestätigte öffentlich, er habe FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen und um eine Überprüfung gebeten.

„Ich habe um eine Review gebeten, weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war“, sagte er.

Die belgische Föderation reagierte fassungslos, die UEFA kritisierte den Vorgang scharf. Für viele war klar: Hier griff politische Macht direkt in den sportlichen Wettbewerb ein.

Dies ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Musters. Die FIFA unter Infantino pflegt enge Beziehungen zu mächtigen Staatschefs. Der FIFA Peace Prize, den Infantino Trump überreichte, war bereits ein Symbol dieser Nähe. Wenn dann in einem laufenden Turnier eine Sperre nach einem Anruf aus dem Weißen Haus ausgesetzt wird, entsteht der Eindruck: Regeln gelten nicht für alle gleich.

Noch problematischer ist die Partnerschaft mit ADI Predictstreet, dem ersten offiziellen Partner für Vorhersagemärkte einer WM. Schätzungen zufolge liegt der Deal bei rund 150 Millionen Dollar.

Vorhersagemärkte erlauben Wetten auf kleinste Ereignisse – und genau das erhöht das Risiko von Spot-Fixing dramatisch. Integritätsexperten hatten bereits vor dem Turnier gewarnt, dass mindestens zwei WM-Spieler wegen verdächtiger Aktivitäten gemeldet wurden. Die FIFA beteuert eine Null-Toleranz-Politik und Echtzeit-Überwachung. Doch die Kritik bleibt: Wer Milliarden an Wettvolumen in die Stadien holt, öffnet gleichzeitig neue Einfallstore für Betrug und Geldwäsche.

Die aktuelle Krise steht in einer langen Tradition. Der große FIFA-Skandal 2015 mit Verhaftungen in Zürich, Bestechung bei WM-Vergaben und Hunderten Millionen an Schmiergeldern sollte eigentlich das System reinigen. Infantino versprach Transparenz und gute Führung.

Zehn Jahre später zeigen sich die gleichen Muster: enge Verflechtung mit politischen und wirtschaftlichen Interessen, intransparente Ticketvergabe (derzeit Gegenstand von Untersuchungen in New York und New Jersey), Vorwürfe gegen Spitzenfunktionäre wegen des Umgangs mit zurückgewonnenen Korruptionsgeldern und anhaltende Kritik an der Machtkonzentration beim Präsidenten.

Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter, selbst nicht unbelastet, nennt die heutige FIFA eine „Diktatur“. Whistleblowerinnen wie Bonita Mersiades beschreiben, dass sich trotz Reformversprechen wenig an den grundlegenden Machtstrukturen geändert hat.

Bersets Vorschlag: Die dritte Halbzeit

Berset bleibt nicht bei der Kritik stehen. Er fordert eine „third half“ – einen sofort beginnenden Arbeitsdialog, um noch vor der WM 2030 einen verbindlichen Integritätsrahmen zu schaffen.

Der Europarat habe in der Vergangenheit gezeigt, dass er aus Sportkrisen verbindliche Regeln machen kann – etwa nach dem Heysel-Drama die Zuschauersicherheits-Konvention, gegen Doping und gegen Match-Fixing. Genau diese Instrumente seien jetzt nötig, meint Berset.

Ob die FIFA darauf eingeht, ist ungewiss. Das System lebt von den Milliarden, die durch Sponsoring, Medienrechte und nun Vorhersagemärkte fließen. Solange Macht und Geld die Regeln schreiben, bleibt der Fußball anfällig für Korruption – und das Vertrauen der Fans bröckelt weiter.

Das Finale mag heute Abend entschieden werden. Die eigentliche Partie um die Integrität des Spiels hat jedoch gerade erst begonnen.

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