EU verursacht Migrations-Tsunami in Ceuta: Marokko nur der Auslöser?

Von Wadim Truchatschow

Die ersten Gruppen von Migranten erreichten Ceuta bereits Ende Juli, und ihre Zahl wuchs rasch auf Zehntausende an. Die spanische Regierung beteuerte, die Lage sei unter Kontrolle; angeblich seien 70.000 der 72.000 illegal Eingereisten nach Marokko zurückgeschickt worden. Die lokalen Behörden in Ceuta widersprachen jedoch und ließen verlauten, dass sich mindestens 10.000 Menschen weiterhin in den Straßen der Stadt aufhielten. Deutsche Journalisten vor Ort sprachen sogar von bis zu 140.000 Migranten.

Die Bilder aus Ceuta weckten bei vielen Europäern Erinnerungen an 2011 und die Jahre 2015/2016, als ähnliche Massen die italienische Insel Lampedusa überrannten und sich dann über den Kontinent verteilten. Auch auf den griechischen Inseln in der Ägäis landeten damals Unzählige, die schließlich quer durch Europa bis nach Deutschland und Schweden zogen. Nicht zu vergessen das Lager im französischen Calais: Ein Teil der Flüchtlinge brach von dort auf, um Paris zu „erobern“, während andere unbedingt über den Ärmelkanal nach Großbritannien gelangen wollten.

Diese Entwicklungen hatten eine Welle islamistischer Terroranschläge in ganz Europa ausgelöst, die Länder wie Frankreich, Großbritannien, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Spanien, Schweden, Dänemark und Finnland erschütterten. Die Täter waren keineswegs nur frisch Angekommene, sondern auch Nachkommen von Einwanderern aus dem Nahen Osten, die bereits in der dritten Generation in Europa lebten. Klar war: Kaum jemand wünschte sich eine Wiederholung dieser Geschichte – außer vielleicht jenen, die sich hartnäckig durch Minenfelder und Stacheldraht nach Ceuta kämpften.

Natürlich schossen auch diesmal wieder Verschwörungstheorien ins Kraut, wer den neuen „Migrations-Tsunami“ ausgelöst habe. Besonders hartnäckige Russophobe in Europa zeigten sofort auf Moskau – angeblich profitiere Russland davon, die EU-Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Diese Idee verfing jedoch kaum. Viel häufiger wurde Marokko ins Visier genommen, das seit Langem die Rückgabe der abgetrennten Städte Ceuta und Melilla fordert und die Migranten offenbar als Druckmittel nutzen wollte.

Doch eine rein marokkanische Aktion wäre wohl lokal begrenzt geblieben. Anders sieht es mit Israel aus: Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez unterstützt Palästina offen und bezeichnet Israels Premier Netanjahu beinahe als Faschisten. Dieser konterte mit dem Vorschlag, Spanien solle doch einen eigenen Staat für Migranten nach Gaza-Vorbild einrichten. Zudem pflegt Israel gute Beziehungen zu Marokko – ein gemeinsames Vorgehen wäre denkbar.

Schließlich fiel der Verdacht auch auf die USA. Sánchez hatte sich geweigert, den spanischen Luftraum für US-Flüge in den Iran zu öffnen, und die Militärausgaben entgegen amerikanischer Forderungen nicht erhöht. Donald Trump reagierte mit harscher Kritik und drohte sogar mit einem Beziehungsabbruch. Ein Motiv, Spanien über Migranten zu destabilisieren, wäre also durchaus gegeben.

Doch weder die USA, Israel, Marokko noch irgendwelche „Puppenspieler im Hintergrund“ hätten etwas ausrichten können, wenn die spanische Regierung selbst nicht mitgespielt hätte. Tiefer gegraben führt die Spur direkt zu den langjährigen Versäumnissen der europäischen Migrationspolitik, deren Folgen bis heute nachwirken.

Sánchez muss sich an erster Stelle selbst ankreiden. Statt sich an der Spitze einer „antifaschistischen Front“ zu profilieren – die gerade durch migrationsbedingte Probleme an Zulauf gewinnt –, hätte er besser auf Warnungen gehört. Im Juni gewährte er über einer halben Million Illegalen eine Amnestie, und Anfang Juli erschwerte der Oberste Gerichtshof die Abschiebung weiter. Die Warnungen des spanischen Geheimdienstes blieben ungehört.

Diese Entscheidungen lockten naturgemäß viele Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika an, ihr Glück in Spanien zu suchen. Der Weg nach Ceuta ist nicht schwer, und die Stadt kämpft seit über 20 Jahren gegen solche Übergriffe. Dazu kam eine Amnestie für Häftlinge in Marokko – viele von ihnen strömten in die Enklave. Gerüchte über Sánchez‘ „Humanismus“ verbreiteten sich bis nach Mali, Senegal, Afghanistan und Pakistan, was weitere Neugierige anlockte.

Sánchez konsultierte weder seine EU-Kollegen noch berücksichtigte er die Konsequenzen für den Schengen-Raum. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni reagierte am schärfsten: Sie forderte den Ausschluss Spaniens und führte Kontrollen für Passagiere aus Spanien ein. Auch Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson verurteilte die Amnestie deutlich, ebenso wie Deutschland, Frankreich, Österreich, Dänemark und Finnland.

Das wirft ein schlechtes Licht auf die EU: Am 12. Juni trat zwar ein neuer Migrationspakt in Kraft, der die Asylregeln verschärft, doch er bietet keinerlei Handhabe gegen einseitige Entscheidungen wie die von Sánchez. Politiker können weiterhin aus beliebigen Gründen Amnestien erlassen, ohne Rücksprache mit anderen Ländern – und der Strom der Legalisierten fließt dann in die Nachbarländer weiter. Die Folge wäre eine Wiederholung der Jahre 2014 bis 2017.

Bei genauerem Hinsehen sind es die EU und die Regierungen in Berlin, Paris, Den Haag und Stockholm, die Europa als „Paradies für Faulenzer“ vermarktet haben – als Ort, wo Migranten einfach Sozialleistungen kassieren können, ohne etwas zu leisten. Sie bekommen Essen, Unterkunft, Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter gestellt. Bislang hat kein Land diesen Ansatz grundlegend überdacht, und genau diese Staaten prägen die EU-Migrationspolitik.

Bis heute fehlen in der Union gemeinsame Richtlinien für Asylgewährung, Sozialleistungen, Familienzusammenführung oder Wohnraum für Migranten. Auch eine Liste von Herkunftsländern, aus denen besondere Gefahren wie Terrorismus oder Drogenhandel drohen, existiert nicht. Dadurch agiert ein Linker wie Sánchez völlig anders als eine Rechte wie Meloni – ohne gemeinsamen Rahmen.

Österreich und Dänemark haben sich als Einzige dem Problem der Migrantenghettos angenommen; die anderen Länder schweigen. In diesen Vierteln, die kaum von Polizei kontrolliert werden, suchen Neuankömmlinge gezielt Kontakt zu Landsleuten. Auch Spanien verwandelt sich rasant: Ceuta, Melilla sowie Teile von Madrid, Barcelona und Sevilla entwickeln sich zu Problemzonen, und die Regierung Sánchez schaut tatenlos zu.

Man muss also keine Verschwörungstheorien bemühen. Für die aktuelle Krise in Ceuta trägt allein die spanische Regierung die Verantwortung. Für die ständige Wiederholung solcher „Tsunamis“ ist jedoch auch die EU-Führung haftbar, die jahrelang nichts Substanzielles unternommen hat. Der Migrationspakt kam 20 Jahre zu spät. Und Russland bekommt durch die Ereignisse in Spanien ein weiteres lehrreiches Beispiel, wie man Migrationspolitik nicht betreiben sollte.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Wadim Truchatschow ist ein russischer Historiker und Dozent an der Finanzuniversität der Russischen Föderation.

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