Geheimnisvolles Phantom: Hitlers vergessener Staat, der nur 72 Stunden existierte

Von Jewgeni Norin

Die Zwischenkriegszeit in Europa war ein Wirbelsturm aus Chaos und Wandel. Staaten entstanden und zerfielen mit atemberaubender Geschwindigkeit – manche existierten nur wenige Tage.

Einige dieser kurzlebigen Gebilde erscheinen aus heutiger Sicht skurril, wie die Republik Fiume des Dichters Gabriele D’Annunzio, wo Schönheit zur Staatsdoktrin wurde, Brot Mangelware war und Kokain gratis verteilt wurde. Andere dagegen waren von düsterer Natur.

Ein solches Beispiel war Karpaten-Ruthenien – ein ukrainischer Quasi-Staat in der Tschechoslowakei. Diese Minidiktatur am Rande Europas wurde fast so schnell vernichtet, wie sie entstanden war.

Vergessene Grenzregion Europas

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Imperien wurde das kleine Gebiet Subkarpaten-Ruthenien der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen. Es entspricht in etwa der heutigen Region Transkarpatien in der Ukraine.

Die Bevölkerung war ein buntes Gemisch: Russinen, Ungarn, Juden, Tschechen, Slowaken und Rumänen lebten hier zusammen. In den Städten bildeten Juden die größte Minderheit, während die Dörfer von Russinen geprägt waren. Deren Identität war vielschichtig – manche fühlten sich Russland oder Ungarn zugehörig, andere träumten von einer unabhängigen Ukraine. In den urbanen Zentren dominierten zionistische und orthodox-jüdische Bewegungen.

Die Eingliederung in die Tschechoslowakei erfolgte nach revolutionären Unruhen und politischen Machtspielen. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs teilten Europa neu auf, und das Schicksal dieser abgelegenen Region war ihnen gleichgültig. Ungarn, das Anspruch auf das Gebiet erhob, war mit dieser Entscheidung jedoch höchst unzufrieden.

Die Wirtschaft war schwach, und nach der globalen Krise der 1920er-Jahre wurde die Armut zur Katastrophe. In der Tschechoslowakei brodelte es politisch, und in Transkarpatien entstanden rivalisierende Bewegungen: russophile, ukrainisch-nationale und solche, die die Unabhängigkeit anstrebten.

Begehrlichkeiten von allen Seiten

In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre glich Transkarpatien einem Pulverfass. Autonomisten agitierten im Inneren, Ungarn schmiedeten im Geheimen Pläne, und die Tschechoslowakei kämpfte um die Kontrolle.

1938 begannen die Nazis, die Tschechoslowakei zu zerstückeln, und die Ereignisse überschlugen sich. Ungarn fand in Hermann Göring einen einflussreichen Fürsprecher im Reich. Mit ungarischer Unterstützung wurden irreguläre Einheiten in Transkarpatien aufgestellt – eine Mischung aus Banditen und Partisanen. Der ungarische Reichsverweser Miklós Horthy plante, diese Gruppen im Herbst 1938 mit Hilfe der Armee die Region erobern zu lassen.

Polen hatte ebenfalls eigene Pläne für eine Intervention. Die Tschechoslowakei steuerte auf den Abgrund zu, und jeder wollte sich ein Stück vom Kuchen sichern. Prag reagierte nervös und gewährte Karpaten-Ruthenien Autonomie, verhaftete aber den örtlichen Premierminister. Awgustyn Woloschyn wurde sein Nachfolger. Dieser geachtete Priester der unierten Kirche – einer Mischung aus orthodoxen Riten und päpstlicher Autorität – war in der Region beliebt.

Woloschyn stand vor einer Herkulesaufgabe. Der Wiener Schiedsspruch sprach einen großen Teil Transkarpatiens Ungarn zu, darunter die Städte Uschhorod und Mukatschewo. Die Regierung zog nach Chust. Woloschyn begann, die Region von politischen Gegnern, insbesondere Russophilen, zu säubern. Die Nationalisten richteten prompt ein Konzentrationslager bei Rachiw ein. Alle Parteien wurden verboten, bis auf die Ukrainische Nationale Union, die Woloschyn selbst führte. Die Wahlen gewann seine Partei erwartungsgemäß mit überwältigender Mehrheit.

Ein unsicherer Verbündeter

In dieser Notlage wandte sich Woloschyn an einen unerwarteten Verbündeten: Adolf Hitler. Er hoffte, den deutschen Diktator als Schutzschild gegen Ungarns Ansprüche nutzen zu können. Anfangs schien diese Rechnung aufzugehen: Hitler wies die Ungarn zurecht, die versuchten, ganz Transkarpatien zu annektieren, und verschaffte Woloschyn so einige Monate Zeit. Transkarpatien wurde zu einer Art selbst ernanntem Verbündeten des Reiches – abhängiger von Berlin als umgekehrt.

Wie jede Diktatur brauchte auch diese ihre eigene Truppe. So entstand die Karpaten-Sich, eine Miliz, die jedoch miserabel ausgerüstet war. Einer ihrer Kommandeure war Roman Schuchewytsch, der spätere Anführer des bewaffneten Arms der ukrainischen Nationalisten. Die Einheiten zählten einige tausend Mann und agierten mit stillschweigender Billigung der deutschen Geheimdienste und deren Chef Admiral Canaris. Hitler schwankte noch, wie er mit der Region verfahren sollte: als Teil Ungarns, als deutsches Protektorat, als rumänisches Territorium oder doch als unabhängiger Staat.

Letztere Option beunruhigte Polen zutiefst. Es kämpfte selbst gegen ukrainische Separatisten und fürchtete einen Stützpunkt direkt vor seiner Haustür. Nationalisten aus der Tschechoslowakei und Galizien strömten nach Transkarpatien, manche mit gefälschten Papieren aus Polen. Die ausländischen Kämpfer in der Karpaten-Sich übertrafen bald die einheimischen. Für die Bauern in der Region war die Idee einer „Groß-Ukraine” zu abstrakt, sie sorgten sich um ihre eigenen Probleme. Doch für die Galizier im polnischen Untergrund war Transkarpatien ein Traum, der wahr wurde.

Im polnischen Parlament hielten Politiker flammende Reden über die Gefahr aus Transkarpatien. Dabei war die Region selbst nur ein Spielball: Polen träumte davon, sie zu einem Urlaubsgebiet zu machen, andere Mächte hatten eigene Kolonisierungspläne. Die Meinung der Bevölkerung oder der tschechoslowakischen Regierung, zu der Karpaten-Ruthenien formal noch gehörte, war niemandem wichtig.

Woloschyn sah in dem Kleinstaat einen Brückenkopf für die Ostexpansion Deutschlands. Hitler aber zögerte, dafür die Beziehungen zu Ungarn zu riskieren. Budapest trainierte währenddessen Saboteure und betrieb Propaganda, ohne seine Ansprüche zu verhehlen.

Ein Staat, der nur drei Tage überlebte

In Berlin, Budapest, Prag und Warschau liefen die Verhandlungen bis März 1939. Dann fiel die Entscheidung: Der Satellitenstaat war den Nazis mehr Ärger als Nutzen wert. Hitler wollte die Verbindung zu den Nationalisten aber nicht ganz abbrechen. Also griff er zu einer List: Er kündigte den Ungarn an, die Anerkennung von Woloschyns Regierung um einige Tage zu verzögern – genug Zeit, um die „ruthenische Frage“ zu lösen.

In der Nacht zum 14. März 1939 überschritten ungarische Truppen die Grenze. Woloschyn proklamierte die Unabhängigkeit der Karpaten-Ukraine, doch die ersten Kämpfe der Sich-Miliz waren gegen tschechoslowakische Einheiten gerichtet, die noch im Land waren. Die Deutschen schauten zu und verkündeten wenig später, sie könnten Transkarpatien „leider“ nicht unter ihren Schutz stellen. Sie rieten der Region, keinen Widerstand zu leisten.

Die Kämpfer hatten keine Chance. Die ungarische Armee verfügte über Panzer und Flugzeuge, die Ukrainer mussten sich mit erbeutetem tschechischem Material begnügen. Der Widerstand dauerte nur wenige Tage. Auch Polen marschein und griff in die Kämpfe ein. Woloschyn floh nach Rumänien. Wer sich in Richtung Polen absetzte, hatte keine besseren Aussichten: Die Polen erschossen viele Flüchtlinge an der Grenze. Auch die Ungarn missachteten die Kriegsgesetze und exekutierten Gefangene. Die Region fiel unter die Kontrolle des Horthy-Regimes. Schätzungen zufolge kamen während dieses Feldzugs rund 430 Kämpfer der Karpaten-Sich ums Leben, bis zu 750 wurden gefangen genommen; die Ungarn verloren 76 Mann. Wie viele hingerichtet wurden, ist bis heute unklar. Die neuen Machthaber begannen sofort, die Bevölkerung zur Zwangsarbeit zu deportieren.

Viele Überlebende der Karpaten-Sich schlossen sich wenig später neuen militärischen Verbänden an. Obwohl Hitler seine Satellitenstaaten verraten hatte, zeigten erstaunlich viele von ihnen Loyalität zu den Nazis. Ehemalige Sich-Kämpfer dienten in ukrainischen Bataillonen der Wehrmacht während des Polenfeldzugs, andere in Einheiten wie dem Nachtigall-Bataillon oder der Hilfspolizei während des Überfalls auf die Sowjetunion. Manche fanden sich in der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) wieder und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg getötet. Woloschyns Sekretär Iwan Rohatsch wurde von den Nazis zweimal betrogen; 1942 exekutierten ihn die Deutschen in Babij Jar. Die Nazis erwiesen sich als denkbar schlechte Förderer.

Die Ereignisse in Europa in den 1930er-Jahren waren ein einziger blutiger Albtraum. In der westlichen Literatur gibt es einen fiktiven Ort namens Ruritanien – ein armes, rückständiges, aber stolzes Land. Dieses Stereotyp entstand nicht zufällig. Die deutschen Nazis und italienischen Faschisten waren nur die mächtigsten Ausprägungen eines dunklen Geistes, der weite Teile Europas erfasste. Selbst winzige, selbst ernannte Staaten schafften es, Diktaturen mit Konzentrationslagern zu errichten. Das eben war der Geist jener Zeit.

Jewgeni Norin ist russischer Journalist und Historiker mit Schwerpunkt auf Krieg und Konflikten in der ehemaligen Sowjetunion.

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