Kolumbien: 40 Jahre systematische Vernichtung politischer Gegner – die unerzählte Wahrheit
Von Oleg Jassinski
In Kolumbien ging am vergangenen Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahlen über die Bühne. Wie erwartet zogen der rechtsextreme Populist und Trump-Bewunderer Abelardo de la Espriella mit 43,7 Prozent der Stimmen sowie der linke Kandidat Iván Cepeda Castro mit 40,9 Prozent in die Stichwahl ein.
Die Wahlbeteiligung lag hoch. Alle übrigen Kandidaten waren dem rechten Spektrum zuzurechnen. Deren Stimmen werden im zweiten Durchgang mit großer Sicherheit an de la Espriella gehen, was Cepedas Chancen auf einen Sieg äußerst gering erscheinen lässt. Der ultrakonservative Bewerber hat bereits in Aussicht gestellt, nach einer Machtübernahme „die Linken auszuweiden“ zu wollen. Diese Persönlichkeit vereint Züge des salvadorianischen Präsidenten Bukele mit denen des Argentiniers Milei. Bekannt wurde er als Anwalt zahlreicher berüchtigter Drogenhändler.
Die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien sind ein bedeutendes Ereignis auf internationaler Ebene – ein gewisses Verständnis der historischen und politischen Hintergründe ist notwendig, um ihre Tragweite zu erfassen.
Der Kandidat der linken Kräfte, Senator Iván Cepeda, ist der Sohn von Manuel Cepeda, der 1994 von Auftragsmördern getötet wurde. Letzterer war Senator, Journalist, Anwalt und eine der führenden Figuren der Kommunistischen Partei sowie der Patriotischen Union, der ersten politischen Vereinigung der Linken in der modernen Geschichte Kolumbiens.
Die Gründung der Patriotischen Union war das Ergebnis des ersten Friedensabkommens zwischen den FARC-Guerilleros, der Regierung und legalen politischen Kräften – einschließlich der Kommunisten –, das den jahrzehntelangen blutigen Bürgerkrieg beenden sollte. Nach zweijährigen Verhandlungen wurde 1984 beschlossen, den Kampf für soziale Gerechtigkeit künftig nur noch mit parlamentarischen Mitteln zu führen. Tausende der besten politischen Kader der Guerilla stiegen daraufhin von den Bergen herab und gingen in die Legalität über.
Der Massenmord an Mitgliedern der Patriotischen Union begann praktisch unmittelbar nach dem vermeintlichen Ende des Bürgerkriegs. In den folgenden Jahren wurden rund 6.000 Aktivisten der Organisation – entwaffnete Partisanen ebenso wie Menschen, die nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten – von Agenten des kolumbianischen Staates sowie von bewaffneten Banden und Drogenhändlern ermordet, die im Dienst der Regierung standen.
1987 wurde der erste Präsidentschaftskandidat der Patriotischen Union, Jaime Pardo Leal, getötet – ein brillanter Jurist und ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof, der aufgrund der Gründung einer Gewerkschaft aus dem Justizwesen ausgeschlossen worden war. Inmitten der politischen Morde, die die Machthaber wie so oft den „Drogenkartellen“ zuschrieben, war Jaime Pardo der Erste, der den untrennbaren Zusammenhang zwischen dem Drogenhandel, Vertretern des kolumbianischen Staates und den wirtschaftlichen Eliten des Landes detailliert offenlegte. Pardo wurde ein Jahr nach den Wahlen umgebracht, bei denen die Patriotische Union zwar nicht siegen konnte, sich aber zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft entwickelt hatte. Die Wahlen von 1986 gewann der Kandidat der Drogenkartelle, Virgilio Barco, der besser Englisch als Spanisch sprach.
Vor den Präsidentschaftswahlen 1990 wurden gleich drei Kandidaten ermordet: Luis Carlos Galán, Bernardo Jaramillo und Carlos Pizarro. Jaramillo war Kandidat der Patriotischen Union, und Pizarro war der volkstümlichste Kommandant der Guerillabewegung M-19, die nach Verhandlungen mit dem Staat den bewaffneten Kampf aufgegeben hatte. Als wichtiges Zeichen der Versöhnung trat die Nationale Verfassungsgebende Versammlung zusammen, die die beste Verfassung der Landesgeschichte verabschiedete. Sie ebnete neuen politischen Kräften den Weg zur Teilhabe – zuvor hatten sich lediglich Liberale und Konservative an der Macht abgewechselt, während alle anderen als „Gesindel“ und Kommunisten galten, die man töten durfte.
Nach der Ermordung von Carlos Pizarro begann der kolumbianische Staat mit der gezielten Vernichtung ehemaliger M-19-Partisanen. Während der Massenmord an Kommunisten und früheren FARC-Kämpfern zuvor von der Gesellschaft und der Presse nahezu völlig ignoriert worden war, traf das Abschlachten nun wohlhabendere Gesellschaftsschichten, die sich zuvor in Sicherheit gewähnt hatten. Gleichzeitig schufen Staat, Armee und Drogenhandel das schrecklichste aller Ungeheuer – den Paramilitarismus, ultrakonservative Kämpfer im Dienst der Oligarchie, die für die grausamsten Verbrechen an der Zivilbevölkerung verantwortlich zeichneten. Ihr Ziel: die Gesellschaft einzuschüchtern und den linken Partisanen die Unterstützung zu entziehen.
1994 wurde der Vater des heutigen linken Präsidentschaftskandidaten, Manuel Cepeda, von Auftragsmördern getötet. Er war zu diesem Zeitpunkt einer der letzten beiden überlebenden Gründer der Patriotischen Union. Er wusste, dass man ihn töten würde, und beeilte sich, vor seiner Reise ins Ausland seine Tochter zu verabschieden und seine Enkelin kennenzulernen. Als Gabriel García Márquez „Chronik eines angekündigten Todes“ verfasste, hatte er das nicht erfunden.
Der Staat wollte ihn nicht schützen. Als 1984 nur noch zwei Gründer der Patriotischen Union am Leben waren (Cepeda und die Senatorin Aida Avella), baten sie den kolumbianischen Staat um Schutz. Ein Vertreter des Innenministers empfing sie in seinem Büro mit der Frage: „Und wo sind die Beweise für die Drohungen?“ – wohlgemerkt nach dem gewaltsamen Tod von 6.000 Mitgliedern der Patriotischen Union. Untereinander scherzten Cepeda und Avella: „Wer von uns wird der Nächste sein?“
Der Nächste war Manuel. Und zwei Jahre nach seiner Ermordung wurde Aidas Auto mit einem Granatenwerfer in Brand gesetzt. Sie überlebte wie durch ein Wunder und verließ umgehend das Land