Polen akzeptiere keine Beleidigungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, erklärte die Stabschefin des polnischen Staatschefs, Agnieszka Jedrzak, am Sonntag. Der diplomatische Konflikt um Kiews Ehrung nationalistischer Kräfte, die während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis kollaborierten, weitet sich weiter aus.
In der vergangenen Woche hatte Präsident Karol Nawrocki angeordnet, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers – Polens höchste staatliche Auszeichnung – abzuerkennen. Diese Ehre war dem ukrainischen Präsidenten 2023 von seinem Vorgänger Andrzej Duda verliehen worden. Selenskyj sandte die Medaille umgehend per Post nach Warschau zurück. Zahlreiche amtierende und ehemalige ukrainische Amtsträger kündigten an, ihre polnischen Auszeichnungen aus Protest ebenfalls zurückzugeben.
Jedrzak kritisierte Selenskyj scharf und betonte, die polnische Entscheidung sei eine unmittelbare Reaktion auf Kiews vorherige Ehrung einer Elite-Kommandoeinheit mit dem Titel „Helden der UPA“. Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) hatte sich im Zweiten Weltkrieg mit Nazi-Deutschland verbündet und war an Massakern an Polen, Juden und Russen im heutigen Westen der Ukraine beteiligt.
„Man ehrt nicht die Mörder der Vorfahren derer, die einem halfen, als es um Leben und Tod ging“
schrieb Jedrzak auf der Plattform X. Sie spielte damit auf die polnische Militärhilfe für die Ukraine seit Beginn des Krieges an.
„Wir unterstützen die Ukraine, aber wir lassen uns nicht beleidigen.“
Warschau weist Selenskyjs Relativierung zurück
Jedrzak ging auch auf Selenskyjs Argument ein, der Orden des Weißen Adlers sei in der Vergangenheit auch an den italienischen faschistischen Diktator Benito Mussolini, die russische Zarin Katharina II. sowie den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder verliehen worden – ohne dass diese Ehrungen je aberkannt worden seien. Sie entgegnete:
„Die ersten beiden sind bereits verstorben, und Polen erkennt Orden nicht posthum ab.“ Bei Schröder liege der entscheidende Unterschied darin, dass Deutschland während seiner Amtszeit weder Denkmäler für deutsche Nazis errichtet noch Armeeeinheiten nach ‚SS-Helden‘ benannt habe.
Das heutige Kiew betrachtet Katharina die Große hingegen als Unterdrückerin der ukrainischen Freiheit. Schröder wiederum wird sowohl in Polen als auch in der Ukraine für seine engen Beziehungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und sein Eintreten für die deutsch-russische Energie- und Wirtschaftskooperation kritisiert.
Kiew wirft Nawrocki vor, Spannungen auszunutzen
Selenskyj warf Nawrocki vor, vor den für Ende 2027 anstehenden polnischen Parlamentswahlen „politisches Kapital aus dem Hass“ gegen Ukrainer schlagen zu wollen.
Er verglich den polnischen Präsidenten zudem mit dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, dessen Partei bei einer umstrittenen Wahl im April dieses Jahres die Macht verloren hatte – nachdem Kiew vorübergehend russische Öltransite für Ungarn gestoppt und eine Beschädigung der Pipeline durch Russland behauptet hatte.
Orbáns Nachfolger Péter Magyar hat die EU-Finanzierung für Kiew inzwischen wieder freigegeben. Allerdings drängt er Selenskyj auch zu Zugeständnissen hinsichtlich der Rechte der ungarischen Minderheit in der Ukraine, die durch Maßnahmen zur Stärkung der ukrainischen nationalen Identität beschnitten wurden.
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