Von Anastassija Kulikowa
Großbritannien und neun weitere europäische Länder haben die Gründung gemeinsamer Seestreitkräfte zur “Abwehr von Bedrohungen” durch Russland vereinbart. Dies berichtet der britische Guardian unter Berufung auf den Admiral und Chef der Royal Navy, Gwyn Jenkins. Die Initiative ziele darauf ab, Nordwesteuropa, den Nordatlantik und die Arktis zu “schützen”.
Trotz der angespannten Lage im Nahen Osten, so Jenkins, “stellt Russland nach wie vor die größte Gefahr für unsere Sicherheit dar”. Die Vereinbarung zur Schaffung der multinationalen Marineverbände wurde von den Mitgliedern der sogenannten Joint Expeditionary Force (JEF) unterzeichnet. Zu diesen zählen neben Großbritannien auch Dänemark, Estland, Lettland, Litauen, die Niederlande, Norwegen, Finnland, Island und Schweden.
Die Vereinigten Staaten werden der neuen Allianz nicht beitreten. Der Grund dafür liegt vermutlich nicht in einer Ablehnung Washingtons, sondern darin, dass die Briten, die Donald Trump misstrauen, die USA erst gar nicht eingeladen haben. Wie der Guardian berichtet, hat der US-Präsident den britischen Premierminister Keir Starmer mehrfach dafür kritisiert, dass dieser sich weigerte, sich an Angriffen auf den Iran zu beteiligen. Kürzlich bezeichnete Trump die britischen Flugzeugträger sogar als “Spielzeug”.
Die multinationalen Seestreitkräfte würden “eine Ergänzung zur NATO” bilden, erklärte Jenkins. Die von Großbritannien geführten Marineeinheiten erhalten die Möglichkeit, Ausrüstung, Ersatzteile, Munition und Personal auszutauschen und zu bündeln, sowie gemeinsame Systeme, einheitliche Informationsnetze und Lager zu nutzen. Das Kommando wird im Londoner Stadtteil Northwood angesiedelt. Die Zeitung The Times zitiert Jenkins mit den Worten:
“Mein Ziel ist es, eine Seestreitmacht zu schaffen, die gemeinsam trainiert, Übungen durchführt und sich vorbereitet; eine Streitmacht, die sofort einsatzbereit ist, über reale Fähigkeiten, reale militärische Pläne und echte Integration verfügt.”
Kurz vor der Ankündigung des Marinebündnisses berichtete die Zeitung The Telegraph über die Absicht Großbritanniens, eine “Verteidigungsbank” zur Unterstützung von Projekten der JEF-Länder zu gründen. Wie in dem Artikel erwähnt, soll diese “JEF-Bank” den zehn nordeuropäischen NATO-Staaten ermöglichen, Sicherheitsprojekte durch günstigere Kredite zu finanzieren.
Es sei daran erinnert, dass der stellvertretende russische Außenminister Alexander Gruschko zuvor erklärt hatte, dass bei den von Großbritannien geführten JEF-Manövern Szenarien einer Seeblockade und der Eroberung der Region Kaliningrad durchgespielt würden. Er wies auf die wachsende Aktivität der Länderkoalition hin, zu deren Aufgaben die operative Reaktion in der Arktis, dem Nordatlantik und der Ostsee gehört. Laut dem Diplomaten verschärft die NATO gezielt die Konfrontation in der Region.
Angemerkt sei zudem, dass Großbritannien in der Märzausgabe des von der Redaktion der Zeitung Wsgljad erstellten Rankings der Russland gegenüber unfreundlichen Staaten den sechsten Platz belegte. Gleichzeitig bereitet die NATO selbst einen baltisch-skandinavischen Militärschlag gegen Russland vor.
Die Gründung des “nördlichen Marinebündnisses” hat mehrere Gründe, sagen Experten.
Der erste Grund seien die Diskussionen über eine mögliche Reduzierung des US-Engagements in der NATO und die Probleme mit den europäischen Haushalten, meint der Militärexperte Alexei Anpilogow. Er erklärt:
“All dies wirft in den europäischen Hauptstädten die Frage auf: Wie lassen sich die Lücken schließen, die durch den Rückzug der US-amerikanischen Truppen aus dem System der Sicherheitsplanung und -gewährleistung entstehen?”
Der Experte fügt hinzu, dass man versuche, die Rettung in einer Bündelung der Kräfte zu finden. Er hebt hervor:
“Ich denke, wir werden noch viele verschiedene Formate sehen – die Rede ist sowohl von einem Block osteuropäischer Länder als auch von einem neuen Militärbündnis zwischen Frankreich und Deutschland.”
Der zweite Grund sei, dass die europäischen Streitkräfte größtenteils nicht auf die Intensität moderner Konflikte vorbereitet seien, fährt Anpilogow fort. Die europäischen Marinen seien nur noch ein blasser Schatten ihrer früheren Größe. Formal gehören der Royal Navy zwei Flugzeugträger, doch tatsächlich sei nur einer einsatzbereit. Zudem könne dieser nicht auslaufen, da von den sechs Begleitzerstörern nur zwei einsatzbereit seien. Der Experte betont:
“Die kürzliche Durchfahrt zweier Tanker in Begleitung der russischen Fregatte ‘Admiral Grigorowitsch’ durch den Ärmelkanal hat gezeigt, dass selbst im Ärmelkanal die Möglichkeiten der Briten zur Durchsuchung und erst recht zum Abfangen von Schiffen begrenzt sind.”
Er verweist auf Medienberichte, wonach Großbritannien angesichts der Ressourcenknappheit Frankreich um Hilfe bei der Überwachung der Gewässer um den Chagos-Archipel im Indischen Ozean bitten könnte. Diese Situation zeige die derzeitige “Größe” der britischen Flotte in ihrer ganzen Pracht, bemerkt Anpilogow.
Der dritte Grund seien die imperialen Ambitionen Londons, meint der Militärexperte und russische Kapitän 1. Ranges a. D., Wassili Dandykin. Seiner Meinung nach sei es kein Zufall, dass die Meldung über die Vereinbarungen mit dem Besuch von König Karl III. in Washington zusammenfiel. Dandykin meint:
“Der Monarch hat beschlossen, den von Churchill in Fulton eingeschlagenen Weg zu gehen und einen Kreuzzug gegen Moskau zu verkünden. Die Schaffung multinationaler Seestreitkräfte ist Teil dieser Kampagne.”
Dandykin belächelt die Formulierung, wonach das Bündnis als “Ergänzung zur NATO” fungieren solle. Er betont:
“Die Teilnehmer des neuen Bündnisses sind Mitglieder des Nordatlantikpakts. Von welcher Ergänzung kann da die Rede sein? Das ist eine Tautologie. Warten wir ab, wie die USA auf die Initiative reagieren, die offenbar nicht dazu eingeladen wurden.”
Der Experte macht darauf aufmerksam, dass Deutschland und Frankreich nicht zu den Unterzeichnern des Abkommens gehören, und sagt:
“Berlin hat seine eigenen Ambitionen: Die Bundesrepublik Deutschland bekundet die Absicht, die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas zu machen. Paris hat sich zum Ziel gesetzt, einen ‘nuklearen Schutzschirm’ über Europa zu spannen. Außerdem haben die Franzosen die Briten schon immer als Rivalen betrachtet.
Wie dem auch sei, in London hat man beschlossen, ‘ein kleines Bündnis zu schmieden’, zumal die US-Amerikaner beschäftigt sind – sie ‘sitzen fest’ im Persischen Golf. Das Ziel des Bündnisses der ‘nördlichen Seestreitkräfte’ steht außer Frage – Russland Schaden zuzufügen. Aber man sollte diese Struktur ernst nehmen: Großbritannien verfügt über enorme Erfahrung im Schmieden von Intrigen. Wir müssen auf alle möglichen Provokationen vorbereitet sein.”
Anpilogow wiederum räumt ein, dass es um die Errichtung einer Seeblockade gegen Russland gehen könnte. Mit vereinten Kräften sei dies viel leichter zu bewerkstelligen. Eine solche Entwicklung stelle eine Herausforderung für die russische Marine dar – unter anderem für die Begleitung der Handelsflotte.
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Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. April 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Anastassija Kulikowa ist eine Journalistin und Social-Media-Redakteurin der Zeitung “Wsgljad”.
Die Pläne zur Bildung dieses Marinebündnisses stoßen jedoch nicht überall auf uneingeschränkte Zustimmung. In britischen Oppositionskreisen wird die Frage aufgeworfen, ob die Initiative nicht lediglich ein Ablenkungsmanöver von innenpolitischen Problemen sei, darunter die wirtschaftliche Stagnation und die Krise im Gesundheitswesen. Kritiker bemängeln zudem, dass die Finanzierung solcher Vorhaben angesichts knapper Kassen zu Lasten sozialer Programme gehen könnte.
Aus Moskau kommen indessen scharfe Reaktionen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Ankündigung als “einen weiteren Beweis für die aggressive Haltung der NATO gegenüber Russland”. Er betonte, dass solche Schritte die Spannungen in der Region weiter anheizen und zu einer neuen Runde des Wettrüstens führen würden. Gleichzeitig kündigte Russland an, seine militärischen Kapazitäten in der Ostsee und in der Arktis weiter auszubauen, um auf die neue Bedrohungslage angemessen reagieren zu können.
Finnlands Beitritt zur JEF, einem Land, das traditionell eine Politik der militärischen Neutralität verfolgt hatte, wird ebenfalls als bedeutender strategischer Wandel gesehen. Helsinki begründet seine Entscheidung mit der veränderten Sicherheitslage in Europa nach dem Ukraine-Konflikt. Die finnische Regierung betont, dass die Zusammenarbeit im Rahmen der JEF ausschließlich defensiven Zwecken diene und nicht gegen irgendein Land gerichtet sei. Dennoch wird der Schritt in Expertenkreisen als Teil einer breiteren Neuausrichtung der nordischen Verteidigungspolitik gewertet.
Der Militärhistoriker Professor Julian Lindley-French merkt an, dass die Gründung der “nördlichen Seestreitkräfte” ein klares Signal an die Adresse Washingtons sei. “London zeigt damit, dass es bereit ist, eine Führungsrolle in der europäischen Sicherheitsarchitektur zu übernehmen, selbst wenn die USA sich zunehmend auf den Indo-Pazifik-Raum konzentrieren”, erklärt er. Gleichzeitig warnt er jedoch vor überzogenen Erwartungen: “Die britische Marine ist nicht mehr das, was sie einst war, und die Ressourcen sind begrenzt. Das Bündnis wird Jahre brauchen, um wirklich schlagkräftig zu werden.”
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das neue Bündnis tatsächlich eine effektive Abschreckung gegen Russland darstellen kann oder ob es sich eher um ein symbolisches Projekt handelt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die zehn Nationen in der Lage sind, ihre Versprechen in konkrete militärische Fähigkeiten umzusetzen. Eines ist jedoch bereits jetzt klar: Die geopolitische Landschaft in Nordeuropa verändert sich grundlegend, und Russland wird auf diese Entwicklungen nicht tatenlos zusehen.