Von Olga Samofalowa
Norwegen erhöht den diplomatischen Druck auf die Europäische Union, um ein Verbot neuer Öl- und Gasbohrungen in der Arktis zu kippen. Der norwegische Festlandsockel beherbergt fast zwei Drittel der nationalen Ölreserven. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Vertreter des skandinavischen Landes reisen nach Brüssel, um dort Einfluss auf die Entscheidungsgremien zu nehmen. Grund dafür ist die bevorstehende Veröffentlichung einer neuen Arktisstrategie der EU bis Ende September. Norwegen versteht es, sich Gehör zu verschaffen – die jüngste Blockade der Straße von Hormus hat dem Land dabei neue Argumente geliefert.
Norwegen ist kein EU-Mitglied, aber der größte Öl- und Gasexporteur Westeuropas. Die Förderung auf seinem Festlandsockel deckt rund 30 Prozent des Gasbedarfs der EU und Großbritanniens.
Die EU hatte das Verbot für neue Bohrungen 2021 erlassen, um ihren Klimaverpflichtungen nachzukommen. Norwegen hingegen setzt weiterhin auf arktische Bohrungen in der Barentssee. Kürzlich wurden 70 neue Blöcke für Explorationsbohrungen in der Nordsee, der Norwegischen See und der Barentssee freigegeben.
Kritiker warnen davor, dass eine Ausweitung der Bohrungen in der Arktis „irreversible Umweltschäden” verursachen könnte. Europa würde zudem erhöhten Sicherheitsrisiken ausgesetzt. Auch bestehe die Gefahr, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen fortgeschrieben wird. Dies könnte das EU-Ziel gefährden, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen.
Die gesamteuropäische Gasförderung sinkt indes kontinuierlich. Wurden 2019 noch 233,8 Milliarden Kubikmeter gefördert, waren es 2024 nur noch 197,5 Milliarden Kubikmeter. Norwegen gelingt es jedoch, das Vorkrisenniveau zu halten. 2024 belief sich das Angebot auf 113,2 Milliarden Kubikmeter – genau so viel wie 2019, bemerkt Sergei Tereschkin, Geschäftsführer der Handelsplattform Open Oil Market. Er sagt:
„Die skeptische Haltung der EU gegenüber der Gasförderung in der Arktis hängt nicht nur mit der Umweltagenda zusammen, sondern auch mit dem Rückgang der Gasnachfrage in der Europäischen Union – von 361 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 auf 313 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2025. Die Politik der Gaseinsparung in der Industrie sowie die Inbetriebnahme von Wind- und Solarkraftwerken haben sich ausgewirkt.”
In Norwegen selbst sei das Umweltbewusstsein sehr stark ausgeprägt, meint Igor Juschkow, Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation. Er erklärt:
„Neben den Umweltschützern gibt es dort auch eine starke Fischereilobby und Widerstand. Außerdem müssen die Norweger noch eine Genehmigung einholen, um sicherzustellen, dass diese Förderung der Fischerei nicht schadet. Ein weiteres Problem ist der Anstieg der Förder- und Bohrkosten in den weiter nördlich gelegenen Lagerstätten. Dies erfordert hohe Investitionen, und angesichts der derzeitigen instabilen Lage auf dem Weltmarkt ist unklar, ob Investoren ihre Investitionen zurückerhalten können. Das schreckt Norwegen ab.”
Vor diesem Hintergrund erscheint das Problem mit dem EU-Verbot nicht so akut. Norwegen ist kein Mitglied des Staatenverbundes. Die europäischen Vorschriften gelten für das Land nicht. Norwegen kann die Förderung in der Arktis ungestört ausweiten. Sollte das Land jedoch der EU beitreten wollen, würde diese Frage relevant. Juschkow merkt an:
„Norwegen gehen vor allem die Vorkommen in der Nordsee zur Neige, deren Erschließung bereits in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts begann. Wenn das Land sein Fördervolumen halten will, muss es in immer nördlichere Regionen vordringen – in die Norwegische See und die Barentssee.”
Beim Eintritt in die EU würde Norwegen Garantien fordern, dass seine Bohrungen in der Arktis und den nördlichen Meeren nicht eingeschränkt werden, so der Experte.
Seiner Einschätzung nach würde Brüssel diese Beschränkungen für Norwegen gerne aufheben, wenn dies der aktuellen Lage dienen würde. Juschkow sagt:
„Gerade jetzt wäre Brüssel froh über zusätzliche Öl- und Gaslieferungen von überall her, Hauptsache nicht aus Russland.
Das Problem ist, dass, wenn jetzt Investitionsentscheidungen zur Erschließung arktischer Vorkommen getroffen werden, das zusätzliche Gas erst in fünf bis sieben oder sogar zehn Jahren kommen wird, je nach Umfang und Komplexität des Projekts. Und in den Plänen der EU sind der Verzicht auf Kohlenwasserstoffe und der Übergang zu erneuerbaren Energien vorgesehen.”
Seiner Meinung nach werden jedoch norwegische Kohlenwasserstoffe die letzten sein, auf die die EU verzichten wird. An erster Stelle stehen russische Kohlenwasserstoffe, gefolgt von Lieferanten aus dem Nahen Osten und Afrika, und irgendwann werden sogar US-amerikanische Lieferanten als überflüssig angesehen werden, doch der Verzicht auf die eigene Förderung wird ganz am Ende stehen. Zumal die Pläne für eine vollständige Dekarbonisierung bis zum Jahr 2050 noch mehrfach verschoben werden könnten. Juschkow merkt an:
„Norwegisches Gas liegt näher am eigenen Haus, daher wird es Brüssel nicht so sehr verärgern. Der Widerstand innerhalb Norwegens wird jedoch schwieriger zu überwinden sein als der aus Brüssel.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 2. Juni 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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