Die Frage, wann Antirassismus in Täterschutz umschlägt, stellt sich im Vereinigten Königreich spätestens seit dem Missbrauchsskandal von Rotherham. In dieser Stadt in Mittelengland konnten Grooming-Gangs, deren Mitglieder mehrheitlich pakistanischer Herkunft waren, sich jahrelang an minderjährigen Mädchen vergehen, sie missbrauchen und zur Prostitution zwingen. Die Opfer waren überwiegend weiße Britinnen, oft aus sozial schwachen Verhältnissen. Die örtlichen Behörden gerieten in den Verdacht, den Anschuldigungen aus Furcht vor Rassismusvorwürfen nicht nachgegangen zu sein.
Ein weiterer Fall in Großbritannien sorgt nun für Schlagzeilen, bei dem die Hautfarbe eine Rolle gespielt haben könnte: Im Dezember tötete ein Sikh den 18-jährigen Studienanfänger Henry Nowak in der südbritischen Hafenstadt Southampton. Der Täter Vickrum Digwa erstach den jungen Mann polnischer Abstammung mit einem 21 Zentimeter langen Zeremonialmesser. Ein Gericht in Southampton verurteilte Digwa am vergangenen Donnerstag wegen Mordes. Das Strafmaß wird am kommenden Montag verkündet.
Besonders brisant an dem Fall: Die von Digwas Bruder gerufene Polizei legte dem sterbenden Opfer des Überfalls Handschellen an, obwohl es um Hilfe flehte. Nowaks letzte Worte „Bitte, Bruder, ich kann nicht atmen“ erinnern an die weltweit bekannte Klage „I can’t breathe“ des schwarzen US-Amerikaners George Floyd, der 2020 bei seiner Festnahme durch US-Polizisten ums Leben kam.
Dem Irrtum der britischen Polizisten lag eine Falschmeldung von Digwas Bruder zugrunde, der der Polizei einen rassistischen Angriff gemeldet hatte. Berichten zufolge hielten die beiden Brüder das schwer verletzte Mordopfer zunächst fest. Die Beamten gaben an, die schweren Stichverletzungen nicht sofort erkannt zu haben. Der Täter hatte ihnen verschwiegen, dass Nowak verletzt war.
Auch vor Gericht hielt der Angeklagte an dem Rassismusvorwurf fest und behauptete, in Notwehr gehandelt zu haben. Der junge Student sei betrunken gewesen, habe den gläubigen Sikh rassistisch beleidigt und geschlagen und ihm den Turban vom Kopf gerissen. Das britische Gericht schenkte dieser Darstellung jedoch keinen Glauben.
Der Southampton Crown Court sprach auch die Mutter des Täters schuldig, da sie das Tatmesser versteckt hatte. Bei den Urteilen spielten zudem Film- und Audioaufnahmen vom Tatort eine Rolle. Der 23-jährige Digwa hatte sein Opfer gefilmt, anstatt einen Krankenwagen zu rufen.
Der stellvertretende kommissarische Polizeichef Robert France hat sich inzwischen öffentlich für das Vorgehen seiner Kollegen im Fall Nowak entschuldigt. Die Polizisten hätten am Tatort eine unübersichtliche Lage vorgefunden. Die Angelegenheit wird von der unabhängigen Beschwerdestelle IOPC untersucht, die noch nicht abgeschlossen ist.
Sobald die am Tatort anwesenden Polizeibeamten die Schwere von Nowaks Zustand erkannt hätten, hätten sie die Handschellen entfernt, die Rettungskräfte gerufen und versucht, das Leben des Studenten durch Wiederbelebungsmaßnahmen zu retten. Henry Nowak sei jedoch nach Ansicht eines Pathologen nicht mehr zu retten gewesen.
In Großbritannien mehren sich derweil Stimmen, die die obligatorischen Antirassismus-Schulungen bei der Polizei kritisieren. Für Chris Philp, den innenpolitischen Sprecher der Konservativen Partei, ist das Vorgehen der betroffenen Beamten „beschämend“. Sie hätten den Rassismusvorwürfen ohne kritische Prüfung geglaubt.
Es scheint, als sei die Polizei mehr daran interessiert gewesen, „jemanden, der beschuldigt wurde, eine rassistische Bemerkung gemacht zu haben, in Handschellen zu legen, als einen sterbenden Mann zu retten“. Die Polizei müsse mit ihrer Fixierung auf Rasse und angeblichen Rassismus Schluss machen.
Ein Sprecher eines britischen Sikh-Verbandes warnte derweil gegenüber der BBC vor einer Dämonisierung der Sikh-Gemeinschaft und stellte einen Anstieg von Hassverbrechen fest. In der britischen Politik gibt es hingegen Bestrebungen, die bisher geltende Ausnahmeregelung für Sikhs zu kippen, die ihnen das öffentliche Tragen des Kirpan-Dolches aus religiösen Gründen erlaubt.
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