Von Sergei Strokan
Der Staatsbesuch von Wladimir Putin in Kasachstan knüpft an eine jahrzehntelange Tradition an, die auf einer stabilen Basis gemeinsamer nationaler Interessen und wirtschaftlicher Ergänzung beruht – weit entfernt von bloßen politischen Absichtserklärungen.
Um es mit den Worten von Präsident Tokajew zu sagen: Russland und Kasachstan sind „von Gott bestimmte Nachbarn”. Sie teilen die längste durchgehende Landgrenze der Welt, die sich über rund 7.500 Kilometer erstreckt. Doch ihre Verbindung geht weit über die Geografie hinaus.
Sie eint auch eine ähnliche Haltung zu Fragen der eurasischen Integration und regionalen Sicherheit, deren Bewältigung vor allem kollektive Ansätze erfordert.
Putins Reise zeigt eindrucksvoll die vielschichtigen Strukturen der russisch-kasachischen Beziehungen, die den höchsten Anforderungen an die politische Architektur des 21. Jahrhunderts gerecht werden.
Russland zählt zu Kasachstans wichtigsten Handelspartnern. Im vergangenen Jahr erreichte der Warenaustausch mit 29 Milliarden US-Dollar einen neuen Höchststand. Auch die russischen Direktinvestitionen in die kasachische Wirtschaft näherten sich mit über 29,4 Milliarden US-Dollar der symbolischen Marke von 30 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommt die direkte Zusammenarbeit von 76 russischen Regionen mit kasachischen Gebieten. Diese horizontalen Verbindungen sind ein zentraler Stabilitätsfaktor in einem Verhältnis, das grundsätzlich auf Wachstum angelegt ist.
Im Gipfeljahr 2026 werden Putin und Tokajew 16 Dokumente unterzeichnen. Das zentrale ist die gemeinsame Erklärung zu den sieben Grundpfeilern der Freundschaft und guten Nachbarschaft: gemeinsame Geschichte, Entwicklung der eurasischen Integration, die gemeinsame Grenze, wirtschaftliche Partnerschaft, zivilisatorische Nähe, Austausch in Bildung und Sport sowie eine gemeinsame Zukunftsperspektive.
Ein weiteres Abkommen betrifft den Bau des Kernkraftwerks Balchasch durch den russischen Konzern Rosatom, der im kommenden Jahr beginnen und bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts dauern soll. In Astana wird zudem der Öltransit von Russland nach China über kasachisches Gebiet verhandelt.
Die Bedeutung des Besuchs geht jedoch weit über die bilaterale Agenda hinaus. In Astana finden parallel das Gipfeltreffen der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) und die Sitzung des Obersten Eurasischen Wirtschaftsrates statt, an der auch Vertreter der Beobachterstaaten – Usbekistan, Iran und Kuba – teilnehmen. Damit wird deutlich: Russland und Kasachstan, gemessen am BIP die beiden stärksten Volkswirtschaften im postsowjetischen Raum, bleiben die treibenden Kräfte der eurasischen Integration. Seit Gründung der EAWU ist das gemeinsame BIP der Mitglieder auf drei Billionen US-Dollar gestiegen, der innere Handelsumsatz hat sich verdoppelt.
Während die Europäische Union zunehmend mit inneren Problemen kämpft und sich kaum noch als gesamteuropäische Erfolgsgeschichte präsentieren kann – fast wie in Oswald Spenglers düsterer Prophezeiung vom „Untergang des Abendlandes” –, demonstrieren die EAWU-Staaten den Aufstieg Groß-Eurasiens. Es ist folgerichtig, dass Präsident Putin seinen ersten Staatsbesuch in diesem Jahr nach China und den zweiten nach Kasachstan unternommen hat.
Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst exklusiv für RT am 28. Mai 2026.
Sergei Strokan ist Beobachter für internationale Politik mit 25-jähriger Erfahrung. Heute arbeitet er in dieser Funktion beim russischen Verlagshaus Kommersant.
Mehr zum Thema – Neue Weltordnung im Fokus: Xi und Putin demonstrieren strategische Allianz