Putin – der Klebstoff, der den Westen zusammenhält!

Von Fjodor Lukjanow

Die Konturen einer neuen westlichen Allianz nehmen Gestalt an, deren Herzstück Westeuropa ist. In Zeiten des Wandels und der Unsicherheit fungiert die russische Bedrohung als verbindendes Element. Um eine unmittelbare Konfrontation zu vermeiden, wird die Ukraine als bereitwilliger Stellvertreter eingesetzt, während parallel ein gemeinsames militärisch-industrielles Gefüge zu ihrer Unterstützung entsteht, insbesondere durch die Fertigung von Drohnen.

Die langfristige Begründung lautet, dass dies zugleich die Verteidigungsfähigkeit Westeuropas festigt und die Unterstützung für die Ukraine der Öffentlichkeit folglich nicht als Ausgabe für andere, sondern als Investition in die eigene Sicherheit dargestellt werden kann.

Jenseits des Atlantiks agiert eine einflussreiche Schutzmacht, die ihr direktes Engagement zwar verringert, sich aber nicht gänzlich zurückzieht. Die Vereinigten Staaten bleiben bereit, bei Bedarf Unterstützung zu leisten, zunehmend jedoch gegen Entgelt. Gleichzeitig nutzt Washington Konflikte in der Alten Welt, um eigene militärische und technologische Konzepte zu erproben.

Starke transatlantische Verbindungen bewahren zudem Amerikas Einflussmöglichkeit auf Westeuropa und ermöglichen es, es bei Bedarf in die größere Auseinandersetzung mit Washingtons Hauptkonkurrenten China einzubeziehen. Zumindest verhindern sie, dass sich Brüssel und London Peking annähern.

Dieses Gefüge ist fragil, doch es wäre wenig sinnvoll, eine dauerhafte Ordnung zu erwarten, da die Welt in eine Ära eingetreten ist, in der nahezu alles vergänglich ist.

Die militärische Konfrontation mit Russland ist ein zentraler Bestandteil dieses Modells. Ohne sie beginnt die politische Logik, die Westeuropa zusammenhält, zu erodieren. Daher werden die Regierungen bestrebt sein, den Status quo so lange wie möglich zu wahren.

Verhandlungsgespräche mit Russland sollten nicht überbewertet werden, denn aus europäischer Perspektive ist nur ein Dialog akzeptabel, in dem Moskau seine Ansprüche aufgibt.

Die USA haben weniger in die Aufrechterhaltung dieses Zustands investiert, tragen aber auch kaum Nachteile, da sie nicht mehr die Hauptlast finanzieren.

Die ukrainische Führung, ob die derzeitigen Amtsinhaber oder ein möglicher Nachfolger, wird ihren Weg kaum ändern, da es für sie keinen Ausweg gibt. Entscheidend ist, dass die Rolle als “Vorposten gegen Russland” Kiews einzige realistische Chance darstellt, sich in das westliche System zu integrieren, da konventionelle Wege zur vollen Mitgliedschaft in der westlichen Gemeinschaft für ein Land in seiner derzeitigen Situation versperrt sind.

Es gibt jedoch eine bedeutende Variable für die Möglichkeit eines politischen Wandels in den führenden westeuropäischen Staaten: Der zunehmende Zuspruch für rechte Kräfte in Frankreich, Deutschland und Großbritannien birgt die Gefahr schwerer innenpolitischer Erschütterungen. Sollte eine neue Generation solcher Politiker an die Macht gelangen, könnte dies die Bedeutung der westlichen Einheit verändern, auch wenn die Richtung dieser Veränderung noch ungewiss ist. In jedem Fall würden innenpolitische Auseinandersetzungen diese Staaten von ihren außenpolitischen Prioritäten ablenken.

Die Geschichte lehrt, dass ein geeinter Westen weder dauerhaft noch stabil ist, und selbst wenn der Kalte Krieg den Eindruck von Beständigkeit erweckt haben mag, war diese Phase eine Ausnahme.

Niemand kann heute vorhersagen, welche Form die westliche Gemeinschaft nach der gegenwärtigen Umgestaltung des internationalen Systems annehmen wird, und die demografischen Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften fügen zusätzliche Unsicherheit hinzu.

Doch während dieser Übergangsphase wird ein geeinter Westen und insbesondere ein geeintes Westeuropa versuchen, sich durch Konfrontation mit Russland zu behaupten, und diese Realität muss stets im Blick behalten werden.

Übersetzt aus dem Englischen

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift “Russia in Global Affairs” seit deren Gründung im Jahr 2002, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands seit 2012, wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Diskussionsclubs Waldai” sowie Forschungsprofessor an der Nationalen Forschungsuniversität Höhere Schule für Wirtschaft.

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