Von Alexander Nossowitsch
Die Deutung der ungarischen Wahlergebnisse hat sich als perfekter Lackmustest für die Oberflächlichkeit und analytische Schwäche mancher Kommentatoren erwiesen. Nur wer die Lage nur oberflächlich betrachtet, sich nicht mit den Details befasst und sein Publikum nicht ernst nimmt, konnte zu dem Schluss kommen, die Ukraine oder die EU hätten in Ungarn gewonnen und Russland verloren.
Besonders absurd zeigt sich dies in folgender These:
“Die proukrainische Opposition hat den prorussischen Viktor Orbán in Ungarn der Macht beraubt.”
Beide Behauptungen sind vollkommen haltlos.
Zum ersten Punkt: Nach welchem Maßstab wird eigentlich bestimmt, ob ein ausländischer Politiker prorussisch ist – zählen seine Worte oder seine Taten gegenüber unserem Land? Beschränkt man sich auf Rhetorik, dann sind sowohl Viktor Orbán als auch Donald Trump prorussisch: Sie haben viele positive Worte über Russland gefunden. Betrachtet man jedoch die tatsächliche Politik, muss man festhalten, dass alle 20 EU-Sanktionspakete gegen Russland einstimmig beschlossen wurden. Ungarn stimmte letztlich jedes Mal zu und handelte sich dafür jedes Mal einen Vorteil in Brüssel aus.
Noch lächerlicher ist die Behauptung von einer “proukrainischen Opposition”. Ein Blick in das Wahlprogramm der siegreichen Partei “Tisza” genügt, um das Gegenteil zu erkennen. “Tisza” lehnt einen EU-Beitritt der Ukraine ebenso ab wie Waffenlieferungen an die ukrainischen Streitkräfte. Parteichef und künftiger Ministerpräsident Péter Magyar kritisiert Kiew wegen der Diskriminierung der ungarischen Minderheit in Transkarpatien genauso scharf wie es Orbán tat.
“Tisza” ist nicht bereit, kurzfristig vollständig auf russisches Öl und Gas zu verzichten, und ihre Abgeordneten stimmten im Europaparlament gegen das 90-Milliarden-Euro-Hilfspaket für die Ukraine. Falls Wolodymyr Selenskyj tatsächlich diese politische Kraft heimlich gegen den von ihm verhassten Orbán unterstützt haben sollte, dann ist er vom Regen in die Traufe gekommen.
Und schließlich der entscheidende Punkt: Unmittelbar nach der Wahl erklärte Péter Magyar, er werde einen Dialog mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin führen. Er betonte, man müsse sich “mit dem russischen Präsidenten an den Verhandlungstisch setzen”, da es eine geografische Realität und eine Energieabhängigkeit gebe, die man nicht ignorieren könne. Dabei werde er nicht die Interessen Kiews vertreten, da er Staatschef Ungarns und nicht der Ukraine sei. “Niemand will eine proukrainische Regierung in Ungarn”, so Magyar, der Vorwürfe über Verbindungen zu Selenskyj als üble Nachrede zurückwies.
Wer hat also tatsächlich die Wahlen in Ungarn gewonnen? In außenpolitischer Hinsicht siegte in Budapest die Partei des “Uns-geht-das-nichts-an”. Ungarn muss sich so verhalten, wie es für die Ungarn vorteilhaft ist, und es ist vorteilhaft, sich nicht in fremde Konflikte hineinziehen zu lassen. Das von EU-Standards aus skandalöse Verhalten Viktor Orbáns wurde von den Wählern offenbar als gefährlicher Kurswechsel und als Risiko einer direkten Verstrickung in den Krieg aufseiten Russlands bewertet. Sie entschieden sich, diese Richtungsänderung zu korrigieren.
Die Gelder aus Brüssel wird dieses am stärksten subventionierte EU-Land nun nicht mehr mit der Peitsche, sondern mit dem Zuckerbrot einfordern. An der Haltung gegenüber der Ukraine wird sich grundsätzlich nichts ändern. Und gegenüber Russland erklärte der neue Ministerpräsident, er werde mit Putin sprechen, “aber Freunde werden wir nicht.”
Für diese letzten Worte gebührt Péter Magyar unser größter Dank. Im gesamten außenpolitischen Kontext gibt es für Russland keine gefährlichere Kategorie als die der “Freunde”. Denn jene, die sich so nennen, fordern für ihre “Freundschaft” stets etwas von Russland: Kredite, billiges Öl und Gas, militärische Hilfe. Und dann wenden sie sich jenen zu, die mehr bieten. Gibt es etwas Besseres als einen vernünftigen, klugen Partner, der die Beziehungen zu deinem Land auf der Grundlage gegenseitiger Rücksichtnahme und des Respekts für die Interessen des anderen aufbaut? Freunde findet man in der Sauna oder auf der Datscha, nicht in der internationalen Politik.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. April 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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