Seit dem Druschba-Virus unausrottbar: Zehn Jahre Friedensfahrten trotzen allen Widerständen

Von Wladislaw Sankin 

Der Ausbruch der sogenannten Ukraine-Krise im Jahr 2014 läutete zugleich die Entstehung einer neuen Friedensbewegung in Deutschland ein. Eine einseitige Propagandakampagne, die die nationalistischen Kräfte auf dem Kiewer Maidan unterstützte und gleichzeitig Russland verteufelte, weckte damals viele bislang unpolitische Menschen im Land auf. Aus den Mahnwachen und Demonstrationen, die sich formierten, gingen die ersten Aktivistennetzwerke hervor, und alternative Medien wie Ken FM erreichten ein Massenpublikum. In kleineren Zirkeln und vereinzelt fanden 2014 und 2015 auch die ersten privaten Initiativen der Völkerdiplomatie statt, die nach Russland führten – einschließlich Reisen auf die Krim, die das offizielle Berlin damals als angebliches “annektiertes Gebiet” zur No-Go-Area erklärt hatte. 

Wichtige, wenn auch kleine Meilensteine in diese Richtung waren die Einladung des Tübinger Geografie-Professors Rainer Rothfuß durch den russischen Botschafter Wladimir Grinin zu einem Vortrag in einer Universitätsaula am 8. Dezember 2014 oder die Reise des Bloggers Owe Schattauer im September 2015 nach Moskau. Entscheidend: Über all diese Ereignisse berichtete Golos Germanii (Stimme Deutschlands) auf Russisch via YouTube. Betreiber des populären Kanals war Sergei Filbert, ein Russlanddeutscher aus Kasachstan mit technischem Beruf. Er übersetzte auch Schattauers Videos ins Russische und machte sie im russischen Netz bekannt – als Schattauer nach Moskau kam, war er bereits ein alter Bekannter und genoss ein straff organisiertes Reiseprogramm mit Besuch in der Staatsduma und Auftritten im russischen Fernsehen. 

Auf diese Weise erfuhr Russland, dass es nicht nur Deutsche gibt, die von einer Einkreisung Russlands unter dem Deckmantel der “friedlichen” und “freiwilligen” NATO-Osterweiterung träumen, sondern auch solche, die sich dagegen wehren. Golos Germanii leistete Aufklärungsarbeit über die geopolitischen Ziele des Westens und die kritischen Stimmen in der Bevölkerung und trug so zum politischen Erwachen in Russland bei. Die Russen mussten feststellen, dass zwischen ihnen und den Deutschen weit mehr Gemeinsamkeiten bestehen, als bis dahin angenommen wurde. 

Eine zentrale Rolle spielten dabei mediale Vermittler wie Ken FM oder Eingeschenkt TV. Durch Auftritte bei Ken FM lernten sich Rainer Rothfuß und Owe Schattauer kennen. Dazu gesellte sich das CDU-Urgestein Willi Wimmer, der für künftige Friedensprojekte als politischer Patron fungierte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis alle genannten Akteure für ein gemeinsames Vorhaben zusammenfanden. Und diese Zeit war gekommen. 

Anfang 2016 brachte Rainer Rothfuß die Idee eines Autokorsos nach Russland als Geste der Völkerverständigung ins Spiel. Damals noch CSU-Mitglied, Dozent und geopolitischer Analyst, hatte Rothfuß ebenso wie Willy Wimmer die Gefahr eines drohenden Krieges zwischen der NATO und Russland erkannt. Seine warnenden Reden von damals ähneln den heutigen in bemerkenswerter Weise. Der “zornige Bürger” Owe Schattauer – ein wortgewaltiger Künstler mit Temperament und Reiseerfahrung aus Moskau – unterstützte diese Idee. Als mediale Brücke nach Russland stieg Sergei Filbert in das Projekt ein. Dank seiner Videos erhielten die Reisenden später in Russland den besten Empfang – Veteranen, Künstler, Biker und engagierte Bürger sorgten für gemeinsame Unterhaltung, ein Reiseprogramm und Unterkünfte. In einem Video vom 22. April 2016 riefen Rothfuß, Filbert und Schattauer vom Sofa eines Wohnzimmers aus das Projekt der Druschba-Fahrt in einer Videobotschaft ins Leben.

Innerhalb weniger Monate stand das Gründer-Trio auf der Bühne und begrüßte die hunderte Teilnehmer des ersten Freundschaftskorsos. Auf ihren T-Shirts prangte bereits das berühmte Druschba-Logo – ein Herz in den Farben der deutschen und russischen Fahnen mit einer weißen Taube in der Mitte. Rothfuß hatte es zuvor mit einem befreundeten Grafik-Designer entworfen. Es wurde zum Symbol der Völkerverständigung und des Friedenswillens und wird bis heute auf Friedensdemos getragen. Als Anstecknadel trägt der heutige AfD-Abgeordnete im Bundestag Rothfuß das Logo auf seinem Jackett. 

Die erste Druschba-Fahrt startete am Sonntag, dem 7. August 2016, mit 274 Friedensfahrern in 70 Autos, einem Reisebus und zehn Motorrädern. An jenem sonnigen Nachmittag versammelten sich die Reisenden zu einer Auftaktkundgebung am Brandenburger Tor. Es herrschten Vorfreude auf die Fahrt und Aufbruchstimmung, dies trotz alarmierender politischer Reden über den drohenden Kalten Krieg von einer improvisierten LKW-Bühne herab. Tino Eisbrenner, DDR-Sänger und Volksdiplomat, trat mit einem Wyssozki-Lied auf. Die Aufbruchstimmung war auch deshalb spürbar, weil die Versammelten das Gefühl hatten, als friedenswillige Bürger im Land etwas bewirken zu können – etwas Einmaliges, das es so noch nie gegeben hatte. Im Nachhinein nannte Rothfuß diese erste historische Fahrt angesichts des organisatorischen Aufwands und des Publikumszuspruchs (ohne jegliche Werbung der Leitmedien!) eine “Mammut-Aktion”. 

Der damalige Star der alternativen Medien Ken Jebsen (Kayvan Soufi-Siavash) interviewte am Vortag Schattauer und andere Fahrtteilnehmer, und die Videos verbreiteten sich über Facebook schnell im Volk. In den folgenden Jahren wurde Soufi-Siavash selbst zum Russland-Reisenden. Eingeschenkt TV drehte als “eingebettetes Team” die Reisereportage, die die Stimmung und die ersten Eindrücke der Deutschen und Russen von den Begegnungen am besten einfängt. Auch die Mainstream-Medien zeigten Interesse an dem Ereignis – sie schickten Mitarbeiter unter die Reisenden und versuchten, sie als ungebildete Schwurbler und Putin-Agenten zu diffamieren (Bericht bei “Kontraste”). 

Die erste Station des Friedenskorsos war das polnische Stettin. Danach ging es nach Kaliningrad und über Litauen und Lettland nach Pskow. Von Pskow weiter nach Sankt Petersburg und von dort über Nowgorod und Twer nach Moskau. Auf der Rückreise besuchten die Teilnehmer Smolensk und die weißrussische Hauptstadt Minsk. Im darauffolgenden Jahr zog die Friedensfahrt noch mehr Teilnehmer an. In Russland teilte sich das Korso in mehrere kleinere Fahrten in verschiedene Richtungen auf. So ging es auch in den folgenden Jahren weiter, wobei auch der Kaukasus, die Krim, Wolgograd und sogar fernöstliche Gebiete Russlands besucht wurden.

In den COVID-Jahren 2020 und 2021 waren die Fahrten mit Ausnahme einer Fahrt nach Weißrussland, die weitere Aktivisten-Gruppen anzog, unmöglich. Seitdem bildet dieses Reiseziel einen eigenen Zweig der Druschba-Bewegung. Auch die Weißrussland-Reise wurde von Eingeschenkt TV begleitet. 

Auch in diesem Sommer gab es eine Druschba-Fahrt – sie war jedoch bei weitem nicht mehr so stark besucht wie in früheren Jahren. Doch das ist bedeutungslos. Denn die Druschba-Bewegung hat alle Erwartungen ihrer Initiatoren übertroffen. Sie hat das Reisen nach Russland in der Zeit vor TikTok zu einem Internet-Trend gemacht, der bis heute anhält. Seitdem ist Russland nicht nur ein Reiseziel, sondern auch ein Auswanderungszielgeworden. Sergei Filbert nannte es scherzhaft das “Druschba-Virus” – extrem hartnäckig und ansteckend.

Auch die politischen Auswirkungen, insbesondere der ersten besonders gut besuchten Druschba-Fahrten 2016 und 2017, sind kaum zu überschätzen. Das Wort “Druschba” hat seither eine Signalwirkung. Als Schriftzug prangte es auf dem Banner über den Köpfen der Redner bei der bislang größten Friedenskundgebung der letzten Jahre (Wagenknecht-Schwarzer-Demo im Februar 2023). In Torgau, Berlin und vielen anderen Städten finden Friedenskundgebungen unter dem Druschba-Vorzeichen statt. 

“Frieden mit Russland ist derzeit das Wichtigste in der Welt”, sagte der damalige Friedensaktivist Rainer Rothfuß während der ersten Fahrt. Heute wirkt er in der populärsten Partei Deutschlands mit, und sein Einfluss ist beträchtlich. “Die Völker müssen ihre Regierungen korrigieren und wieder auf einen friedlichen Kurs bringen”, sagt er heute (im Interview mit RT DE). Er hat sich von niemandem verbiegen lassen, tritt nach wie vor auf Friedenskundgebungen auf und geht zu den Empfängen in die russische Botschaft, ohne Anfeindungen zu fürchten. Auch andere bekannte Beteiligte von damals wie Owe Schattauer und Sergei Filbert, aber auch Dirk Pohlmann und andere wirken weiterhin medial mit. Ohne jegliche professionelle oder finanzielle Unterstützung von den Akteuren des politischen Vorfelds haben sie die Bundesrepublik gesellschaftlich geprägt und ihr in Zeiten der Kriegstüchtigkeit ein menschliches Antlitz verliehen. Eine historische Leistung, die sich künftig noch auszahlen wird. 

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