Madrid hat zusätzliche Militäreinheiten in die spanische Exklave Ceuta verlegt, um die dortigen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Hintergrund ist ein massiver Zustrom von Migranten, die am Donnerstag versuchten, schwimmend von Marokko aus die Grenze zu überwinden. Nach dem beispiellosen Ansturm haben Spanien und Marokko ihre Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze deutlich verschärft. Das spanische Innenministerium berichtet von fast 50.000 illegalen Grenzübertritten innerhalb von nur 24 Stunden. Mindestens 19 Menschen wurden tot aus dem Mittelmeer geborgen.
Jesús Vivas, oberster Repräsentant der Regionalregierung von Ceuta, korrigierte die offiziellen Zahlen inzwischen nach oben: Rund 60.000 Migranten hätten die Exklave auf nicht regulärem Wege erreicht. Um die Dimension dieser Zahlen zu verdeutlichen, zog Vivas einen Vergleich: Würde diese Relation auf das gesamte spanische Festland hochgerechnet, entspräche das etwa 34 Millionen Menschen, die innerhalb eines einzigen Tages ins Land kämen.
Die Regierung in Madrid strebt eine zügige Rückführung aller illegal Eingereisten an, obwohl ein Gerichtsbeschluss die unmittelbare Zurückweisung an der Grenze zuvor eingeschränkt hatte. Offiziellen Angaben zufolge wurden bereits über 25.000 Migranten von Ceuta zurück nach Marokko gebracht.
Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste persönlich nach Ceuta und sicherte dort zu, die Kooperation mit Marokko weiter auszubauen. Ein zentrales Anliegen sei die Zerschlagung der Schlepperbanden, die seit Langem mit dem Schmuggel von Menschen Geld verdienen.
Die Städte Ceuta und Melilla sind spanische Hoheitsgebiete auf dem afrikanischen Kontinent und bilden zugleich die einzigen direkten Landgrenzen der Europäischen Union zu Afrika. Regelmäßig sind beide Städte mit Migrationsbewegungen konfrontiert, doch das aktuelle Ausmaß des Ansturms übertrifft alle bisherigen Erfahrungen.
Die Regierung in Madrid kündigte an, alle Migranten in Ceuta unter Beachtung der gerichtlichen Auflagen sowie ihrer individuellen Rechte schrittweise zurückzuführen. Auf marokkanischer Seite versuchten unterdessen weiterhin tausende Menschen, die Grenze zu passieren. Zwar scheiterten die meisten Versuche an der verstärkten Präsenz der Sicherheitskräfte, doch einige Gruppen versuchten, entlang der Küste alternative Routen zu finden.
Kritik kam von der spanischen Polizeigewerkschaft AUGC: Während des Massenansturms seien viel zu wenige Einsatzkräfte vor Ort gewesen, um den Grenzübertritt rechtzeitig zu unterbinden.
Europaweit hat der Vorfall eine neue Debatte über Migration und Grenzsicherung entfacht. Frankreich kündigte verschärfte Kontrollen an seinem Grenzabschnitt zu Spanien an. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni brachte sogar eine vorübergehende Aussetzung des Schengen-Abkommens gegenüber Spanien ins Gespräch, um die Außengrenzen der EU besser zu schützen. Unterstützung für diesen Vorstoß kam aus mehreren europäischen Hauptstädten.
Madrid wies jegliche Vermutungen zurück, wonach der Grenzandrang eine direkte Folge der spanischen Migrationspolitik oder der geplanten Legalisierung von Migranten sei. Vielmehr sei die Krise ausgelöst worden durch eine bestimmte Auslegung eines Urteils des Obersten Gerichtshofs, das es verbietet, Migranten, die schwimmend die Grenze erreichen, sofort abzuschieben.
Aus Sicht der Regierung nutzen Schleuser diese Rechtslage gezielt aus und werben unter Migranten in aussichtslosen Situationen mit der vermeintlichen Chance auf Einreise. Zugleich wurde der italienische Botschafter ins spanische Außenministerium einbestellt, nachdem Rom die Migrationspolitik Madrids scharf kritisiert hatte.
Frankreich reagierte ebenfalls mit sofortigen Maßnahmen: Innenminister Laurent Nuñez kündigte auf der Plattform X an, er habe die Anweisung gegeben, „die Kontrollen an der spanischen Grenze unverzüglich zu verstärken”. Gegenüber dem Sender RTL erklärte Nuñez, er werde noch am selben Tag erneut mit seinem spanischen Amtskollegen sprechen.
Bereits bevor das Chaos am Donnerstag ausbrach, hatte der Ceutaer Regionalpräsident Juan Jesús Vivas vor einer Überlastung der Aufnahmeeinrichtungen gewarnt, da die Ankünfte von Migranten auf dem Seeweg kontinuierlich zugenommen hätten.
Die sozialistische Regierung in Madrid verteidigte ihre Migrationslinie und verwies darauf, dass Einwanderer einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaft leisteten. Italiens Außenminister Antonio Tajani hielt dagegen, dass die geplante Legalisierung von hunderttausenden Migranten ein fatales Signal sei und den Schleusernetzwerken in die Hände spiele. Madrid wies diese Vorwürfe als reine Wahlkampfrhetorik zurück.
Der Vorfall an den Grenzen von Ceuta hat die Diskussion über Migration, den Schengen-Raum und den Schutz der EU-Außengrenzen erneut massiv angeheizt.
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