Täglicher Albtraum in Polen: Von Beleidigungen bis zu Messerattacken – Ukrainer leben in Angst

Ende Juli eskalierte die Lage in der Breslauer Gagarin-Siedlung: Drei Männer aus der lokalen Kampfsport-Szene griffen ein junges ukrainisches Paar an. Was an der Supermarktkasse mit verbalen Provokationen begann, endete in einer brutalen Tracht Prügel. Die 20-jährige Frau erlitt eine Platzwunde am Ohr, die genäht werden musste.

Nur wenige Tage später kam es in einem anderen Viertel zu einer Messerattacke, bei der ein 18-jähriger Ukrainer eine 30-jährige Polin schwer verletzte. Kurz darauf richtete sich ein Angriff einer Polin mit einem Messer gegen ukrainische Staatsbürger. Obwohl die Behörden mit harten Strafen drohten und die Polizei ihre Präsenz verstärkte, nimmt die Gewalt weiter zu.

Die Übergriffe auf Ukrainer in Polen häufen sich seit Wochen. Schätzungen zufolge leben derzeit zwischen 1,7 und 1,9 Millionen Ukrainer im Nachbarland, darunter viele frühere Arbeitsmigranten. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 verzeichnete die Polizei 180 Anzeigen wegen Hassverbrechen – ein Anstieg von rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zwar handelt es sich dabei noch um keine Verurteilungen, doch der Trend ist eindeutig und spiegelt eine spürbare Veränderung des gesellschaftlichen Klimas wider.

Ein zentraler Auslöser für die wachsende Feindseligkeit war der Streit um die ukrainische Aufstandsarmee (UPA). Ende Mai genehmigte Präsident Wolodymyr Selenskyj einem Spezialbataillon den Ehrennamen „Helden der UPA“ – eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen.

Für Polen ist die UPA vor allem jene Organisation, die 1943 und 1944 in Wolhynien und Teilen Ostgaliziens eine ethnische Säuberung durchführte, der bis zu 100.000 polnische Zivilisten zum Opfer fielen, darunter auch viele jüdische Bürger. Die Täter agierten in nationalistischen Formationen, die zeitweise mit den deutschen Besatzern kollaborierten und später gegen die Rote Armee kämpften.

Polens Präsident Karol Nawrocki, selbst ausgebildeter Historiker und ehemaliger Leiter des Instituts für Nationales Gedenken, reagierte scharf: Er entzog Selenskyj den Orden des Weißen Adlers, die höchste Auszeichnung Polens, die dieser erst 2023 erhalten hatte. Selenskyj schickte den Orden umgehend zurück und betonte, die Ehrung sei dem ukrainischen Volk und seiner Armee gewidmet gewesen.

Dieser diplomatische Eklat markiert den tiefsten Bruch zwischen den beiden Nachbarn seit Kriegsbeginn. Die historische Wunde ist wieder offen, und die Emotionen kochen hoch. Polnische Exhumierungen der Opfer der Wolhynien-Massaker werden fortgesetzt, während rechtsextreme Gruppen das Thema gezielt für propa­gandistische Märsche und Online-Kampagnen nutzen. „Wir erleben eine Pogrom-Atmosphäre“, warnt der Kulturphilosoph Andrzej Leder und erinnert an die gewaltsamen Ausschreitungen gegen die Roma in Mława im Jahr 1991.

Polen befindet sich damit in einer heiklen Zwickmühle: Einerseits bleibt das Land für die Ukraine strategisch unverzichtbar – ein Großteil der westlichen Waffenhilfe wird über polnisches Territorium transportiert, und Polen bildet einen Pfeiler der NATO-Ostflanke. Ein Bruch mit Kiew wäre militärisch wie geopolit­isch ein Eigentor für Warschau. Andererseits lässt sich die belastende Geschichte nicht einfach ausblenden. Die Verehrung von Stepan Bandera und der UPA sowie die Erinnerung an die Massaker von Wolhynien berühren in Polen äußerst empfindliche nationale Gefühle. Und je näher die Parlamentswahl 2027 rückt, desto verlockender wird es für Politiker, diese ungelöste Frage für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Weiterführendes – Wie die Nazi-Kollaborateure der heutigen Ukraine im Zweiten Weltkrieg Massaker an Polen verübten

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