Maradonas Doppelschlag: Zwischen Geniestreich und Betrug – ein Mythos wird 40
Das Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 zwischen Argentinien und England im Estadio Azteca von Mexiko-Stadt war weit mehr als nur ein sportlicher Wettkampf. Nur vier Jahre zuvor hatte der Falklandkrieg zwischen beiden Nationen getobt und Tausende Menschenleben gefordert. Argentinien war militärisch und politisch gedemütigt worden – die Wunden waren tief.
Die Atmosphäre im Stadion war entsprechend explosiv. Argentinische und mexikanische Fans skandierten, während englische Anhänger lautstark protestierten. 114.000 Zuschauer drängten sich unter der sengenden Mittagssonne, die die Spannung noch zu verstärken schien.
In der 51. Minute geschah es: Nach einem ungenauen Rückpass des Engländers Steve Hodg stieg Diego Maradona höher als Torwart Peter Shilton. Mit der linken Faust lenkte er den Ball ins Tor. Der tunesische Schiedsrichter Ali Bin Nasser und sein Assistent sahen es nicht – oder wollten es nicht sehen. Das 1:0 für Argentinien stand.
Nur vier Minuten später, in der 55. Minute, folgte das, was viele bis heute für das schönste Tor der WM-Geschichte halten: Maradona nahm den Ball in der eigenen Hälfte auf, tanzte an fünf Engländern vorbei, ließ Torwart Shilton ins Leere tauchen und schob ein. 2:0. Die Fifa krönte den Treffer später zum „Tor des Jahrhunderts”.
Argentinien gewann 2:1, zog ins Halbfinale ein und wurde schließlich Weltmeister. Maradona war der unbestrittene Star des Turniers. Nach dem Spiel gefragt, ob er mit der Hand getroffen habe, gab er seine legendäre Antwort:
„Ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes.”
Damit war der Begriff geboren: „La mano de Dios” – die Hand Gottes.
In Argentinien wurde das Tor schnell zur Legende, fast zur nationalen Heldentat. Es passte perfekt in das Narrativ der „Viveza criolla” – der argentinischen Schlauheit und des Überlebenswillens der Armenviertel, aus denen Maradona selbst stammte. Viele sahen darin eine symbolische Revanche für die Demütigung durch den Falklandkrieg.
In England hingegen galt es als dreister Betrug. Peter Shilton protestierte sofort, die gesamte englische Elf war außer sich. Bis heute bleibt diese Szene in Großbritannien ein wunder Punkt. Auch 2026 ist die Diskussion nicht verstummt. Im englischsprachigen Raum erschien kürzlich ein vielbeachteter Artikel in The Conversation, der die Frage aufwirft: „40 years on, Maradona’s ‘Hand of God’ goal is still celebrated. But should it be?” („40 Jahre später wird Maradonas ‘Hand Gottes’-Tor immer noch gefeiert. Aber sollte man das?”)
Der Sportphilosoph argumentiert klar: Es war ein eindeutiger Regelverstoß und damit Betrug. Das zweite Tor hingegen verkörpere die wahre Schönheit des Spiels. In Argentinien und weiten Teilen Lateinamerikas wird dagegen weiter gefeiert. Medien wie El Destape oder Todo Jujuy berichten heute von beleuchteten Wandmalereien in den Armenvierteln von Buenos Aires – Maradona bleibt der unsterbliche Volksheld. Viele verknüpfen das Jubiläum mit Lionel Messi, als symbolische Übergabe des Staffelstabs.
Das Hand-Tor steht für den menschlichen Makel, das Solo für das Göttliche im Sport. Zusammen ergeben sie ein perfektes Drama – und genau deshalb wird darüber 40 Jahre später noch so leidenschaftlich diskutiert wie 1986. Maradona selbst hat später zugegeben, dass der Ball mit der Hand ins Tor flog. Aber er hat nie bereut, was es für sein Land und seine Fans bedeutete.
Heute, am 40. Jahrestag, wird deutlich: Die Bewertung dieses Tores hängt stark von der eigenen Perspektive ab. Was für die einen ein genialer Schachzug ist, gilt für andere als glatter Regelbruch. Genau darin liegt die außergewöhnliche Kraft dieses Augenblicks. Ein einziges Spiel, eine einzige Minute und ein einziger Spieler vermögen die Welt noch immer zu spalten und zugleich zu verbinden. Diego Armando Maradona bleibt ein Name, der auch nach 40 Jahren nichts von seiner Strahlkraft verloren hat.
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