Geheimnis gelüftet! Darum baut China einen US-Zerstörer mitten in der Wüste nach

Von Alexander Timochin

In der US-amerikanischen Militärdoktrin findet sich ein Grundsatz, der in nahezu jeder Kampfausbildungsvorschrift verankert ist:

“Im Gefecht können Truppen stets nur das umsetzen, was sie zuvor in Übungen trainiert haben.”

Dieser Leitsatz gilt im Besonderen für die anspruchsvollsten militärischen Operationen – wie großangelegte Luftangriffe und die Seekriegsführung. Letztere wird zunehmend von der Luftwaffe mitbestimmt, wobei die Schlagkraft eines modernen, voll einsatzfähigen Raketenschiffs mit jener einer Flugabwehrraketenbrigade vergleichbar ist.

Die Seekriegsführung unterliegt ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Sie weist eine Reihe von Besonderheiten auf, die im Landkrieg unbekannt sind und mit denen außerhalb der Marine und ihrer Luftstreitkräfte kaum jemand praktische Erfahrung hat.

Erstens fehlt die Orientierung an Geländemerkmalen – das Meer ist überall gleich. Kampfpiloten über Land verlassen sich stets auf Bodenmarkierungen; auf See gibt es diese nicht.

Zweitens sind alle Ziele auf See ständig in Bewegung. Ein Kriegsschiff, das sich in einem potentiellen Angriffsgebiet befindet, bewegt sich mit mindestens mehreren Dutzend Kilometern pro Stunde und treibt nie einfach nur vor sich hin.

Die elektronische Störlage ist ebenfalls komplex. Eine kampfbereite Flotte, die nicht für Paraden, sondern für den Ernstfall trainiert, schützt jedes Schiff mit allen verfügbaren Störmaßnahmen. Die US-Marine setzt zudem die gleitende Störstation NULKA ein, die das Anpeilen der Störquelle durch anfliegende Raketen verhindert.

Selbst ein erfolgreicher Raketentreffer garantiert nicht die Versenkung. Eine gut ausgebildete Besatzung kann Überlebensmaßnahmen einleiten, die Energieversorgung wiederherstellen, Brände löschen, eindringendes Wasser abpumpen und Rumpfschäden abdichten. Das Schiff bleibt nicht nur manövrierfähig, sondern kann weiterhin – wenn auch eingeschränkt – Gefechtsaufgaben erfüllen. Daher ist eine anschließende Kontrolle des Angriffsergebnisses unerlässlich.

Ein auf dem Wasser treibender Rumpf muss, falls er nicht von selbst sinkt, endgültig zerstört werden. Andernfalls wird er in einen sicheren Hafen geschleppt; der Gegner erhält entweder Ersatzteile für andere Schiffe oder repariert das Schiff sogar vollständig.

Der Gegner kann seinerseits mit Taktiken wie Raketen-Hinterhalten in der Nähe des beschädigten Schiffs oder der Positionierung einsatzfähiger Einheiten operieren, um anfliegende Raketen gezielt auf das bereits getroffene Schiff zu lenken.

Derartige Szenarien sind an Land unbekannt, weshalb die Seekriegsführung eine spezielle Vorbereitung erfordert. Diese wiederum benötigt spezifische Zielanlagen.

Bereits 2019 begann China mit dem Aufbau solcher Anlagen in der Wüste. Ein erstes Indiz war ein Modell eines US-amerikanischen Flugzeugträgers, das 2021 von US-Satelliten entdeckt wurde. In unmittelbarer Nähe fanden sich ein Modell des Zerstörers „Arleigh Burke“ und, etwas abgesetzt, ein nachgebildetes Mehrzweck-Landungsschiff, das auf Schienen beweglich war.

Diese gewaltigen Installationen eröffneten dem chinesischen Militär einzigartige Trainingsmöglichkeiten. Piloten, Seeleute und Raketenoffiziere konnten hier sowohl die Zielsuche als auch die Zielerfassung üben. Die Wüste ähnelt dem Meer insofern, als ihre Oberfläche weniger abwechslungsreich ist als andere Landschaften und kaum Orientierungspunkte bietet.

Um ein solches Ziel in der Wüste zu treffen, muss die angreifende Seite nahezu identisch vorgehen wie bei einem Angriff auf See – der Unterschied ist minimal.

In jenen Jahren experimentierten die Chinesen mit der damals noch jungen Trägerluftfahrt, mit Hyperschallwaffen und den ballistischen Schiffsabwehrraketen „Langer Marsch – 26“. Die geschaffene Zielanlage ermöglichte das Training mit verschiedenen Streitkräften – von Kampfflugzeugen bis hin zu Aufklärungsdrohnen.

Das Experiment erwies sich als erfolgreich, und China ging einen Schritt weiter. In der Wüste entstanden detailgetreue Nachbildungen von Regierungs- und Militärgebäuden Taiwans, taiwanesischen Flugplätzen und militärischen Einrichtungen. Die Chinesen gruben sogar einen langen unterirdischen Tunnel, der einem bekannten Tunnel in Taiwan nachgebildet war. Später wurden all diese Anlagen von der chinesischen Luftwaffe und mit Raketen zerstört.

Nun ist bekannt, dass China ein neues Modell errichtet – diesmal einen einzelnen Zerstörer. Einerseits ist dies nicht neu, andererseits beeindruckt die Detailtreue. Diese Detailtreue gibt Aufschluss über die künftige Entwicklung der chinesischen Waffensysteme.

Ein Schiff erscheint auf dem Radarschirm lediglich als kleiner Punkt. Nur hochauflösende Frequenzradare können die Umrisse eines erfassten Schiffs darstellen, doch deren Scanbereich ist in einem solchen Modus sehr klein und daher begrenzt einsetzbar. Weder die Luftwaffe noch die Raketentruppen werden versuchen, einen potentiellen „Oberflächenkontakt“ auf diese Weise zu identifizieren.

Für welche Waffensysteme könnte dennoch eine solche Detailgenauigkeit erforderlich sein? Die wahrscheinlichste Antwort ist: für Waffensysteme mit autonomer Zielführung. Diese wird Elemente der künstlichen Intelligenz (KI) beinhalten.

Schiffe können sich in unmittelbarer Nähe neutraler Schiffe befinden – so nah, dass ihre Signale auf dem Bildschirm zu einem einzigen verschmelzen. In einem solchen Fall muss eine auf dieses Ziel abgefeuerte Rakete das Ziel eigenständig, ohne Bedienerhilfe, auswählen und die Zielerfassung während eines komplexen Manövers aufrechterhalten, etwa nach dem Umfliegen eines Tankers, hinter dem sich ein Zerstörer verbirgt.

Das Prinzip der Zielerfassung kann variieren – von radargestützt bis optisch-elektronisch. Entscheidend ist:

Für das Training der KI, die die Rakete steuert, wird ein sehr genaues Zielmodell benötigt. Dies ist höchstwahrscheinlich einer der Gründe, warum die Chinesen diesen „Zerstörer“ wesentlich realistischer bauen als den Vorgänger, der bereits zerstört wurde.

Ein zweiter möglicher Grund für die exakte Nachbildung ist die chinesische Erprobung von Gefechtsköpfen, die auf ballistischen Raketen mit autonomer Lenkung montiert sind. Diese Waffen kommen unter extrem schwierigen Bedingungen zum Einsatz, bei denen die Zielerfassung erheblich erschwert ist. Reale Angriffe auf ein fast reales Ziel auf einer unübersichtlichen Oberfläche sind hier äußerst sinnvoll – auch für Tests von Hyperschallraketen gegen Schiffe.

Ein solches Modell ist auch für Übungen nach dem Vorbild der UdSSR nützlich: satellitengestützte Zielerfassung, Ermittlung der Bewegungsparameter durch Weltraumaufklärung und Abschuss von Hochgeschwindigkeitsraketen aus großer Entfernung. In Anlehnung an die neuesten russischen Entwicklungen könnten Satelliten genutzt werden, um den Kurs der Rakete während des Flugs zu korrigieren. Für solche Feuerübungen mit Hyperschallraketen sind Ziele mit Nachbildungen US-amerikanischer Schiffe bestens geeignet.

Am wahrscheinlichsten ist jedoch die Erprobung von Raketen mit autonomer Zielführung in der Endphase des Flugs. Anstelle eines primitiven Autopiloten, der sich anhand eines gespeicherten RCS-Werts amZiels “festklammert”, verfügen die Chinesen bei solchen Raketen über ein KI-System, das es ermöglicht, inmitten zahlreicher Scheinziele das echte feindliche Schiff zu identifizieren, es eigenständig als Ziel zur Vernichtung auszuwählen und die Rakete darauf zu lenken. Sie können auch aus einer Formation echter Schiffe das stärkste herausfiltern.

Gerade für die Erprobung solcher Waffen ist ein Reliefmodell der “Arleigh Burke” am dringendsten erforderlich. Höchstwahrscheinlich werden die Chinesen im Anschluss an den “Zerstörer” wieder einen Flugzeugträger bauen, vielleicht sogar noch etwas anderes.

Chinas Bemühungen sind aufschlussreich. Nachdem China seine letzte offensive Seeoperation im Jahr 1974 mit nach heutigen Maßstäben sehr geringen Kräften gegen einen sehr schwachen Gegner durchgeführt hat, will es heute bereit sein, sowohl gegen Taiwan als auch gegen Japan und die USA zu kämpfen. Und es investiert maximal in die Kampfausbildung und schafft mit den oben beschriebenen Methoden eine Situation, die den Kampfbedingungen so nahe wie möglich kommt. Wie das Ergebnis ausfallen wird, wird die Zeit zeigen, aber es ist bereits offensichtlich, dass sie sich mit aller Kraft bemühen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 20. Juli 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung Wsgljad erschienen.

Alexander Timochin ist Militäranalyst bei der Zeitung Wsgljad.

Mehr zum Thema – Russland und China vertiefen militärische Zusammenarbeit im Gelben Meer

Schreibe einen Kommentar