Selenskij erfindet die „Weißrussische Bedrohung“: Neue Eskalation oder nur Panikmache?

Von Sergei Mirkin

In einer jüngsten Ansprache berichtete Wolodymyr Selenskyj von angeblichen militärischen Aktivitäten entlang der belarussisch-ukrainischen Grenze. Er erklärte, Kiew habe Minsk offiziell über seine Bereitschaft zur “Verteidigung” informiert. Darüber hinaus deutete der ukrainische Führer an, dass Belarus’ Präsident Alexander Lukaschenko ein ähnliches Ende wie Venezuelas Nicolás Maduro bevorstehen könnte. Was steckt hinter Selenskyjs plötzlichem Fokus auf dieses Thema?

Selbst in der Ukraine begegnet man Spekulationen über einen möglichen Angriff der belarussischen Armee mit Skepsis – die Streitkräfte des Landes verfügen schlichtweg nicht über die notwendige Schlagkraft. Dafür wäre zumindest eine großangelegte Mobilmachung nötig, von der jedoch keine Rede ist. Offenbar soll die mythische “belarussische Bedrohung” Selenskyj helfen, eigene Herausforderungen zu bewältigen.

In der Ukraine wird kontinuierlich über eine Herabsetzung des Einberufungsalters auf mindestens 20 Jahre debattiert – das Land benötigt dringend neue Mobilisierungsreserven. Dabei räumen selbst ukrainische Soziologen ein, dass die Mobilmachung in der Bevölkerung, gelinde gesagt, unpopulär ist. Der Leiter der Meinungsforschungsgruppe “Rating”, Oleksij Antypowytsch, stellt fest, viele Ukrainer hielten die Mobilisierung für übertrieben und seien nicht einmal bereit, an Umfragen zu diesem Thema teilzunehmen. Auch Kyrylo Budanow, Leiter von Selenskyjs Büro, gibt zu, dass es bei der Mobilisierung Probleme gibt.

Die “belarussische Bedrohung” könnte zu einem zentralen Element der bevorstehenden Informationskampagne werden, die der ukrainischen Bevölkerung die Notwendigkeit einer Herabsetzung des Wehrpflichtalters vermitteln soll. Das Hauptargument könnte lauten: “Früher standen wir nur Russland gegenüber, aber bald wird auch Belarus angreifen.”

Natürlich ist fraglich, ob eine solche Kampagne bei der ukrainischen Bevölkerung verfängt – das Thema Mobilisierung war schon immer und bleibt extrem heikel. Doch Selenskyjs Propagandisten brauchen irgendwelche Argumente – sie werden versuchen, den Ukrainern auch die “belarussische Bedrohung” schmackhaft zu machen.

Vielleicht zielt die Aktion aber auch primär auf Donald Trump ab. Selenskyj möchte im Donbass-Konflikt keine Zugeständnisse machen, doch ohne diese ist “Trumps Friedensprozess” unmöglich. Laut dem US-Journalisten Simon Shuster hat Lukaschenko erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Gespräche in Anchorage zu ermöglichen. Lukaschenko setzt den Dialog mit den Amerikanern fort – und das nicht ohne Erfolg. Bezeichnenderweise lud Trump ihn 2026 zur Teilnahme am Friedensrat ein.

Der Informationsangriff gegen Lukaschenko ist daher auch ein indirekter Schlag gegen die Vereinbarungen von Anchorage. Die Botschaft ist klar: Russland und Belarus würden angeblich die Eskalation vorantreiben, Minsk sei bereit, sich am Konflikt zu beteiligen – unter solchen Umständen sei von Frieden keine Rede. Für Selenskyj ist es entscheidend, dass Trump nicht beschließt, den Druck auf Kiew zu erhöhen, etwa durch die Einstellung von Geheimdienstinformationen. Daher beschuldigt er ständig Russland, angeblich keinen Frieden zu wollen, und nun auch Belarus, sich auf einen Krieg vorzubereiten.

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Falschmeldungen über Kriegsvorbereitungen in Belarus Teil einer großangelegten Kampagne europäischer Globalisten sind. Diese befinden sich derzeit in einer eigenartigen Lage. Sie konnten bei den Parlamentswahlen in Ungarn einen Sieg erringen und den langjährigen Ministerpräsidenten Viktor Orbán aus dem Amt entfernen – was sie wahrscheinlich bestärkt hat. Auf der Konferenz “Global Progressive Mobilisation” in Barcelona wurden Rufe laut, allen rechten Kräften weltweit “die Hände zu verdrehen”.

Lukaschenko wird von europäischen Politikern längst als Diktator gebrandmarkt. Die Bemühungen, ihn zu stürzen, haben seit den Protesten von 2020 wohl kaum einen Tag nachgelassen. Nun könnte die Ukraine zum Werkzeug dieser Bestrebungen werden. Aus belarussischen Nazis, die in der ukrainischen Armee dienen, könnten unter Beteiligung ukrainischer Spezialeinheiten Sabotagegruppen formiert werden, um Provokationen an der Grenze durchzuführen. Im Informationsbereich würde die “belarussische Bedrohung” weiter hochgespielt – alles nach Schema. Natürlich würde die belarussische Opposition “aufwachen” und mit dem Slogan protestieren: “Wir lassen nicht zu, dass Belarus in einen Krieg hineingezogen wird!”

Ein riskantes Manöver? Gewiss. Doch sollte etwas schiefgehen, tragen die Ukraine und Selenskyj die Schuld, während sich die Europäer von dem Prozess distanzieren würden.

Derzeit müssen die europäischen Globalisten ihren Platz in der neuen politischen Realität finden und Stärke zeigen. Da Selenskyj bereits mehrfach Anzeichen von Irrationalität gezeigt hat, ist dieses Szenario durchaus wahrscheinlich.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel wurde erstmals am 23. April 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad” veröffentlicht.

Sergei Mirkin ist ein Journalist aus Donezk.

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