Von Dmitri Kossyrew
Moskau und Naypyidaw haben ein umfassendes Abkommenpaket geschnürt, das in seiner technologischen Ausrichtung so manchen Beobachter überraschen dürfte. Die zentralen Elemente: Bereits Anfang des kommenden Jahres will der russische Staatskonzern Rosatom in dem südostasiatischen Land mit der Errichtung eines kleinen Kernkraftwerks beginnen; ein weiteres Abkommen umfasst Satellitennavigation sowie bemannte Raumfahrt; hinzu kommen Vereinbarungen zur Elektronikbranche, zu digitalen Technologien, zur Informations- und Kommunikationstechnik sowie zur künstlichen Intelligenz. Darüber hinaus soll Russland in dem Land nach Erdöl suchen – dessen Vorkommen grundsätzlich bestätigt sind, wenngleich die Details noch zu klären bleiben – und eine Raffinerie zur Verarbeitung des Rohöls errichten.
Und schließlich, getreu dem Grundsatz, dass nur eine wehrhafte Zusammenarbeit von Bestand ist, wurde auch eine gemeinsame Erklärung zu Maßnahmen gegen Sanktionen verabschiedet.
Bei dem betreffenden Land handelt es sich um Myanmar. Dessen Staatspräsident Min Aung Hlaing stattete Moskau in dieser Woche einen offiziellen Besuch ab und setzte seine Unterschrift unter die skizzierten Vereinbarungen. Darüber hinaus unterzeichnete er ein weiteres wichtiges Dokumentenpaket mit militärischem Schwerpunkt, auf das wir später noch zurückkommen werden.
Doch zunächst zu jenen, die weniger die Partnerschaft an sich erstaunt, sondern vielmehr ihr Fokus auf Hochtechnologie. Wie erklären sich diese Menschen etwa Thailands Ankündigungen von diesem Sommer, den Sprung in die Riege der zwanzig wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt schaffen zu wollen? Und bis zum Jahr 2037, so die Prognosen der Weltbank, zu den Ländern mit hohem Einkommen zu zählen und sich zugleich zu einem regionalen Zentrum für künstliche Intelligenz, Design und Halbleiterproduktion zu entwickeln?
Gut, das ist Thailand – Myanmars südlicher Nachbar.
Welche weiteren Nachbarn hat das Land denn noch? Überraschungen gefällig? Bitte sehr: Kambodscha hat in den vergangenen Wochen unter Ökonomen und Politikwissenschaftlern Debatten über seine Zukunftsperspektiven ausgelöst: Zwischen 2000 und 2019 verzeichnete das Land ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 8,2 Prozent und rangierte damit weltweit auf dem fünften Platz. Doch es geht auch um die Qualität der Wirtschaft – und hier sehen wir moderne Logistikzentren sowie Formen der verarbeitenden Industrie, deren Entwicklung etwa das erwähnte Thailand (und auch andere Länder) ebenfalls priorisieren möchte. Hinzu kommt eine enge Partnerschaft mit China, einem globalen Technologieführer.
Das hätten Skeptiker wohl kaum von einem Land erwartet, dessen Name für viele immer noch untrennbar mit dem vom Westen unterstützten Schein-Kommunisten Pol Pot, seinen „Killing Fields” und anderen düsteren Kapiteln der Vergangenheit verbunden ist.
Doch Myanmar hat noch weitere Nachbarn: natürlich China und, jenseits des Meeres, auch Indien. Über ihre Führungsrolle in der Welt – heute und insbesondere morgen – ließe sich weit ausführlicher diskutieren, als es der Rahmen dieses Artikels erlaubt.
Diejenigen, die in der Welt von morgen zu den Gewinnern zählen werden, sind jene, die zumindest schnell erfassen, was in der heutigen Welt bereits geschieht und wie rasant sie sich verändert. Das nur zur Einordnung der Bedeutung des Moskau-Besuchs des myanmarischen Präsidenten.
Doch nun zu der Tatsache, dass diese künftige Welt nicht von selbst entsteht: Manchmal muss man für sie kämpfen.
Dieser Kampf ist ja auch bereits im Gange. Was in dieser Woche in Moskau geschah, ist Teil einer langen und fesselnden militärdiplomatischen Geschichte. Die Sache ist nämlich: Myanmar befindet sich im Krieg. Und Russland macht keinen Hehl daraus, auf wessen Seite es in diesem Krieg steht. Erinnern wir uns: Da wurde ein Paket militärbezogener Dokumente unterzeichnet. Und dieses Paket ist keineswegs das erste – Russland hilft diesem Land, eine Bedrohung abzuwehren. Eine Bedrohung nicht nur für Myanmar selbst, sondern für die gesamte Region und darüber hinaus.
Myanmars politische Geschichte verläuft seit Langem in einem Kreislauf, wobei regelmäßig und gleichsam unabwendbar immer wieder Militärregime an die Macht kommen, die jeden Ausbruch von Oppositionsaktivitäten – von Menschen, die im Westen als Demokraten bezeichnet werden – abrupt zu unterdrücken suchen. Doch es gibt auch qualitative Veränderungen. Der Militärputsch von 2021, bei dem Min Aung Hlaing, der derzeitige Gast Moskaus, eine Schlüsselrolle spielte, offenbarte etwas Neues: Zuvor bildeten die „Demokraten” der Hauptstadt und das Militär, das das Land als Ganzes repräsentierte, zwei von drei rivalisierenden Kräften. Die dritte Kraft waren die selbsternannten Stammes-Kleinstaaten und andere unkontrollierte Gebiete an den Grenzen zu Thailand, Kambodscha und China. Dazu zählen auch die Bewohner des ehemaligen „Goldenen Dreiecks” mit seiner Drogenindustrie. Also: Nach dem Putsch 2021 gibt es nicht mehr drei Kräfte im politischen Leben – die sogenannten Demokraten haben sich mit diesen Separatisten, sagen wir es deutlich, eng angefreundet.
Und da ist es offensichtlich, wen der Westen in den letzten Jahrzehnten unterstützt hat: Myanmar ist seit Langem schweren Sanktionen ausgesetzt. Unsere beiden Länder wussten also, wovon sie sprachen, als sie in Moskau ein Dokument zur Bekämpfung dieser Sanktionen unterzeichneten.
Unterdessen hielt das Militär in Myanmar Wahlen ab und errichtete (unter seiner Kontrolle) ein ziviles Regime. Im April trat Min Aung Hlaing sein Amt als Präsident an und bereiste wichtige Partnerländer: Indien, China, Thailand und nun auch Russland. Und überall waren die Ergebnisse im Großen und Ganzen dieselben wie in Moskau: Jeder braucht Myanmar.
Unter anderem aus militärischen und politischen, letztlich aber aus Sicherheitsgründen. So gelang jüngsten Meldungen zufolge einer 19-jährigen Russin namens Maria, indem sie den Fluss ins benachbarte Thailand überquerte, die Flucht aus der Zwangsarbeit in einem Callcenter in Myanmars Staatsgebiet. Von dort (und nicht nur von dort) aus betreiben diese Callcenter weltweit Telefonschwindel. Sie war über China rekrutiert und dann nach Myanmar gebracht worden. Und dies ist nur einer von mehreren aktuellen Fällen. Die russischen Botschaften in Myanmar und Thailand haben bereits eine Arbeitsgruppe mit einem gut funktionierenden System zur Rehabilitation solcher aus der Zwangsarbeit befreiter Menschen eingerichtet. Auch die Behörden dieser Länder sind in solche Mechanismen eingebunden.
Das wunderbare Informationszeitalter begann für Südostasien nämlich genau so – mit Kriminalität und Betrug, mit Cyberoperationen aus unkontrollierten Gebieten. Und was werden solche Datenzentren erst anstellen, wenn sie über den einfachen Raub, Betrug und Zwangsarbeit hinauswachsen sollten? Kurzum: Solche Zentren (oder Konzentrationslager) – völlig unkontrolliert – sollten schlichtweg nicht existieren. Nicht in Südostasien, und auch nirgendwo sonst.
Deshalb sei noch einmal betont: Ihren Krieg führen die myanmarischen Behörden genau gegen so etwas – mit Unterstützung Russlands, und nicht nur Russlands. Im Frühjahr begannen sie aktive Kampfhandlungen gegen Banden in unkontrollierten Landesteilen. Doch in den entsprechenden Medien und anderen Quellen sehen wir davon ein bekanntes Bild, das koordiniert gezeichnet wird: Ach so brutale Militäreinheiten bombardieren da angeblich friedliche Dörfer, Drohnen, die nach russischer Fertigung aussehen, kreisen dort in der Luft, Kinder können nicht schlafen, „Flüchtlinge fliehen”. Dieses Bild passt doch gut in die bekannte Informationslandschaft, oder? Sehr gut sogar. Wenn in den westlichen oder auch westlich orientierten Medien und anderenQuellen ein derartiges Geheul beginnt, bedeutet das, dass die myanmarischen Behörden und das Militär in ihrer Offensive Fortschritte zu erzielen scheinen. Und wir können ihnen nur Erfolg wünschen.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 20. August 2026.
Dmitri Kossyrew ist ein russischer Journalist, Orientalist und politischer Analyst bei “RIA Nowosti”.
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