Europa vor dem Jahrhundert der Erniedrigung – Varoufakis‘ alarmierende Prognose

Von Rainer Rupp

In einem ausführlichen YouTube-Gespräch mit dem norwegischen Politikwissenschaftler Glenn Diesen zeichnete der emeritierte Wirtschaftsprofessor Yanis Varoufakis ein pessimistisches Bild der europäischen Zukunft. Der ehemalige Finanzminister Griechenlands, der während der schweren Finanzkrise kurzzeitig der linken Syriza-Regierung angehörte, verglich die Situation Europas mit der Chinas zwischen 1839 und 1949 – ein Jahrhundert der Demütigung stehe bevor.

Varoufakis war vom 27. Januar bis zum 6. Juli 2015 Finanzminister unter Ministerpräsident Alexis Tsipras. Er trat zurück, nachdem das griechische Volk im Referendum vom 5. Juli 2015 mit überwältigender Mehrheit gegen das von Brüssel geforderte Sparprogramm gestimmt hatte. Als die Euro-Group die Rettung großer EU-Banken auf Kosten der griechischen Bevölkerung verlangte, weigerte sich Varoufakis, diese unmenschliche Austeritätspolitik umzusetzen.

Im Gespräch mit Diesen sieht Varoufakis die Wurzeln der europäischen Misere in der Finanzkrise von 2008. Statt die bankrotten Großbanken zu enteignen, die wie ein gigantisches Casino mit riskanten Finanzpapieren spekuliert hatten, vollzog die EU einen “Staatsstreich”: Die Verluste wurden auf die schwächsten Steuerzahler abgewälzt. “Sozialismus für die Banker, brutale Austerität für alle anderen”, so Varoufakis. Sogar die Europäische Kommission sei damals von einer Berlin-dominierten Schattenregierung – der Euro-Group, bestehend aus EU-Kommission, EZB und IWF – kaltgestellt worden.

Varoufakis kritisiert, dass die EU ein “halbf fertiges Haus” sei, dessen Strukturen die Probleme noch verschärfen. Eine Währungsunion ohne Fiskalunion und politische Union sei gefährlich. Er zitiert den renommierten Ökonomen Nicholas Kaldor, der bereits 1970 warnte, dass eine solche Konstellation “eine toxische Krise erzeuge, die jede spätere politische Einigung unmöglich mache”. Genau das sei eingetreten: Die EZB flutete die Märkte mit billigem Geld, das in Aktienrückkäufe und spekulative Geschäfte floss, statt in produktive Investitionen. Gleichzeitig drückte die Austerität Löhne, Renten und Konsum, was zu wirtschaftlicher Stagnation und sozialer Frustration führte.

Deutschland spielte laut Varoufakis eine Hauptrolle. Einst wirtschaftliche Lokomotive und Vorbild für Demokratie, habe sich das Land selbst demontiert. Er zitiert Wolfgang Schäuble, der ihm gegenüber eingestanden habe, dass man die über Griechenland verhängte Austerität später nach Deutschland importieren müsse, um mit China und Indien konkurrieren zu können. Die Folgen seien heute sichtbar: Volkswagen kann weder mit BYD noch mit Tesla mithalten und verlegt seine Produktion zu Rheinmetall, um Leopard-Panzer zu bauen, die der Ex-Minister als nutzlose “Todesfallen” bezeichnet. Der Ukraine-Krieg diene als Ausrede, um die Deindustrialisierung zu kaschieren und Rüstungsprofite zu sichern.

Varoufakis betont, dass die EU von einem geowirtschaftlichen Projekt (EWG) zu einem geopolitischen geworden sei. Die ursprüngliche Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) sei unter US-Aufsicht als Kartell großer Konzerne gegründet und eng mit der NATO- und Dollar-Zone verflochten gewesen. Der Vertrag von Maastricht (1993) habe die EU als politisches Konstrukt geschaffen, das wichtige Entscheidungen von nationalen Parlamenten auf die demokratisch nicht legitimierte EU-Kommission übertragen habe. Statt eine eigene Souveränität anzustreben, diene die EU-Elite Washington freiwillig als Vasall.

Der Ukraine-Krieg zeige dies deutlich: Der von den USA initiierte Stellvertreterkrieg zur strategischen Schwächung Russlands wurde von den EU-Eliten als moralischer Kampf inszeniert, dabei hätten sie die wirtschaftlichen Interessen ihrer Völker geopfert. Russland habe inzwischen gute Ersatzpartner in Asien gefunden. Washington habe das Projekt fallen gelassen und in den Schoß seiner europäischen Vasallen gelegt, die aber unfähig seien, den Konflikt zu beenden – aus revanchistischen, ideologischen oder intellektuellen Gründen.

Europa schneide sich vom russischen Energiemarkt ab, zahle teure US-Waffendeals und verliere technologisch gegen China und die USA. Das Ende sei absehbar: Europa produziere keine Solarpaneele, keine konkurrenzfähigen E-Autos und investiere nicht in KI oder Cloud-Technologie. Politische Zwerge regierten, während die Zukunft an Europa vorbeiziehe. Dennoch schließt Varoufakis nicht resigniert: Kollektives und rationales Handeln könne das “Jahrhundert der Demütigung” verhindern. Doch unter der derzeitigen Führung sei Pessimismus die einzig rationale Erwartung.

Fazit:

Varoufakis’ Analyse ist radikal, aber kohärent: Europa zahlt den Preis für jahrzehntelange strukturelle Defekte, Unterordnung unter US-Interessen und Verweigerung echter Souveränität. Ohne grundlegenden Bruch droht ein langer, demütigender Abstieg.

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