Russischer Haushalt: Ein fremder Krieg als Retter in der Not

Von Olga Samofalowa

Die Aussichten auf eine Einigung zwischen den USA und dem Iran schwanken ständig: Mal rückt ein Frieden in greifbare Nähe, mal entfernt er sich wieder. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie diese Krise enden wird. Theoretisch könnten die Konfliktparteien in naher Zukunft ein vorläufiges Abkommen unterzeichnen, gefolgt von einem endgültigen Vertrag, und die Straße von Hormus bereits im Mai oder Juni wieder für die Schifffahrt freigeben.

Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass die Krise sich hinzieht, eine militärische Eskalation auslöst und die Lage so verschärft, dass die Ölpreise drastisch steigen. Ein derartiger Anstieg würde die Nachfrage einbrechen lassen, was wiederum die Notierungen nach unten zieht – ein Kreislauf, der in eine weltweite Rezession münden könnte. Ein solches Szenario haben wir bereits während der Coronavirus-Pandemie erlebt.

Für Russland sind beide Entwicklungen mit Blick auf die Einnahmen wenig vorteilhaft. Im ersten Fall würde der Ölpreis rapide unter 100 US-Dollar pro Barrel sinken, vermutlich auf ein Niveau zwischen 70 und 90 US-Dollar. Die zweite Variante würde unsere Abnehmer wirtschaftlich erschüttern: Fabriken drosseln die Produktion, der Verkehr nimmt ab, und die Nachfrage nach unserem Öl sinkt spürbar. Die Preise würden dann unberechenbar schwanken – von Spitzenwerten bei 150 bis 200 US-Dollar bis hin zu einem plötzlichen Absturz. Während der Pandemie gab es sogar einen historischen Moment, in dem Öl zu negativen Preisen gehandelt wurde. Das bedeutete, dass Verkäufer draufzahlen mussten, um das Öl überhaupt loszuwerden. Ein solches Extrem ist vielleicht nicht zu erwarten, doch bereits bei 59 US-Dollar pro Barrel für die Sorte Urals wird die Lage für den russischen Haushalt angespannt, während die Sorte Brent teurer ist.

Aus Sicht des russischen Haushalts und der Exporteure wäre ein Beibehalten des Status quo deutlich vorteilhafter: Die Ölpreise liegen hoch genug – etwa zwischen 100 und 110 US-Dollar je Barrel –, aber noch nicht in einem extremen Bereich. Die Nachfrage nach Rohstoffen bleibt stabil, während die Öl- und Gaseinnahmen des Staates steigen. Idealerweise sollte dieser Zustand so lange wie möglich anhalten.

Bereits im März und April profitierte Russland vom Nahostkonflikt und erzielte recht hohe Einnahmen. Diese reichten jedoch nur aus, um die Verluste aus den ersten beiden Monaten des Jahres auszugleichen. Im Januar und Februar lag der Preis für Urals bei 41 bzw. 45 US-Dollar pro Barrel, deutlich unter den im Haushalt veranschlagten 59 US-Dollar. Dies führte zu einem erheblichen Haushaltsdefizit. Der Nahostkonflikt kam, so seltsam es klingt, gerade zur rechten Zeit. Bereits im März stieg der Urals-Preis auf 77 US-Dollar, im April auf 95 US-Dollar pro Barrel. Sollte sich die Unterzeichnung selbst eines vorläufigen Friedensabkommens zwischen den USA und dem Iran verzögern, wird der steuerlich relevante Preis für Urals im Mai weiter steigen – und mit ihm die Öl- und Gaseinnahmen. Im April konnten bereits 240 Milliarden Rubel mehr eingenommen werden als im März.

Dennoch ist es für das Finanzministerium noch zu früh, um sich zu entspannen. Das Haushaltsdefizit bleibt bestehen, und die sprunghaften Öleinnahmen der ersten vier Monate könnten sich über das gesamte Jahr 2026 hinziehen. Selbst wenn es gelingt, die Preise auf einem hohen und stabilen Niveau zu halten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Welt 2027 in eine Phase niedriger Ölpreise zurückkehrt.

Denn ein verzögerter Faktor tritt nun in Kraft: der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus der OPEC+ und der damit verbundene mögliche Zerfall des Abkommens, vielleicht durch weitere Austritte. Dies könnte den Ölpreis zu einem völlig unerwarteten Zeitpunkt treffen – genau dann, wenn alle diese Gefahr bereits vergessen haben. Derzeit verhalten sich die Teilnehmer des OPEC+-Abkommens noch zurückhaltend, doch sobald die Straße von Hormus wieder geöffnet ist, könnte sich ihre Haltung schlagartig ändern. Dem Vorbild der VAE folgend könnten auch sie ihren Austritt erklären. Bereits der Austritt einiger weniger großer Akteure würde ausreichen, um den Einfluss der OPEC auf die Ölpreise zu untergraben.

Ein weiteres Problem sind die freigegebenen Ölreserven. Sobald die Straße von Hormus geöffnet ist, werden die Länder diese als Erstes wieder auffüllen, was die Nachfrage nach dem “schwarzen Gold” ankurbelt und die Preise stützen dürfte. Wenn jedoch das OPEC+-Abkommen wie ein Kartenhaus zusammenbricht und seine ehemaligen Mitglieder beginnen, massenhaft zu fördern, kann nichts mehr helfen: Die Notierungen würden bereits auf entsprechende Nachrichten hin nach unten schnellen, noch bevor zusätzliche Ölmengen auf den Markt gelangen.

Daher ist es für Russland vorteilhafter, wenn der Konflikt möglichst lange in einer Schwelphase bleibt, begleitet von ständigen Friedensgesprächen. Denn selbst in einem für unsere Staatseinnahmen günstigen Szenario wird das Füllen des Staatshaushalts keine leichte Aufgabe sein.

Unser Land strebt für 2026 Öl- und Gaseinnahmen von 8,92 Billionen Rubel an. In den ersten vier Monaten – trotz der schwachen Ergebnisse im Januar und Februar – flossen 2,3 Billionen Rubel in den Haushalt. Es bleiben also 6,62 Billionen Rubel, die zusätzlich eingenommen werden müssen. Das entspricht 828 Milliarden Rubel pro Monat, etwas unter dem Aprilwert, als der steuerlich relevante Preis für Urals bei 95 US-Dollar pro Barrel lag. Damals flossen 856 Milliarden Rubel in den Haushalt. Wenn unser Öl das gesamte Jahr über so teuer bleibt, wird der Jahresplan für die Öl- und Gaseinnahmen erfüllt. Man muss jedoch bedenken, dass ein solches Erfolgsszenario auch ausbleiben kann.

Die gute Nachricht ist, dass Russland Reserven und Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors besitzt. Diese steigen weiter und gleichen den Rückgang der Öl- und Gaseinnahmen teilweise aus. So stiegen die Einnahmen aus anderen Wirtschaftsbereichen in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 10,2 Prozent, während die Öl- und Gaseinnahmen um 38,3 Prozent zurückgingen. Dies ist nicht nur auf die niedrigen Preise zu Beginn des Jahres zurückzuführen, sondern auch auf geringere Fördermengen. Damit gewinnt der nicht rohstoffbasierte Teil der russischen Wirtschaft aus Sicht der Haushaltseinnahmen zunehmend an Gewicht und Bedeutung.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. Mai 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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