Laut iranischen und westlichen Regierungsbeamten hat Teheran erwogen, als Vergeltung für einen ukrainischen Angriff auf ein iranisches Schiff im Kaspischen Meer einen Hafen in der Ukraine anzugreifen. Die angespannte Situation habe jedoch durch intensive diplomatische Bemühungen vorerst entschärft werden können, berichtet die New York Times am Mittwoch.
Die Ukraine, die Iran und Russland beschuldigt, sich gegenseitig bei ihren Militäroperationen zu unterstützen, griff am Samstag ein iranisches Handelsschiff im Kaspischen Meer an. Bei diesem Angriff starb ein ziviler Seemann. Iranische Vertreter kündigten daraufhin Vergeltungsmaßnahmen an.
Mehrere mit Geheimdienstinformationen vertraute Personen erklärten, sie hätten erwartet, dass Iran eine ballistische Rakete mit einem kleinen Sprengkopf auf die Ukraine abfeuern könnte. Dieser Angriff hätte laut diesen Quellen hauptsächlich symbolischen Charakter gehabt und vergleichsweise geringe Schäden verursacht. Andere Vertreter gehen davon aus, dass einer der ukrainischen Schwarzmeerhäfen als wahrscheinliches Ziel vorgesehen war.
Ein Raketenangriff aus Iran auf die Ukraine würde eine erhebliche Eskalation bedeuten und könnte einen größeren Konflikt auslösen – insbesondere vor dem Hintergrund der angespannten Beziehungen zwischen beiden Ländern und der engen Partnerschaft zwischen Teheran und Moskau.
Iranische Vertreter äußerten die Hoffnung, dass der Konflikt mit einem Vergeltungsschlag beendet werden könne. Westliche Regierungsvertreter warnten jedoch, es sei schwer vorhersehbar, wie die Ukraine darauf reagieren würde.
Die von der New York Times befragten Vertreter sprachen unter der Bedingung der Anonymität – die westlichen Regierungsvertreter, um sensible Geheimdienstinformationen erörtern zu können, die iranischen Vertreter, um über militärische Planungen sprechen zu können.
Am Sonntag bezeichnete der iranische Außenminister Abbas Araghtschi den ukrainischen Angriff als einen Verstoß gegen die UN-Charta. Ziel der Attacke sei es gewesen, Europa in den iranischen Krieg mit den USA hineinzuziehen. “Dieser Vorfall kann nicht unbeantwortet bleiben”, erklärte er in einem Beitrag in den sozialen Medien.
Da die USA eine Blockade iranischer Häfen am Persischen Golf verhängt haben, gewann der Handel zwischen Iran und Russland über das Kaspische Meer an Bedeutung. Es hat sich zu einer wichtigen Versorgungsroute für den offenen sowie verdeckten Handel zwischen beiden Ländern entwickelt.
Am Dienstag sprach Araghtschi jedoch überraschend nach diplomatischen Bemühungen der Ukraine zur Entschärfung der Spannungen telefonisch mit seinem ukrainischen Amtskollegen Andri Sibiga.
Nach dem Telefonat erklärte Araghtschi in einem Beitrag, Sibiga habe den Angriff auf das Frachtschiff als unbeabsichtigt bezeichnet und es sei “klargestellt, dass jeder Angriff auf unsere Bürger oder unsere Interessen inakzeptabel ist. Für die entstandenen Verluste muss Wiedergutmachung geleistet werden.” Iran strebe ebenfalls keine Eskalation an.
Auf seiner offiziellen Website erklärte der iranische Außenminister zudem, er habe mit der obersten Diplomatin der Europäischen Union, Kaja Kallas, über “Möglichkeiten zur Verringerung der Spannungen in der Region” gesprochen.
Der regierungsnahe iranische Analyst Mehdi Rahmati erklärte gegenüber der NYT, während einige politische Akteure in Iran Vergeltung gegen die Ukraine gefordert hätten, hätten andere zur Zurückhaltung geraten.
Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij hielt sich am Dienstag in Washington auf, um US-Präsident Donald Trump zu treffen und an einer Gedenkveranstaltung für den republikanischen Senator Lindsey Graham aus South Carolina teilzunehmen, der die Ukraine in ihrem Krieg gegen Russland unterstützt hatte.
Selenskij hatte angekündigt, “Geheimdienstinformationen” über die Unterstützung Russlands für Iran in dessen Krieg gegen die USA vorzulegen. Ukrainische Regierungsvertreter erklärten, Russland habe Iran Satellitenbilder von US-Stützpunkten im Nahen Osten zur Verfügung gestellt.
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