Gadi Eisenkot: Ex-Generalstabschef fordert Netanjahu heraus
Der ehemalige israelische Generalstabschef Gadi Eisenkot gilt als einer der aussichtsreichsten Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der parteilose Politiker, dessen jüngster Sohn im Gazakrieg fiel, wirft dem …
Gadi Eisenkot, geboren 1960 in Tiberias als Sohn marokkanisch-jüdischer Einwanderer, hat einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. Er wuchs in Eilat am Rande Israels auf, fern vom politischen und militärischen Establishment. 1978 trat er den israelischen Verteidigungsstreitkräften bei, durchlief eine steile Karriere in der Golani-Brigade und stieg schließlich zum ersten Generalstabschef mit orientalischer Herkunft auf – ernannt von niemand geringerem als Benjamin Netanjahu selbst. Sein militärisches Wirken umfasst die sogenannte Dahiya-Doktrin, gezielte Operationen gegen iranische und Hisbollah-Präsenz in Syrien sowie den Gideon-Mehrjahresplan zur Stärkung der Bodentruppen.
Eisenkots Einstieg in die Politik erfolgte erst 2022, als er Benny Gantz' National Unity beitrat und in die Knesset gewählt wurde. Nach den Terrorangriffen vom 7. Oktober 2023 trat er als Minister ohne Portfolio in das Kriegskabinett ein. Im Juni 2024 verließ er gemeinsam mit Gantz die Regierung, mit der Begründung, dass klare Kriegsziele, eine Geisel-Strategie und Nachkriegsplanung fehlten. Im September 2025 gründete er die Partei Yashar („Geradeaus“).
Der Tod seines jüngsten Sohnes Gal am 7. Dezember 2023 bei einem Einsatz in Nord-Gaza prägt Eisenkots politisches Auftreten. Zwei Neffen fielen ebenfalls im Krieg. Diese persönlichen Verluste kontrastieren erkennbar mit Netanjahu, dessen Söhne nicht am Krieg teilnahmen. Eisenkot selbst beschreibt seine Haltung zum Amtsinhaber nüchtern: „Ich hasse ihn nicht und ich suche keine Vergeltung, ich glaube nur, dass er versagt hat.“ Netanjahu habe Israel „blind, arrogant und unverantwortlich in die größte Katastrophe seiner Geschichte geführt“.
Ein zentrales Anliegen Eisenkots ist die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission zum Versagen vom 7. Oktober 2023. Netanjahu habe eine solche Kommission bisher verhindert und mit dem noch nicht beendeten Krieg begründet. Eisenkot kündigte an, diese Kommission am ersten Tag einer von ihm geführten Regierung einzusetzen. Er wirft Netanjahu zudem vor, bei Misserfolgen stets andere verantwortlich zu machen und sich Erfolge selbst zuzuschreiben – im Gegensatz zu seiner eigenen Führungsmaxime, bei Misserfolgen in den Vordergrund zu treten und bei Erfolgen anderen die Anerkennung zu überlassen.
Trotz der scharfen Kritik an Netanjahu unterscheiden sich die politischen Positionen beider Männer in zentralen außen- und sicherheitspolitischen Fragen nur begrenzt. Eisenkot lehnt eine fremde Militärpräsenz im Westjordanland ebenso ab wie die Zwei-Staaten-Lösung, die er nach dem 7. Oktober für „illusorisch“ hält. Eine Koalition mit arabischen Parteien schließt er aus, solange diese Israel als jüdischen Nationalstaat nicht anerkennen. Auch gegenüber der Siedlerbewegung hegt er Sympathien, gegenüber gewalttätigen Siedlern im Westjordanland will er jedoch härter vorgehen als Netanjahu. Mit den extrem rechten Ministern Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich will er nicht koalieren.
Im Umgang mit dem Iran vertritt Eisenkot eine ähnlich harte Linie wie der Amtsinhaber. Er spricht sich für einen umfassenden Plan mit den USA aus, um ein iranisches Atomwaffenprogramm zu verhindern, einschließlich Maßnahmen zur Zerschlagung entsprechender Kapazitäten und eines strengen Inspektionsregimes. Einen offiziellen Regimewechsel in Teheran strebt er nicht an, da er diesen nicht für praktikabel hält. Auch gegenüber Hamas und Hisbollah würde er kaum anders verfahren als Netanjahu. Den 20-Punkte-Plan von US-Präsident Donald Trump für den Gazastreifen hält er nur für umsetzbar, wenn Hamas zuvor vollständig entwaffnet werde.