Der wahre Kollaps: Warum die Sowjetunion nicht an der Wirtschaft, sondern an der Politik zerbrach

Von Wladimir Warnawski

Es wäre unpräzise, von einem wirtschaftlichen Kollaps der UdSSR zu sprechen. Mit der Unterzeichnung des Belowescher Abkommens 1991 (Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, GUS) löste sich der Unionsstaat auf, und das administrativ-kommandowirtschaftliche System zerbrach – nicht jedoch die Wirtschaft selbst. Bis zum Ende des Landes und darüber hinaus – bereits in russischer Zeit – erfüllten Landwirtschaft und Industrie weiterhin ihre zentrale Aufgabe: die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln.

Dies war die bedeutendste Leistung jener äußerst schwierigen Phase. Eine Massenhungersnot blieb aus. Die kollektive Landwirtschaft kollabierte nicht und kam nicht zum Erliegen. Zwar gab es Probleme, doch waren diese nicht derart schwerwiegend, dass sie einen wirtschaftlichen Zusammenbruch verursacht hätten. Das Ackerland wurde bewirtschaftet, die Aussaat erfolgte, und die Ernte wurde eingefahren. Die Getreideerträge blieben in den 1980er-Jahren im Schnitt auf dem Niveau der 1970er-Jahre.

Die post-sowjetische Wirtschaft, die ohne funktionierende Verbindungen, Kooperationslieferungen und Absatzmärkte zu den übrigen 14 Sowjetrepubliken sowie den früheren sozialistischen Staaten auskommen musste, stützte sich einzig auf eigene Agrar- und Verarbeitungsbetriebe, private Nebenerwerbswirtschaften und eine – man kann es nicht anders formulieren – heldenhaft ums Überleben kämpfende Bevölkerung. So hielt sie Russland in den ersten Jahren notdürftig über Wasser. Doch die Kräfte schwanden. Der wirtschaftliche Verfall griff immer weiter um sich.

Man kann daher sagen: Erst nach dem Zerfall der UdSSR erlebte die Wirtschaft einen Einbruch – präziser gesagt, eine erhebliche Zerstörung. Mitte der 1990er-Jahre fielen Bruttoinlandsprodukt (BIP), industrielle Produktion und Bautätigkeit auf ihren Tiefpunkt – etwa 50 Prozent des Stands von 1990. Vielleicht wäre dies auch der UdSSR widerfahren, hätte sie bis 1995 existiert, doch das ist, wie man so sagt, eine andere Geschichte. Und die Geschichte kennt bekanntlich keinen Konjunktiv.

Zum Zeitpunkt des Zerfalls befand sich die sowjetische Wirtschaft in einer tiefen Systemkrise – daran besteht kein Zweifel. Formal betrachtet blieben die Wachstumsraten in den 1980er-Jahren jedoch durchgehend positiv. Nicht nur laut Goskomstat der UdSSR (Staatliches Komitee für Statistik). Obwohl im Westen oft die Zuverlässigkeit der offiziellen sowjetischen Statistiken angezweifelt wird, kommen professionelle ausländische Ökonomen – etwa das US-amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER), die RAND Corporation (in Russland als unerwünschte Organisation eingestuft und verboten) oder die CIA –, die mit eigenen Methoden rechnen, zu ähnlichen Einschätzungen wie das Goskomstat.

1989 verzeichneten BIP und Industrieproduktion des Landes letztmals in diesem Jahrzehnt einen leichten Anstieg. Formal befand sich die sowjetische Wirtschaft also lediglich in ihren letzten beiden Jahren – 1990 und 1991 – in einer Krise, als das BIP je nach Schätzung um 2,4 bis 5,1 Prozent schrumpfte. Ein solcher Rückgang wird weltweit jedoch nie als wirtschaftlicher Zusammenbruch betrachtet. In den USA etwa sank das BIP 2008 und 2009 ebenfalls um 0,1 beziehungsweise 4,6 Prozent – und niemand sprach von einem Kollaps der US-Wirtschaft.

Die industrielle Produktion insgesamt zeigte in den 1980er-Jahren ebenfalls einen Aufwärtstrend, wenn auch mit eher moderaten Zuwachsraten. Bei den wichtigsten Produktgruppen – Roheisen, Stahl, Walzstahl, Elektroenergie, Mineraldünger und anderen – wurde in diesen Jahren ein Anstieg verbucht. 

Der Zerfall der Sowjetunion war kein wirtschaftlicher, sondern ein politischer Zusammenbruch. Am 26. Dezember 1991 „hörte der Staat mit dem Namen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken als völkerrechtliches Subjekt und als geopolitische Realität auf zu existieren” (Zitat aus den Belowescher Vereinbarungen). Dies war die Folge einer umfassenden Krise, die sich über Jahre in allen Bereichen verschärfte – in Wirtschaft, Politik, Staatsführung, Ideologie und Gesellschaft.

Ohne die langjährigen wirtschaftlichen, politischen und sonstigen Probleme, die strukturellen Ungleichgewichte zwischen Produktion und Konsum, die Schwäche der Staatsführung, die ideologische Sackgasse sowie das bedrückende Gefühl der Ausweglosigkeit und einer sich anbahnenden Katastrophe für eine riesige, aber noch immer mächtige Großmacht, wäre es wohl kaum zum Zerfall der UdSSR gekommen.

Ebenso darf das feindselige Umfeld nicht unberücksichtigt bleiben. Außenpolitische Faktoren erschwerten stets die Entwicklung der sowjetischen Wirtschaft und verschärften die Lage: der Kalte Krieg des Westens gegen die UdSSR, Diskriminierung in Handel, Investitionen, wissenschaftlich-technischer Zusammenarbeit und Technologietransfer.

Die Ereignisse vom Dezember 1991 lassen sich nur verstehen, wenn man die langfristigen Entwicklungslinien des Landes und seiner Wirtschaft unter Berücksichtigung aller wichtigen und begleitenden Faktoren analysiert. Der politischen Entscheidung zur Auflösung der UdSSR ging eine mehr als zwanzigjährige Phase wirtschaftlicher Verschlechterung voraus. Effizienz, Produktivität und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft nahmen ab, während mengenmäßige und quantitative Kennzahlen stiegen. Darin lag der zentrale wirtschaftliche Widerspruch der UdSSR von den 1970er-Jahren bis zu ihrem Ende.

Man sollte stets bedenken, dass der Sowjetunion in ihrer – historisch gesehen – relativ kurzen Existenz ein beispielloses Experiment gelang: die Verwandlung eines riesigen Agrarlandes, das zudem durch den Ersten Weltkrieg, den Bürgerkrieg und den Zweiten Weltkrieg verwüstet worden war – allein im letzten hatte es über 20 Millionen Menschen verloren –, in eine große Industrie- und Militärmacht, eine bedeutende Seemacht sowie ein Land mit hohem Bildungs- und Kulturniveau und großen sportlichen Erfolgen. All dies geschah innerhalb von nur etwas mehr als vier Jahrzehnten, vom Ende der 1920er- bis in die 1960er-Jahre. Bis Ende der 1980er-Jahre blieb die UdSSR die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Der Triumph sowjetischer Wissenschaft sowie Ingenieurs- und Konstrukteursleistungen fiel in die 1960er-Jahre: Juri Gagarins Weltraumflug, die friedliche Nutzung der Atomenergie, der groß angelegte Bau von Kernkraftwerken im In- und Ausland, die Erschließung von Neuland sowie Errungenschaften in Wissenschaft, Technik, Kultur, Kunst und Sport. Diese Dekade war geprägt von hohen Wachstumsraten (durchschnittlich 4,7 bis 6,9 Prozent pro Jahr, je nach Quelle) und einem enormen Bauvolumen (Tausende Objekte in Industrie, Gesundheitswesen, Bildung, Kultur, Sport und Sozialwesen). Doch auch damals waren der Führung die Probleme der auf Staatseigentum beruhenden Plan- und Kommandowirtschaft bereits bewusst.

Von 1965 bis 1970 begann der Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Alexei Kossygin, Reformen der sowjetischen Wirtschaft. Marktwirtschaftliche Elemente wurden eingeführt, Staatsunternehmen erhielten begrenzte Eigenständigkeit, und persönliche Anreize wurden geschaffen. Doch gerade dabei zeigte sich die grundlegende Schwäche der sowjetischen Wirtschaft: Den Staatsunternehmen fehlten eigene Anreize, die Produktion weiterzuentwickeln, Effizienz und Arbeitsproduktivität zu steigern und Innovationen voranzutreiben. In der Folge wurden die Reformen aus innen- und außenpolitischen sowie ideologischen Gründen abgebrochen. 1971 wurde die vollständige administrative Kontrolle über die Wirtschaft wiederhergestellt.

In den 1970er-JJahren traten die Probleme und Widersprüche der sowjetischen Wirtschaft immer deutlicher zutage: strukturelle Ungleichgewichte und Disproportionen zwischen den Wirtschaftszweigen, vor allem die starke Ausrichtung auf die Schwerindustrie zulasten der Konsumgüterproduktion, der Mangel an Alltagsgütern, geringe Produktionseffizienz, sinkende Zuwachsraten der Arbeitsproduktivität und ein wachsender technologischer Rückstand gegenüber den führenden Nationen der Welt. Rückblickend wurde dieses Jahrzehnt als Ära der „Stagnation“ bezeichnet.

In den 1980er-Jahren verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme erheblich. Die tiefe und langanhaltende Strukturkrise der UdSSR resultierte aus einem komplexen Zusammenspiel systemischer Probleme der Planwirtschaft, die sich über Jahrzehnte angesammelt hatten und durch die äußerst misslungenen Reformen der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre weiter verschärft wurden – von der Antialkohol-Kampagne 1985 bis zur Pawlowschen Geldreform von 1991.

Die Inkonsequenz, Halbherzigkeit und mangelnde Abstimmung der getroffenen Entscheidungen und Maßnahmen sowie das Fehlen eines klaren, wissenschaftlich fundierten Handlungsprogramms spielten eine entscheidende Rolle beim Scheitern der damaligen Reformen. Das enorme Missverhältnis zwischen der verfügbaren Warenmenge und den Geldbeständen der Bevölkerung führte zu Hyperinflation und zwang die Führung zur Einführung eines Kartensystems für die Lebensmittelverteilung. Zusammen mit anderen Faktoren führte dies Anfang der 1990er-Jahre zu einem Produktionsrückgang und wurde zu einer der fundamentalen Ursachen für den Zerfall der UdSSR im Dezember 1991.

Andererseits muss man einräumen, dass weder die Gesellschaft noch die Eliten – einschließlich der politischen und wirtschaftlichen Führung – darauf vorbereitet waren, unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu leben. Die Unternehmen erhielten Eigenständigkeit, doch ihre Leiter wussten nicht, was sie damit anfangen sollten. Wohin sollte man sich wenden? Mit wem und worüber sollte man verhandeln, wenn es etwa darum ging, hochwertige, zertifizierte und durchaus wettbewerbsfähige Produkte – Erdöl, Gas, Holz, Metalle, chemische Erzeugnisse, Düngemittel und anderes – auf die internationalen Märkte zu bringen? Schließlich mussten die eigenen Arbeiter hier und jetzt bezahlt werden. Was sollten sie überhaupt mit dieser Eigenständigkeit anfangen? Die Wirtschaftskrise erreichte ihren Höhepunkt in den Jahren 1990 und 1991, als nicht nur die Produktion zurückging und das Geld an Wert verlor, sondern auch der Lebensstandard der Bevölkerung rapide sank.

Die Erfahrungen der UdSSR bestätigen: Die Überlebensfähigkeit eines Staates wird durch die Wirtschaft, die Produktion, das Wachstumstempo, die Entwicklungsdynamik und die Errungenschaften bestimmt. Gibt es Erfolge, sind alle zufrieden; bleiben sie aus, wird stets die Staatsmacht verantwortlich gemacht. Der menschliche Faktor an der Spitze, eine Reihe grundsätzlicher Fehler bei der Führung von Staat und Wirtschaft, Inkonsequenz, Halbherzigkeit, unvollendete Reformen, ständige Kurswechsel sowie das Fehlen tragfähiger Ideen führten letztlich zum Zerfall der UdSSR. Die Instabilität des Systems nahm immer schneller zu, und schließlich brach das Land zusammen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 19. August 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Rossijskaja Gazeta” erschienen.

Wladimir Warnawski ist Doktor der Wirtschaftswissenschaften.

Mehr zum Thema – Bericht: Regierung Russlands kann den Export von aromatischen Kohlenwasserstoffen verbieten

Schreibe einen Kommentar