Von Alexej Danckwardt
Die russische Filmbranche sorgt weiterhin regelmäßig für gesellschaftliche Kontroversen. Seit dem Rückzug Hollywoods im Jahr 2022 genießen einheimische Produktionen zwar eine beinahe monopolartige Stellung in den heimischen Kinos und erhalten großzügige staatliche Subventionen, doch an kommerziellen und künstlerischen Erfolgen mangelt es auch vier Jahre später. Stattdessen fallen Regisseure, Produzenten und Schauspieler immer wieder durch ihre überempfindlichen und arroganten Reaktionen auf Kritik auf.
Der jüngste Skandal, der in den sozialen Medien für Aufsehen sorgt, dreht sich um das Märchen “Kolobok – Der letzte Recke”. Im Blog des Schauspielers Dmitri Shurawljow, der eine Hauptfigur spielt, häuften sich Beschwerden: Der titelgebende Kolobok, ein kleiner runder Teigling aus ostslawischen Volksmärchen, sei schlecht und geradezu nachlässig animiert. Shurawljow konterte, und bald stellte sich heraus, dass einer der Kritiker von Beruf Elektriker ist. Shurawljow, selbst in einem Dorf geboren und aufgewachsen – was die Frage aufwirft, wie in nur einer Generation so viel Herablassung gegenüber “einfachen Arbeitern” entstehen kann –, spottete Medienberichten zufolge über den Beruf des Kritikers und tat ihn als Banausen ab.
Damit nicht genug: Regisseur Anton Maslow steigerte sich noch weiter, fand das private Profil des Elektrikers und inszenierte dort ein regelrechtes Mobbing. Beide, Maslow und Shurawljow, diffamierten die Arbeit des Mannes, den sie persönlich nicht kannten, und bezeichneten seine elektrischen Installationen als Pfusch. Daraus entbrannte eine Art Internetkrieg, bei dem sich Tausende einfache Russen mit dem Elektriker solidarisierten und Shurawljow und Maslow in Kommentaren und Nachrichten beleidigten und bedrohten. Der Fernsehsender Rossija 24 erstattete Strafanzeige – allerdings nicht gegen die beiden Filmleute. Der aufgebrachten Öffentlichkeit drohen nun Tausende Strafverfahren mit ernsten Konsequenzen.
Namhafte Blogger nutzen die Gelegenheit, um erneut auf die Misere der russischen Filmindustrie hinzuweisen. Oleg Zarjow, den Lesern von RT DE bekannt, wollte persönlich prüfen, ob an den Plagiatsvorwürfen gegen “Kolobok” etwas dran sei, und besuchte eine halblegale Vorführung des Marvel-Blockbusters “Spider-Man: Brand New Day”. In seiner Rezension lobt er den Film überschwänglich, was zwischen den Zeilen als Kritik an “Kolobok” zu verstehen ist:
“Ich habe mir mit den Kindern den Film 'Spider-Man' angesehen. Ein gutmütiger Film für Jugendliche. Das ist mir schon lange aufgefallen: Im Westen werden die Filme immer gutmütiger. Die europäischen Filme sind in dieser Hinsicht mittlerweile fast genauso wie unsere sowjetischen. Auch die amerikanischen holen auf. Je ruhiger und berechenbarer das Leben ist, desto gutherziger sind die Menschen und die Filme.
Der Saal war voll. Die Leute gingen nicht, sondern warteten, bis der gesamte Abspann vorbei war: Vielleicht würden am Ende noch ein paar zusätzliche Szenen gezeigt. Es gab Applaus. Als ich jedoch das Kino verließ, hörte ich von einem hübschen Mädchen, das neben mir gesessen hatte: 'Das ist mein erster Marvel-Film. Ohne den Skandal um Kolobok wäre ich nicht in diesen Film gegangen. Ich wollte sehen, worum es bei dem Skandal geht.'”
Der Militärblogger und Historiker Roman Donezki bedauert derweil, dass staatliche Fördermittel für drittklassige Filme verschwendet werden, statt die zahlreichen Erzählungen aus der russischen Geschichte zu verfilmen, die – obwohl dort erstklassiger Stoff für fast jedes Genre zu finden ist – weiterhin ungenutzt bleiben:
“Übrigens, was die Geschichte angeht – es ist nicht so, dass wir die Rolle des Kinos nicht verstanden hätten; wir haben sie sehr wohl verstanden: Schon damals schrieben sowjetische Zeitungen über das Vordringen Hollywoods nach Japan. Und sie haben nicht umsonst Alarm geschlagen – 79 Jahre später lieben die Japaner Amerika. Und haben alles vergessen, was einmal war.
Und man kann nicht sagen, dass wir in dieser Angelegenheit gar nichts unternommen hätten – wir haben uns bemüht, Geld bereitgestellt, und es sind sogar einige Meisterwerke entstanden. Aber meistens war es nicht gerade berauschend. Wenn man sowjetische und amerikanische Propagandafilme vergleicht … traurig.
Und auch heute noch … es wurde ein Berg an Geld bereitgestellt. Aber was hat das gebracht … wo sind die Verfilmungen (der Werke) von Pikul? Wo sind die groß angelegten Epen über die Kriege Russlands? Wo ist die Science-Fiction von Weltklasse? Bücher haben wir. Aber das Kino … das gibt es auch. Aber es ist schlechter. Und nicht für den Weltmarkt geeignet.
Warum ist das so? Fangen wir damit an, dass man dort glaubt: Amerika ist das Beste von allem. Bei uns glaubt man der Verfilmung von 'Der Meister und Margarita' aus dem Jahr 2022. Dass die UdSSR die Hölle war und dass Moskau abbrennen muss. Und ohne Glauben (an sich selbst) sind selbst Märchen nicht besonders gut. So ist das nun mal.”
Inzwischen kann man von “Kolobok – Der letzte Recke” behaupten, dass er an den Kinokassen floppte. Wie bekannt wurde, kostete die Produktion rund eine Milliarde Rubel (etwa 12 Millionen Euro). Nach zwei Wochen auf den Leinwänden spielte er knapp 700 Millionen Rubel ein – weit entfernt von den zwei Milliarden, die für einen finanziellen Erfolg nötig wären. Die Zuschauerbewertung auf dem russischen Filmdienst “Kinopoisk” liegt derzeit bei einer peinlichen Note von 3,0 von 10 Punkten.
Ist dem Regisseur und dem Darsteller etwa deshalb die Fassung abhanden gekommen?
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