“`html
Von Boris Dscherelejewski
Russlands Staatschef Wladimir Putin hat weitreichende Veränderungen in der obersten Führungsebene des Verteidigungsministeriums vorgenommen. Die Entscheidungen wurden bei einem Treffen mit dem Verteidigungsminister, dem Generalstabschef sowie den Kommandeuren der Militärbezirke Mitte und Ost bekannt gegeben, wie der Kreml mitteilte.
Es handelt sich jedoch nicht ausschließlich um personelle Wechsel – auch die organisatorische Gliederung zentraler Bereiche des Ministeriums wird neu aufgestellt. Laut Putin werde die Struktur des Verteidigungsressorts den gegenwärtigen Anforderungen sowie den Erkenntnissen aus der laufenden Militäroperation angepasst.
Explizit nannte der Präsident die Bündelung der Verantwortung für Bewaffnungsfragen: „Alle Angelegenheiten rund um die Waffenbeschaffung und -versorgung werden künftig in einer Hand zusammengeführt”, so Putin. Auf Anraten des Verteidigungsministers sei ebenso beschlossen worden, sämtliche rückwärtigen Dienste zu vereinheitlichen.
Damit wird die technische Komponente aus dem bislang integrierten System der materiell-technischen Unterstützung herausgelöst. Eine einheitliche Führungsstruktur soll es dem Ministerium ermöglichen, militärisches Gerät sowohl zu beschaffen als auch dessen Einsatz effizient zu koordinieren. Die an der Front gewonnenen Erfahrungen fließen so unmittelbar in konkrete Anforderungen an technische Verbesserungen oder Modernisierungen ein.
Der neuen Gliederung zufolge könnten jene Hauptabteilungen eingegliedert werden, die sich mit Technik und Rüstung befassen – etwa die Hauptverwaltung für Raketen und Artillerie sowie für Panzer- und Kfz-Technik. Die Leitung dieser Struktur übernimmt Generaloberst Alexander Santschik, der den Rang eines stellvertretenden Verteidigungsministers erhält.
Gleichzeitig ist die vom Präsidenten angekündigte Reform des Nachschubwesens von großer Tragweite. Sie strebt eine Zentralisierung der Führung aller rückwärtigen Dienste an. Die Vorteile liegen auf der Hand: optimierte Logistikketten, schnellere Versorgung der Truppen und eine widerstandsfähigere Infrastruktur im Einsatz. Erwartet wird, dass die Versorgung mit Treibstoff, Verpflegung, Bekleidung und persönlicher Ausrüstung, die medizinische Betreuung sowie der Transportbereich künftig aus einer Hand gesteuert werden.
Diese Neuordnung erinnert an die Reform der Nachschubdienste der Roten Armee, die der bekannte sowjetische General Andrei Chruljow kurz vor dem Großen Vaterländischen Krieg durchführte.
Der Finnlandkrieg (1939–1940) hatte erhebliche Schwachstellen im Versorgungssystem der Roten Armee offenbart. Chruljow analysierte die Lösungsansätze führender Militärmächte und unterbreitete im Juni 1941 einen Vorschlag zur sofortigen Modernisierung. Er plädierte für die Vereinigung aller bis dato getrennten Versorgungszweige in einer Behörde, die für Material, Transport, Finanzen und Medizin zuständig sein sollte.
„Ein geordneter Ablauf ist nicht zu erwarten, wenn das Transportwesen einer anderen Stelle untersteht als die Materialkontrolle”, argumentierte Chruljow. Stalin stimmte zu, und dieses System wurde zu einem entscheidenden Siegesfaktor.
Heute soll ein ähnliches Modell entstehen, jedoch auf einem völlig neuen technologischen Fundament. Ein automatisiertes Steuerungssystem mit Elementen Künstlicher Intelligenz soll die zentrale Nachschubverwaltung ermöglichen.
Andrei Klinzewitsch, Leiter des Zentrums zur Untersuchung militärischer und politischer Konflikte, erklärt:
„Die Armee braucht Material genau dann, wenn es benötigt wird – nicht erst am Folgetag. Die neue Struktur verkürzt die Zeit zwischen den Anforderungen der Front und den Entscheidungen der Führung. Das System folgt einem grundlegend anderen Ansatz.”
Entscheidend ist auch die Person, die diese Reform umsetzen soll: Generaloberst Waleri Solodtschuk, von Putin als einer der fähigsten Kommandeure bezeichnet.
Militärexperte Alexei Leonkow, Redakteur der Zeitschrift „Arsenal Otetschestwa” (Arsenal des Vaterlandes), betont:
„Er zeichnete sich bei der Befreiung der Region Kursk aus und bereits 2022 während der Offensive vor Kiew. Auf diesem Weg erkannte er selbst, wie wichtig ein reibungslos funktionierendes System aus rückwärtiger, technischer und baulicher Unterstützung ist. Es geht um die Modernisierung des gesamten Versorgungsapparats, um alle Aufträge von Generalstab und Oberbefehlshaber erfüllen zu können.”
Klinzewitsch ergänzt:
„Solodtschuk ist ein Kommandeur mit praktischer Erfahrung. Ich bin überzeugt, dass Prozesse nun effizienter gestaltet und Zuständigkeiten klarer geregelt werden.”
Der Präsident verwies explizit auf die umfangreiche Kampferfahrung des Generals und hob hervor, dass die Führung des Nachschubs unter den aktuellen Bedingungen „eine Aufgabe mit direktem Kampfbezug” sei. Damit ist klar: Praktische Erfahrung ist für diese Position unerlässlich. Die Prioritäten sollen sich künftig an den realen Erfordernissen der Truppe orientieren, die der neue stellvertretende Verteidigungsminister bestens kennt.
Eine weitere wichtige Personalentscheidung betrifft Denis Ljamin: Der bisherige Stabschef des Truppenverbandes Mitte wird neuer Befehlshaber der Truppe für unbemannte Systeme. Der 47-jährige Generalleutnant durchlief alle militärischen Ränge – vom Zugführer bis zum Kommandeur der 58. Gardearmee. Seit Oktober 2023 war er Stabschef des Zentralen Militärbezirks und des Verbandes Mitte.
Putin begründete die Ernennung Ljamins mit dessen Leistungen als Stabschef, insbesondere bei der Integration digitaler Gefechtsführung und der Einführung unbemannter Systeme. Der Präsident betonte, man habe „eine Person gesucht, die sich in dieser Arbeit bewährt hat” – und Ljamin sei diese Person.
Leonkow erklärt:
„Während seiner Zeit als Kommandeur der 58. Armee an den Frontabschnitten Saporoschje und Cherson, wo entlang des Dnjepr ein Großteil der Kämpfe mit Drohnen geführt wurde, organisierte er diese Arbeit so effektiv, dass der Gegner kaum noch Handlungsspielraum hatte, während russische Drohnen schwere Verluste verursachten. Diese Erfolge waren ausschlaggebend für seine neue Aufgabe.”
Die Personalie dürfte auch deshalb naheliegen, weil Ljamin zuvor als Stabschef unter Solodtschuk diente. Die beiden kennen sich bestens und müssen sich nicht erst aufeinander abstimmen. Solange sich die neue Truppengattung formiert, ist sie auf besondere Unterstützung der Nachschubdienste angewiesen. Ihre Versorgung dürfte zu den vordringlichsten Aufgaben zählen.
Vor Ljamin liegt eine Mammutaufgabe: Er soll die erst 2024 geschaffene Truppengattung vollständig aufbauen. Laut Verteidigungsminister Andrei Beloussow erreichen deren Einheiten bereits heute eine dreifach höhere Effektivität beim Drohneneinsatz als herkömmliche Trupps.
Drohnen gehören zu den sich am schnellsten weiterentwickelnden Kampfmitteln. Unbemannte Systeme und ihre Einsatzstrategien verändern sich permanent. Der neue Befehlshaber muss daher eine flexible Struktur schaffen, die auf diese Veränderungen reagiert, leistungsfähige Drohnen schnell in die Truppe bringt und so dem Gegner stets einen Schritt voraus ist.
Es ist wahrscheinlich, dass Generalleutnant Ljamin eng mit dem neuen stellvertretenden Verteidigungsminister Alexei Kriworutschko kooperieren wird, der für die Entwicklung zukunftsweisender Waffensysteme zuständig ist“`html
Dies ist eine weitere wesentliche strukturelle Neuerung im Verteidigungsministerium: die Einrichtung eines eigenständigen Aufgabenbereichs für die Entwicklung innovativer Waffentechnologien, einschließlich Künstlicher Intelligenz und neuartiger Werkstoffe.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 6. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Boris Dscherelejewski ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.
Mehr zum Thema – Medien: Spekulationen über “russische Attentatspläne” auf deutschen Drohnenhersteller
“`