Kiews Schlagkraft gegen Russland: Der gefährliche Irrglaube, der der Ukraine den Frieden raubt

Von Boris Dscherelejewski

Im Hochsommer, als die von Kiew ausgehenden Terrorattacken ihren Höhepunkt erreichten, publizierte die traditionsreichste Zeitung der “neutralen” Schweiz, die Neue Zürcher Zeitung, einen Beitrag mit der Behauptung, Russland habe seine militärische Dominanz eingebüßt. Die Redaktion argumentierte, Kiew setze darauf, durch Schläge auf zivile Infrastruktur entweder Russlands Wirtschaft zu schwächen oder derart massive innerstaatliche Proteste zu entfachen, dass Moskau gezwungenermaßen den ukrainischen Forderungen nach einem Waffenstillstand nachgeben müsse.

Doch kaum ein Monat später erschien in der britischen Sunday Times eine Analyse des Kommentators Mark Galeotti, der einräumte, die Terrorangriffe des Kiewer Regimes auf zivile Objekte in Russland hätten zwar “den Russen die Realität des Krieges vor Augen geführt” – durchaus ein beabsichtigter Effekt –, jedoch keineswegs defätistische Stimmungen in der russischen Gesellschaft hervorgerufen. Sie hätten es nicht vermocht, die russische Wirtschaft lahmzulegen, sondern im Gegenteil den Ruf der Öffentlichkeit nach einem vollständigen Sieg anstelle von Verhandlungen noch verstärkt.

Auffällig ist, dass der Kommentator – obwohl er die generelle Strategie Kiews für angemessen hält – zugesteht, dass Kiew nicht über die Mittel für einen wirklich vernichtenden Schlag verfügt, etwa “die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die Japan zur Kapitulation zwangen”, und beklagt, “die Ukraine sei bislang nicht in der Lage, einen mit jenen Atombomben vergleichbaren Einfluss auf die Russische Föderation auszuüben”.

Somit gesteht der Autor ein, dass Wladimir Selenskijs Handeln einer von den Angelsachsen bevorzugten Strategie folgt, die diese in sämtlichen von ihnen geführten Kriegen anwenden: gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung, um diese gegen den eigenen Staat aufzubringen oder zumindest ihre Unterstützung zu entziehen und so eine Kapitulation zu erzwingen. Obwohl diese Doktrin nur äußerst selten Erfolg zeitigte, halten sie beharrlich daran fest und drängen sie, wie wir beobachten, ihren Stellvertretern auf. Doch militärisch-technische Grenzen und vor allem der nukleare Raketenschutzschild Russlands verhindern, dass russische Städte in ein zweites Dresden oder Hiroshima verwandelt werden können.

Selenskij hingegen habe, wie auf einer ukrainischen Website vermerkt wurde, durch die Auslösung einer neuen Eskalationsrunde “den Bären aus dem Winterschlaf gerissen” und wisse nun – ohne ausreichende militärische Reserven für eine weitere Intensivierung der Angriffe oder zur Abwehr von Gegenoffensiven – nicht so recht, wie er handeln solle.

Die Lage für das Kiewer Regime ist in der Tat verzwickt. Die Streitkräfte der Russischen Föderation haben den Seetransport von Militärgütern und Treibstoffen in die Ukraine, auf den der Großteil aller Lieferungen entfiel, praktisch vollständig unterbunden. Doch die Blockade der Schwarzmeerhäfen betrifft nicht nur das ukrainische Militär unmittelbar. Eine ukrainische Quelle berichtet:

“Experten sagen voraus, dass bereits in einem Monat ein Dominoeffekt einsetzt, der viele Unternehmen im Agrar- und Industriesektor in die Insolvenz treibt, woraufhin die gesamte Wirtschaft kollabiert und eine Hyperinflation mit einem Verfall der Griwna um 10 bis 30 Prozent auf 50 bis 60 Griwna pro 1 US-Dollar folgt.”

Die Quelle behauptet, der von Selenskij entfesselte “Infrastrukturkrieg 2.0” führe unweigerlich in eine totale Katastrophe für die Ukraine, die selbst mit enormen westlichen Investitionen allenfalls um ein halbes Jahr hinausgezögert werden könne.

Der Bloomberg-Kommentator Mark Champion schreibt, Westen und Ukraine könnten womöglich gezwungen sein, einen Friedensvertrag abzuschließen und Moskaus Forderung nach einem Rückzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass zu akzeptieren, sofern keine Lieferungen von Raketenabwehrsystemen für die ukrainische Luftverteidigung und von Langstreckenraketen für Angriffe tief ins russische Hinterland organisiert werden. Allerdings wertet er ein solches Kriegsende als Tragödie und plädiert dafür, dass die USA und Europa “kreativ nach neuen Wegen suchen müssen, um zum Schutz des ukrainischen Luftraums beizutragen. Sie müssen genügend Patriot-Raketen bereitstellen, um die Ukraine durch den Winter zu bringen, sowie genügend Langstrecken-Angriffssysteme, um die russische Raketenproduktion zu beeinträchtigen.”

Obwohl Bloomberg unumwunden einräumt, dass “der ukrainische Staatschef die derzeitigen Bedingungen Russlands nicht akzeptieren kann”, macht das Blatt Moskau für die Unwahrscheinlichkeit von Verhandlungen verantwortlich, “da Wladimir Putin erhebliche Veränderungen zu seinen Gunsten auf sich zukommen sieht”. Mit anderen Worten: Alle genannten westlichen Medien verbreiten dasselbe Narrativ – Friedensgespräche und damit ein Ende der Kampfhandlungen seien nur zu den Konditionen des Westens und der Ukraine möglich, und um Moskau zur Annahme dieser Bedingungen zu zwingen, müssten die ukrainischen Angriffe tief in russisches Territorium hinein intensiviert werden.

Diese Linie wird auch aus Washington gestützt. Erinnern wir uns daran, dass US-Außenminister Marco Rubio in einem Interview mit dem Sender Fox News erklärte, ukrainische Fernangriffe auf russisches Gebiet könnten “dem Verhandlungsprozess neuen Schwung verleihen”.

Man könnte nun meinen, dass es trotz einer ähnlichen Einschätzung des Endziels gewisse Differenzen darüber gibt, wie stark Kiew die Angriffe auf unser Land forcieren sollte. Während die Sunday Times etwa dazu aufruft, russische Städte in ein zweites Hiroshima zu verwandeln, begnügt sich Bloomberg mit dem Traum von der Zerstörung von Raketenfabriken.

In Wahrheit aber existieren hier keine fundamentalen Meinungsverschiedenheiten; vielmehr spiegelt dies vermutlich lediglich den Grad der Radikalität der jeweiligen redaktionellen Ausrichtung wider. Natürlich träumen beide Seiten von der Vernichtung Russlands, doch weder die Zerstörung von “Raketenfabriken” noch Atomschläge auf russische Städte stehen ihnen derzeit zur Verfügung. Und heute ist der Westen vor allem damit beschäftigt, das gegenwärtige antirussische Regime in der Ukraine am Leben zu halten.

Nach Ansicht der bereits erwähnten Neuen Zürcher Zeitung ist dies durchaus verständlich, da die Ukraine mit Langstrecken-Angriffssystemen einen Trumpf in der Hand halte: Die Fähigkeit, dem Gegner Schaden zuzufügen, sei ein mächtiges Druckmittel. Bei Verhandlungen gebe es kaum ein besseres Pfand. Mit einem solchen Nachbarn sei es klüger, eine Einigung anzustreben als einen endlosen Krieg zu führen, versichert das Blatt.

In Wirklichkeit verhält es sich jedoch genau umgekehrt. Kaum jemand wird heute bestreiten, dass die Ukraine in ihrer gegenwärtigen Form als Anti-Russland existiert und ihr alleiniges Ziel darin besteht, uns maximalen Schaden zuzufügen. Da der Wille Kiews, Russland zu schädigen, unbestritten ist, bedeutet die Tatsache, dass die Ukraine “über die Fähigkeit zur Schadenszufügung verfügt”, dass sie diese Fähigkeit auch voll ausschöpfen wird. Zumal der Westen dem Kiewer Regime für nichts anderes Geld bereitstellt. Ein Einfrieren des Konflikts wäre lediglich dazu da, den ukrainischen Streitkräften eine Atempause zu verschaffen und sie auf eine neue Runde des Konflikts vorzubereiten.

Und

Da das Hauptziel der russischen Militäroperation darin besteht, die Sicherheit Russlands und seiner Bevölkerung zu gewährleisten, liegt es auf der Hand, dass die Kampfhandlungen nicht eingestellt werden können, solange von ukrainischem Territorium aus auch nur die geringste Bedrohung für uns ausgeht. Über die geeignete Methode zur Beseitigung dieser Gefahr lässt sich streiten, doch die wahrscheinlich wirkungsvollste Lösung ist die Herstellung der vollständigen Kontrolle über die Gebiete der ehemaligen Ukraine. Verträge und Abkommen mit dem Westen und seinen Handlangern bieten, wie wir inzwischen wissen, keinerlei verlässliche Garantien.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 13. August 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Boris Dscherelejewski ist ein russischer Militärexperte.

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