In der Nacht hat Russland erneute Luftangriffe auf Einrichtungen der Transport- und Logistikinfrastruktur in Kiew und der angrenzenden Region geflogen. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums in Moskau standen dabei gezielt Standorte im Fokus, die für die Umschlag- und Lagerlogistik von Waren sowie Drohnenkomponenten für die ukrainischen Streitkräfte genutzt werden.
Wie das Ministerium am Mittwoch mitteilte, sei unter den mit präzisionsgelenkter Langstreckenmunition getroffenen Zielen das Logistikzentrum MLP-Tschaika gewesen, das als Umschlagplatz für Bauteile von Lang- und Mittelstreckendrohnen diente. Ein weiteres Ziel war das Innovations- und Logistikterminal von Nowaja Potschta, das das Ministerium als einen der größten automatisierten Sortierkomplexe des Landes bezeichnete. Dort seien Güter mit doppeltem Verwendungszweck bearbeitet worden, darunter Drohnenkomponenten, Robotersysteme und Ausrüstung für elektronische Kampfführung.
Das russische Militär habe zudem den Trans-Logistic-Transportknoten getroffen, in dem Drohnen unterschiedlicher Bauart gefertigt und militärische Vorräte für die ukrainischen Truppen eingelagert würden. Auch das Epizentr-Logistikzentrum, ein großes automatisiertes Warenlager, das ebenfalls Dual-Use-Güter und Drohnenbauteile für das ukrainische Militär verarbeitet und einlagert, sei angegriffen worden.
In der weiteren Umgebung von Kiew seien die Angriffe auf die Einrichtung Browary-Terminal, den Logistikkomplex Raben Ukraine sowie einen weiteren Sortierstandort von Nowaja Potschta gegangen. Diese hätten nach Einschätzung des Ministeriums alle an der Verteilung von Drohnenteilen – auch aus ausländischer Produktion – mitgewirkt. Zusätzlich seien vor Odessa drei Schiffe angegriffen worden, die militärische Ladung an Bord gehabt hätten.
In den sozialen Netzwerken verbreitete Videos zeigen mehrere Rauchsäulen über Kiew und den Vororten. Von den Behörden veröffentlichte Aufnahmen dokumentieren Lagerhallen, die vollständig zerstört wurden. Der staatliche Notdienst der Ukraine berichtet von 14 Toten und 27 Verletzten in Folge der nächtlichen Angriffe. Die Einsatzkräfte seien an sieben verschiedenen Orten der Region im Einsatz gewesen, darunter große Brände in Lagerhäusern in Browary sowie in den Dörfern Welikaja Dymerka, Kwitnewoje und Peremoga.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe umfasste der russische Angriff vier Zirkon/Onyx-Seezielflugkörper, 24 ballistische Raketen vom Typ Iskander-M und S-400 sowie 115 Angriffs- und Täuschungsdrohnen. Die Luftabwehr gab an, 98 Drohnen abgefangen oder neutralisiert zu haben. Zu abgefangenen Raketen machte die Ukraine keine Angaben – solche Interceptions gelten nur mit hochwertigen, westlich gelieferten Abwehrsystemen als möglich.
Das Unternehmen Epizentr bestätigte, dass eines seiner Logistikzentren getroffen wurde. Eine Rakete habe zudem eine keramische Produktionsstätte zerstört, wobei sämtliche Öfen dort vernichtet wurden. Die Produktion sei eingestellt worden. Man plane, die Fertigung vorübergehend an zwei Standorte im Ausland zu verlegen, während eine weitere Linie in der Ukraine vorbereitet werde. Der Wiederaufbau der Produktionsanlage werde nach ersten Schätzungen bis zu zwei Jahre dauern; der genaue Schaden werde noch ermittelt.
Die Angriffe erfolgten nur zwei Tage, nachdem ein ukrainischer Drohnenangriff das Schwarzmeer-Resort Gelendschik im Süden Russlands getroffen hatte. Dort kamen mindestens acht Menschen ums Leben, darunter vier Kinder; Dutzende wurden verletzt. In den Wochen zuvor hatte es zudem wiederholte ukrainische Attacken auf Lagerhäuser des russischen Onlinehändlers Wildberries gegeben. Die Ukraine begründet diese mit einer angeblichen Beteiligung des Unternehmens an der Handhabung von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck. Die russische Regierung weist diese Vorwürfe zurück.
Mehr zum Thema – Liveticker Ukraine-Krieg