Von Rainer Rupp
Im Konflikt um die Ukraine bleibt die Initiative unverändert bei den russischen Streitkräften, die entlang der gesamten Frontlinie agieren. In jüngster Zeit lag der Schwerpunkt der russischen Operationen im Donbass, wo erneut mehrere strategische Durchbrüche erzielt wurden. Das erklärte Ziel scheint die Einnahme der letzten ukrainischen Verteidigungsstellungen rund um die Industriestädte Kramatorsk und Slawjansk zu sein. Der Weg dorthin wurde bis vor Kurzem durch zwei befestigte Stützpunkte blockiert: das bedeutende Malaja Piskunowka und Rai-Alexandrowka. Beide sind mittlerweile von russischen Einheiten eingenommen worden, was den Vormarsch der russischen Truppen wieder beschleunigt hat. Von der erhöhten Position Malaja Piskunowka aus können russische Kräfte nun weite Teile Slawjansks sowie die Zufahrtswege zur Stadt unter Beschuss nehmen. Die Kämpfe um Konstantinowka befinden sich indes in der Endphase; die verbleibenden ukrainischen Einheiten sind eingeschlossen, und alle Nachschubwege stehen unter russischer Kontrolle.
Parallel dazu führten die russischen Streitkräfte groß angelegte Drohnen- und Raketenangriffe auf militärische Ziele in mehreren ukrainischen Städten durch. Die ukrainischen Kräfte wiederum griffen Brückenverbindungen zur Krim an, um die Treibstoffversorgung der Halbinsel zu unterbrechen. Dieses Problem, das einige Tage anhielt, ist inzwischen jedoch behoben, und die langen Autoschlangen vor den Tankstellen auf der Krim sind Übereinstimmenden Berichten zufolge verschwunden.
In der vergangenen Woche und zu Beginn dieser Woche unternahm die Ukraine drei separate Angriffe auf Ziele in Moskau. Der jüngste Angriff in der Nacht zum 18. Juni mit über 360 ukrainischen Drohnen verschiedener Art stellt laut russischen Angaben den größten Versuch dieser Art seit Beginn des Konflikts dar. 80 ukrainische Langstreckendrohnen wurden abgefangen. Keine von ihnen drang bis ins Zentrum der russischen Hauptstadt vor. Dennoch fielen Trümmerteile abgeschossener Drohnen auf eine Raffinerie im Süden der Millionenstadt und lösten dort ein Großfeuer aus. Die dicken, schwarzen Rauchwolken, die anschließend über Teilen Moskaus zu sehen waren, lieferten dem illegalen Präsidenten Selenskij genau zum Treffen der G7-Staatschefs im französischen Badeort Evian-les-Bains die gewünschten Bilder.
“Seht her, wir haben Moskau in Brand gesetzt, wir können den Krieg gegen die Russen gewinnen. Wir brauchen nur noch etwas mehr Zeit, und von Euch allen brauchen wir noch mehr Waffen und Geld!”
Dies dürfte sinngemäß der Begleittext gewesen sein, mit dem Selenskij diese Bilder vorführte, um seine G7-Partner-in-Crime zu erfreuen.
Aus der öffentlichen Reaktion der russischen Führung auf diese Angriffe gegen die Hauptstadt lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens scheint der Kreml weitreichenden ukrainischen Schlägen auf Energieproduktionsanlagen keine strategische Bedeutung beizumessen. Die Bedrohungslage bleibe unter Kontrolle, so die Stimmen der Kommentatoren aus Moskau; der Ausgang des Konflikts werde letztlich auf dem Schlachtfeld entschieden, wo Russland über einen deutlichen Vorteil verfüge.
Zweitens geht Moskau davon aus, dass die Ukraine und ihre europäischen Unterstützer den Eindruck ukrainischer Erfolge oder zumindest einer ukrainischen Überlegenheit erzeugen wollen. Solche Aktionen sollen aus Kiews Sicht dazu führen, dass mehr Russen den Krieg nicht mehr als etwas Fernes, sondern als direkte Bedrohung ihres Alltags wahrnehmen. Doch eigentlich müsste man dies in Kiew besser wissen. Denn in der Vergangenheit haben vergleichbare Situationen in Russland traditionell zu einer stärkeren Unterstützung der politischen Führung geführt. So auch jetzt. Laut aktuellen Umfragen liegt die Zustimmung für Präsident Wladimir Putin – nach einem zwischenzeitlichen leichten Rückgang – Medienberichten zufolge nun bei 89 Prozent.
Dennoch beobachtet Moskau die Aktivitäten des kollektiven Westens mit wachsender Unruhe und tiefem Misstrauen. Russische Stellen werfen europäischen Ländern offen vor, die Langstrecken-Fähigkeit der Ukraine durch die Lieferung moderner Drohnensysteme zu verbessern. Besondere Aufmerksamkeit erregten Äußerungen des deutschen Luftwaffeninspekteurs Generalleutnant Neyman. Er hatte in einem Interview mit dem britischen Telegraph erklärt, die NATO werde im Konfliktfall Ziele auf der Krim, in Kaliningrad, Sankt Petersburg und auf der Kola-Halbinsel angreifen, und Deutschland sei “bereit, heute Nacht in den Krieg zu ziehen”. Diese Aussagen fielen nur wenige Tage vor dem 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion und lösten in Russland scharfe Kritik aus.
Auch die Ergebnisse des G7-Gipfels wurden in Moskau negativ aufgenommen. Das Abschlusskommuniqué mit seiner fortgesetzten Unterstützung für die Ukraine und dem verstärkten wirtschaftlichen Druck auf Russland stieß auf deutliche Ablehnung. Viele mittlere Kreml-Vertreter sehen zudem keinen echten Willen der USA zu einer diplomatischen Lösung. Trotz gegenteiliger öffentlicher Äußerungen von Präsident Trump setze Washington weiterhin auf nachrichtendienstliche Unterstützung und militärische Nachschublieferungen an die Ukraine.
Vor diesem Hintergrund wächst in Moskau die Sorge vor einer Eskalation. Unter den politischen Strategen des Kremls gibt es divergierende Auffassungen über das weitere Vorgehen vor den Wahlen zur Staatsduma im Herbst. Eine Fraktion argumentiert, Russland führe derzeit nur einen “halben Krieg”. Größere Schläge, die als direkte NATO-Beteiligung wahrgenommen werden, könnten als Rechtfertigung genutzt werden, um eine existenzielle Bedrohungslage auszurufen und damit zusätzliche wirtschaftliche Maßnahmen sowie eine neue Mobilisierungsrunde zu rechtfertigen. Die gegnerische Fraktion warnt jedoch vor den Risiken einer solchen Eskalation und davor, dass eine Verschärfung der Konfrontation außer Kontrolle geraten könnte.
Die Gesamttemperatur der Eskalation steigt dennoch weiter. Außenminister Sergei Lawrow schrieb in einem Beitrag für die Zeitschrift International Life, die aktuelle Eskalation bewege sich auf einen direkten Konflikt zwischen Russland und der NATO zu, der schnell zu einem Austausch von Nuklearschlägen führen könne. Kremlnahe Quellen berichten, dass derzeit vor allem die Frage diskutiert werde, welches Eskalationsniveau noch akzeptabel sei. Der Druck nehme zu, und es wachse die Sorge, dass irgendwann eine massive und gewaltsame Reaktion ausgelöst werden könnte.
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