Von Oleg Issaitschenko
Ein überraschendes Telefonat hat die diplomatische Bühne erschüttert: Auf Betreiben Frankreichs führten die Präsidenten von Belarus und Frankreich, Alexander Lukaschenko und Emmanuel Macron, ein Gespräch. Die Nachricht verbreitete der Telegram-Kanal Pul Perwogo, der enge Kontakte zum Pressedienst des belarussischen Staatschefs pflegt.
Der Élysée-Palast selbst hält sich mit offiziellen Stellungnahmen zurück. Der Sender TF1 berichtete jedoch, unter Berufung auf eine Quelle aus Macrons Umfeld, dass dieser ein “gutes Gespräch” mit Lukaschenko geführt habe. Demnach habe der französische Präsident seinen belarussischen Amtskollegen aufgefordert, “die erforderlichen Maßnahmen zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Belarus und Europa zu ergreifen”. Gleichzeitig habe er auf die Gefahren hingewiesen, die Minsk im Falle einer Verwicklung in den Ukraine-Konflikt drohen. Das letzte Telefonat zwischen den beiden fand am 26. Februar 2022 statt – das aktuelle Gespräch war somit das erste seit über vier Jahren.
Dieser Anruf erfolgte zu einem Zeitpunkt, als Kiew seine anti-belarussische Rhetorik deutlich verschärft hatte. Laut dem ukrainischen Medium Strana fand das Telefonat vor dem Hintergrund von Aussagen Wolodymyr Selenskyjs statt, wonach für die Ukraine die Gefahr eines Angriffs aus Belarus bestehe. Erst in der vergangenen Woche hatte der ukrainische Präsident erklärt, er habe Kenntnis von “weiteren Kontakten zwischen den Russen und Lukaschenko, die darauf abzielen, ihn von einem Kriegseintritt gegen die Ukraine oder ein NATO-Land zu überzeugen”.
In Minsk wies man die Behauptungen über geplante Operationen gegen die Ukraine entschieden zurück. Lukaschenko betonte, die Republik werde nur dann in Kampfhandlungen verwickelt, wenn ihr Territorium angegriffen werde. Dmitri Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten, bezeichnete Selenskyjs Äußerungen als einen Versuch der Eskalation. Der Militärexperte Juri Knutow vermutet im Gespräch mit der Zeitung Wsgljad, dass die Ukraine eine Provokation an der Grenze zu Belarus vorbereite.
Auffällig ist zudem: Unmittelbar nach Macrons Anruf traf die belarussische Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja in Kiew ein. Bei ihrem ersten Besuch in der ukrainischen Hauptstadt machte sie sofort mit lauten Ankündigungen von sich reden – insbesondere bezüglich der Eröffnung einer “Mission der belarussischen Opposition” auf ukrainischem Boden. Deren Aufgabe solle es sein, die “internationale Koordination” gegen Moskau und Minsk zu verschärfen.
Selenskyj, der offenbar selbst an seine Behauptungen glaubt, begab sich derweil auf eine Reise durch die Region Polesien. Ende letzter Woche besuchte er unter anderem die Region Rowno, wo er die “Verteidigung der nördlichen Richtung” anmahnte. Ähnliche Reden hielt er in mehreren anderen Gebieten.
Den Worten folgen Taten: Der ukrainische Geheimdienst SBU kündigte “verschärfte Sicherheitsmaßnahmen” in den nördlichen Landesteilen an. Diese sollen das “Eindringen des Feindes” in die Grenzgebiete verhindern und Sabotageakte unterbinden. Geplant sind unter anderem “intensivere Kontrollen der lokalen Bevölkerung” sowie Durchsuchungen von Fahrzeugen, Gebäuden und Gelände.
Angesichts dieser Entwicklungen sieht sich Minsk zum Handeln gezwungen. Lukaschenko kündigte eine “punktuelle Mobilmachung” an. Die Nachrichtenagentur BelTA zitiert ihn mit den Worten:
“Wie ich versprochen habe, werden wir ab sofort gezielt Einheiten mobilisieren, um sie auf einen Krieg vorzubereiten. Gott gebe, dass er vermieden werden kann.”
Der belarussische Präsident verwies auch auf die Ergebnisse einer jüngst durchgeführten großangelegten Überprüfung der Armee. Er äußerte die Hoffnung, dass die Militärführung – und insbesondere der Verteidigungsminister – die Fehler in den Streitkräften weiterhin analysieren und deren Behebung ernst nehmen werde.
Bereits zuvor hatte Lukaschenko betont, die Armee verbessere angesichts der angespannten geopolitischen Lage an den Grenzen ihre Kampfbereitschaft. Vom 24. bis 26. Mai fanden in der Region Grodno Kommando- und Stabsübungen zur Terrorabwehr statt, während im Bezirk Lida die jährliche Versammlung “Militärische Sicherheit und Verteidigung von Belarus” unter der Leitung des Verteidigungsministers abgehalten wurde. Ähnliche Aktivitäten laufen auch in anderen Landesteilen.
Vieles, was derzeit von Kiew, Europa und dem Baltikum in Bezug auf Belarus unternommen wird, gleicht einem gezielten Versuch, die Republik in einen Krieg zu treiben, meint Journalist Wassili Malaschenkow. Er erklärt:
“In Litauen wurde bereits beschlossen, einen großen Truppenübungsplatz in der Nähe des Gebiets Grodno zu errichten. Doch ein Übungsplatz ist nicht nur für Manöver und Training gedacht, sondern bietet auch die Infrastruktur, um Truppen nahe der belarussischen Grenze zu konzentrieren.”
Es gehe dabei weniger um litauische Soldaten, sondern vielmehr um die “großen NATO-Brüder, die auch schon in Polen ihre Muskelkraft zeigen”, so Malaschenkow. Ebenso beunruhigend sei die Rhetorik aus Kiew. Selenskyj hat wiederholt die angebliche Gefahr einer belarussischen Beteiligung an der russischen Militäroperation thematisiert. Beim ukrainischen Machthaber sei jedoch schwer zu unterscheiden, was ernst gemeint und was bloße PR sei.
Vor diesem Hintergrund, so Malaschenkow, könne Belarus die anhaltenden Entwicklungen nicht ignorieren. Genau aus diesem Grund seien taktische Atomwaffen in der Republik stationiert worden. Auch das russische Waffensystem “Oreschnik” sei kürzlich in Belarus installiert worden. Dies seien Maßnahmen der Abschreckung gegenüber einem möglichen Gegner, erklärt der Journalist.
Was die Mobilisierung und die Manöver betreffe, so müssten diese seit Beginn der militärischen Sonderoperationen regelmäßig durchgeführt werden. Malaschenkow betont:
“Früher gab es das auch, aber jetzt ist das Land gezwungen, solche Übungen häufiger abzuhalten.”
Mit Blick auf politische Themen merkt der Journalist an, dass der Besuch von Tichanowskaja in Kiew nur bestätige, dass sie längst zur Marionette geworden sei. Sie selbst habe keinerlei Bedeutung mehr, so Malaschenkow:
“Auch von einem wirklichen politischen Gewicht Macrons kann keine Rede sein, insbesondere im Zusammenhang mit seinen Ambitionen, sich in die Verhandlungsprozesse einzumischen.”
Der Anruf des französischen Staatschefs bei Lukaschenko sei ein Versuch gewesen, das Gesicht zu wahren und zu demonstrieren, dass Frankreich noch handlungsfähig sei, so der Experte.
Die Schlussfolgerung aus alledem sei unausweichlich: Aufgrund des anhaltenden Drucks aus der Ukraine, dem Baltikum und Europa hätten das russische und belarussische Militär bereits einen Plan für den Fall entwickelt, dass der Gegner konkrete Schritte unternehme. Malaschenkow ist überzeugt:
“Derzeit hat Kiew zum Glück noch genug Vernunft, um nicht direkt anzugreifen, auch wenn es immer wieder zu Provokationen kommt. Und Minsk und Russland besitzen genug Weisheit, um sich nicht auf leere Provokationen einzulassen.”
Die Ukraine teilt mit Belarus eine der längsten Grenzen, die fast so lang ist wie die zu Russland, merkt Militärexperte Alexei Anpilogow an. Er stellt fest:
“Aus Gründen,
die mir nicht ganz verständlich sind, wird Belarus von Kiew nicht als neutrales Land betrachtet, sondern als Operationsbasis für militärische Aktionen.”
Diese Haltung Kiews schaffe einen “äußerst unangenehmen” Spielraum für Provokationen und Fehlinterpretationen der Verteidigungsmaßnahmen von Belarus. Der Analyst fährt fort:
“Die Ukraine erzeugt bewusst eine explosive Atmosphäre: Sie mindert die Risiken nicht, sondern erlaubt sich politische Äußerungen, die Minsk dazu zwingen, über die Angemessenheit der eigenen Verteidigung nachzudenken.”
Dabei weist der Experte darauf hin, dass Selenskyjs Aussagen – etwa, dass die Entfernung von der belarussischen Grenze nach Kiew etwas mehr als 100 Kilometer betrage – auch eine Kehrseite haben: Von der ukrainischen Grenze zu den wichtigsten belarussischen Städten sei die Distanz noch geringer. Daher reagiere Belarus natürlich sehr sensibel auf jede scharfe Äußerung aus der Ukraine – und davon habe es in letzter Zeit nicht wenige gegeben.
Insbesondere hat Selenskyj offen davon gesprochen, einen Angriff von belarussischer Seite zu erwarten. Nicht zuletzt spielen Drohungen aus den baltischen Staaten – vor allem Litauen – sowie aus Polen eine Rolle. Anpilogow betont:
“Es geht nicht nur um Äußerungen, sondern um ständige Manöver, die direkt an den belarussischen Grenzen stattfinden.”
All dies treibe die Eskalationsspirale an, so der Experte. Die ukrainischen Befürchtungen eines Angriffs aus Belarus hält er jedoch für völlig unrealistisch.
“Selenskyjs Behauptungen, dass Truppen von Brest in die Wolhynien-Region vorrücken könnten, um die Ukraine von Polen abzuschneiden, sind Unsinn.
Ich war bereits in dieser Gegend. Es handelt sich um die berühmten Sümpfe von Polesien, die selbst während des Zweiten Weltkriegs von Hitlers motorisierten Einheiten umgangen wurden, weil dort weder die Versorgung noch der Vormarsch größerer Verbände organisiert werden konnte.”
Seitdem habe sich dort kaum etwas verändert: Die Region bestehe aus Sumpfgebiet, das Fernstraßennetz sei unterbrochen, und Eisenbahnschienen gebe es gar nicht. Weitaus realistischer und daher gefährlicher, warnt Anpilogow, erscheinen ihm die umgekehrten Pläne – ein Angriff von Polen aus. Er vergleicht:
“In diesem Teil der Region erstreckt sich die osteuropäische Ebene, über die einst die Armeen von Napoleon und Hitler marschierten.”
So entsteht der Eindruck, dass die Ukraine und ihre Verbündeten Belarus in den Konflikt hineinziehen wollen, um für Russland eine weitere äußerst heikle Front zu schaffen. Moskau kann eine solche Entwicklung ebenso wenig zulassen wie Minsk. Vor diesem Hintergrund tritt der Faktor der nuklearen Abschreckung in den Vordergrund, der jede konventionelle Operation gegen Belarus verhindern soll. Der Analyst erklärt:
“Russland geht derzeit äußerst vorsichtig mit der Nutzung des belarussischen Territoriums um. Trotz des Militärbündnisses stationiert es dort ausdrücklich nur Verteidigungswaffen. Außerdem nutzen wir den Luftraum der Republik nicht, während die Ukraine den Luftraum Polens und der baltischen Staaten nutzt.”
Insgesamt sei es der “feuchte Traum der Europäischen Union”, Belarus von Russland zu trennen, ironisiert Anpilogow. Auf dieses Szenario hätten die europäischen Politiker während der “Maidan”-ähnlichen Ereignisse in Belarus gesetzt. Der Experte spottet:
“Und in diesem Sinne haben die Europäer nicht ohne Grund an Tichanowskaja erinnert – ein Produkt eben dieser Ära. Ein Produkt, das zwar bereits verwelkt und mumifiziert ist, aber dennoch hervorgeholt und zum Wiederkauen angeboten wird.”
Falls es Europa und Kiew nicht gelinge, Belarus in einen Krieg zu ziehen, würden sie versuchen, wirtschaftliche Instabilität zu schaffen und soziale Unruhen im Land zu provozieren, so der Experte. Doch Minsk habe Moskau, gute Beziehungen zu den Ländern des Globalen Südens und zu China – einschließlich militärischer Zusammenarbeit. Anpilogow merkt an:
“Zudem bestehen Beziehungen zu den USA, die derzeit die Sanktionen gegen die Republik weitgehend mildern und Belarus als wichtige Brücke nach Russland betrachten.”
Er betont, dass sowohl Moskau als auch Minsk klug genug seien, ihre Kräfte so zu verteilen, dass sie den Gegnern ihr Ziel nicht erreichen lassen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 26. Mai 2026 erstmals auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Oleg Issaitschenko ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.
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