Europäer leeren Russlands LNG-Lager: Kompletter Vorrat vor Verbot weggekauft!

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Von Olga Samofalowa

Im Juli 2026 traf in Belgien eine bemerkenswerte Lieferung ein: Flüssigerdgas (LNG), das zu 100 % aus Russland stammte. Brüssel importierte in diesem Monat rund 0,4 Millionen Tonnen. Der Hauptgrund für diese ungewöhnliche Konzentration waren die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten, die die etablierten LNG-Handelsrouten nach Europa und Asien störten. In der Folge überboten asiatische Käufer die europäischen Abnehmer bei den verfügbaren Mengen.

Vor diesem Hintergrund plant die Europäische Kommission, ihre Abhängigkeit von russischem LNG bis Januar 2027 vollständig zu beenden.

Der russische Energieexperte Michail Wakiljan vom Institut für die Entwicklung von Brennstoff- und Energietechnologien bewertet die Lage wie folgt:

“Der russische Anteil ist auf 100 Prozent gestiegen, weil Katar aus der Bilanz herausgefallen ist. Der Hafen von Zeebrügge stützte sich jahrelang auf zwei Säulen – LNG aus Katar und von Jamal, nun ist nur noch eine übrig.”

Belgien importiere jedoch nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern agiere als zentraler Umschlagplatz für ganz Nordwesteuropa, fügt der Fachmann hinzu.

Igor Juschkow, leitender Analyst des Fonds für nationale Energiesicherheit und Dozent an der Finanzuniversität der russischen Regierung, vermutet:

“Belgien nimmt LNG zumindest noch für Deutschland entgegen und leitet es nach der Regasifizierung möglicherweise sogar über eine Pipeline nach Frankreich weiter. Da russisches LNG nur im Rahmen langfristiger Verträge auf den europäischen Markt geliefert werden kann, denke ich, dass hier gerade die Verträge von 'Jamal LNG' mit Total Energy erfüllt werden, das als Händler fungieren könnte.”

Aus seiner Sicht profitiert auch die russische Seite, insbesondere das Projekt “Jamal LNG”, von diesen Lieferungen. Die Preise in Europa liegen über denen in Asien, und die kürzeren Transportwege senken die Logistikkosten erheblich. Juschkow argumentiert weiter:

“Ich denke, dass dies auch für Kunden, die russisches LNG über Belgien beziehen, vorteilhafter ist. Ein langfristiger Vertrag mit Total Energy beinhaltet in der Regel niedrigere Preise als auf dem Spotmarkt. Deshalb entscheidet sich der Käufer nicht für US-amerikanisches LNG, sondern für das günstigere russische.”

Interessanterweise findet US-amerikanisches Flüssiggas derweil rege Abnehmer in Asien, nicht in Europa. Wakiljan erläutert diesen Trend:

“US-amerikanisches LNG ist aus Europa nicht verschwunden, ist aber keine günstige Option mehr. Der Grund liegt im Spread: Auf dem asiatischen Markt kostete Gas im Juni vier US-Dollar mehr als in Europa, was die Differenz bei den Frachtkosten nach Asien ausgleicht.

Eine Rolle spielten auch die europäischen Abnehmer selbst, die ihre Einkäufe in der Erwartung sinkender Preise zurückhielten, sowie Ägypten, das eine Rekordmenge von 1,06 Millionen Tonnen mit einem Aufschlag gegenüber dem TTF (der europäischen Börse) abnahm.”

Im Juni lag der Preis für LNG auf dem asiatischen JKM-Markt bei durchschnittlich 17,33 US-Dollar pro Million britischer Wärmeeinheiten (MMBtu), während er auf dem europäischen Spotmarkt TTF nur 13,19 US-Dollar betrug. Wakiljan hebt einen weiteren entscheidenden Vorteil des russischen LNG hervor:

“Ein weiterer Wettbewerbsvorteil des russischen LNG ist derzeit die Vorhersehbarkeit der Lieferungen. 'Jamal LNG' ist langfristig vertraglich gebunden, wird mit einer spezialisierten Arc7-Flotte auf dem kurzen Seeweg nach Zeebrügge transportiert, die Regasifizierungsslots sind im Voraus gebucht, und nach dem EU-Verbot der Umladung in Drittländer gibt es für diese Lieferungen fast keine alternativen Abnehmer. Für die Europäer ist dies die einzige Ladung, die Asien nicht aufkaufen kann.”

Die aktuellen Zahlen belegen das Interesse: Innerhalb von sechs Monaten importierte die EU eine Rekordmenge von 9,89 Millionen Tonnen LNG aus Jamal – ein Anstieg von 18 % im Vergleich zum Vorjahr. Dieser regelrechte Ansturm scheint eine bewusste Strategie zu sein, um sich vor dem geplanten EU-Sanktionspaket, das ab dem 1. Januar 2027 in Kraft treten soll, einzudecken. Juschkow betont:

“Wenn die Europäer könnten, würden sie noch mehr russisches LNG abnehmen. Doch die US-Amerikaner haben Sanktionen gegen zwei mittelgroße russische Anlagen verhängt, die zuvor ausschließlich für den europäischen Markt produziert haben. Dabei handelt es sich um 'Portowaja LNG' von Gazprom und 'Kriogas-Wyssozk' von Nowatek. Auch über 'Arktik LNG-2' hätte das Gas auf den europäischen Markt gelangen können, da die Lieferung dorthin schneller wäre. Doch nun verkauft das Unternehmen seine Produktion ausschließlich nach China an ein eigens dafür vorgesehenes Terminal für die Annahme von russischem, unter Sanktionen stehendem LNG.”

Die möglichen wirtschaftlichen Folgen für die EU analysiert Wakiljan wie folgt:

“Das Hauptproblem des Verbots der Europäischen Kommission ist sein Zeitpunkt. Die LNG-Lieferungen werden am 1. Januar, mitten in der Entnahmesaison, eingestellt. Europa geht mit den niedrigsten saisonalen Vorräten seit 2009 in diesen Winter und verliert mitten in der Kälteperiode rund 20 Millionen Tonnen der jährlichen Importmenge.

Auf einem ruhigen Markt lässt sich dies finanziell ausgleichen. Bei einer Sperrung der Straße von Hormus und einem kalten Winter wird Europa Asien Lieferungen abwerben – und zwar zu einem hohen Preis. Als Erste werden dies die Ammoniak-, Düngemittel-, Glas- und Metallindustrie zu spüren bekommen, wo Gas einen wesentlichen Teil der Selbstkosten ausmacht; später wird sich dies über die Strompreise in den Verbraucherpreisen niederschlagen.”

Juschkow warnt vor den Konsequenzen dieses Schritts, der Europa mitten in der Heizperiode von einem seiner wichtigsten Gaslieferanten abschneidet. Russland ist schließlich der zweitgrößte Lieferant von LNG nach Europa. Er ergänzt:

“LNG aus Katar könnte möglicherweise gar nicht erst eintreffen, und es ist der drittgrößte Lieferant auf dem europ&a“`html
äischen Markt. Die Gasvorräte in den Untergrundspeichern befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau. Das bedeutet, dass im Winter deutlich mehr LNG importiert werden muss, dessen Preise noch weiter steigen werden.”

Angesichts dieser prekären Lage plädiert Juschkow für eine pragmatische Lösung: Ein Aufschub des Einfuhrverbots bis zum Frühjahr wäre logisch, wenn die Heizperiode endet und der Druck auf den Markt nachlässt. Wakiljan hingegen hält es für wahrscheinlicher, dass es zu außerordentlichen Ausnahmen von den Sanktionen und nationalen Sonderregelungen kommen wird. Bereits jetzt gibt es entsprechende Signale: Spanien hat offiziell um eine Verschiebung gebeten, und Griechenland blockiert das 21. Sanktionspaket aufgrund der Schiffe der Reederei Dynagas.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 5. August 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.

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