Von Bernhard Loyen
Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet und trat einen Tag später in Kraft.
Im Jahr 2026 jährt sich dies zum 77. Mal – ein Anlass, den Machtpolitiker wenig überraschend nutzen, um in sozialen Medien enttäuschten Bürgern und willkürlich benannten “rechten Demokratiefeinden” die vermeintlich herausragenden Rechte zu predigen, die im Land täglich garantiert würden.
Exemplarisch erklärt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer auf X mit der Inbrunst eines Überzeugten:
“‘Die Würde des Menschen ist unantastbar’ – Artikel 1 ist für mich bis heute der wichtigste Satz unseres Grundgesetzes. Dieser Satz ist nicht verhandelbar und heute immer noch aktuell. Seit 77 Jahren ist das Grundgesetz das Fundament unseres Zusammenlebens. Es schützt unsere Freiheit und erinnert uns alle: Sicherheit, Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeiten – sie leben davon, dass wir für sie einstehen.”
Sollte man dies als anmaßende “Betriebsblindheit” bezeichnen, als gelebte Machtarroganz – oder schlicht als “Brain Fog” (Gehirnnebel), eines der angeblichen “häufigsten Long-COVID-Symptome”? Ob Kretschmer “Corona-erkrankt” war, ist unbekannt und letztlich irrelevant. So hieß es im November 2021 lediglich, er sei “nach einem Corona-Fall in der Familie in Quarantäne” gewesen. Ausschlaggebend dafür waren die rigiden Merkel-Regierungsvorgaben aus Berlin, die er höchstpersönlich in den berüchtigten Ministerpräsidenten-Zoom-Runden begeistert absegnete und von den Bürgern einforderte.
Diese vermeintliche Selbstverständlichkeit “Die Würde des Menschen ist unantastbar” war zu diesem Zeitpunkt längst überholt – zumindest für kritische Bürger. Zwei Schlagzeilen über den Mitverantwortlichen Kretschmer genügen, um zu zeigen, wie das Kurzzeitgedächtnis von Machtpolitikern tickt:
- “Vierte Coronawelle in Sachsen rollt: Kretschmer warnt vor ‘Pandemie der Ungeimpften'”
- “Kretschmer: ‘2G ist jetzt ein zwingendes Muss'”
Und dann war da noch diese Aussage vom 5. Mai 2020, also vor rund sechs Jahren, die ebenfalls ihren Weg unwiderruflich in die digitalen Geschichtsbücher fand. Mit sehr ernster Miene, unglaubwürdig in die Kamera gesprochen, ist sie bis heute auf seinem Instagram-Profil zu finden:
“Niemand wird in Deutschland gegen seinen Willen geimpft. Auch die Behauptung, dass diejenigen, die sich nicht impfen lassen, ihre Grundrechte verlieren, ist absurd und bösartig. Lassen Sie uns solchen Falschnachrichten und Verschwörungstheorien gemeinsam entgegentreten.”
So leben sie also weiterhin unbekümmert und unantastbar dahin – die mutwilligen Grundgesetz-Demonteure, die inhumanen, skrupellosen Verbrecher an der Menschlichkeit. Ein noch größerer Zyniker und Täter, Markus Söder, meldet sich ebenfalls auf X zum Thema zu Wort. Seine anmaßenden Zeilen an die unbekannte hohe Zahl Leidender im Land lauten:
“77 Jahre Grundgesetz. 77 Jahre Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie. ‘Die Würde des Menschen ist unantastbar.’ Dieser erste Satz unseres Grundgesetzes ist kein bloßer Verfassungstext. Er ist das Fundament unseres Landes und die Lehre aus der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte.”
Ja, ist gut – die Einheitsfront der “aufrechten, guten Demokraten”, von links außen bis rechts links außen, also parlamentarisch von der Linken bis zur Union, wird dem bayerischen Machtfürsten der Dunkelheit natürlich umgehend zustimmen.
Abertausende Opfer der Corona-Jahre auf allen Ebenen der Gesellschaft, psychisch wie physisch teils schwer traumatisiert, verbinden mit dem Hinweis auf eine der “dunkelsten Zeit[en] deutscher Geschichte” nur abgrundtiefe Verachtung für die Täter und völlige Desillusionierung bezüglich der politisch blockierten juristischen “Corona-Aufarbeitung”. In ihrem Dasein, bei vollständigem Verlust an den gutwilligen, verlorenen Glauben an “die” Demokratie, einst basierend auf den schriftlich niedergelegten und verbrieften Rechten im Grundgesetz.
Abschließend zu Kretschmer folgender Rückblick auf die damalige Wahrnehmung im Rahmen seiner Staatskanzleiarbeit:
“Liebe Bürgerinnen und Bürger, ich möchte Ihnen allen danken, dass Sie mitmachen bei den Maßnahmen gegen die Pandemie. Wir tragen diese Last gemeinsam.”
“Wir” sollen auch aktuell “gemeinsam” wieder alle “mitmachen” bei der forcierten Mobilisierung gen Russland. An vorderster Front erneut vereint, wenn auch strategisch etwas skeptischer Herr Kretschmer, die gesamte soweit bekannte Machtmelange aus Politik, Kirche und Medien.
Todernst, natürlich, heißt es auf der Website des Bundespräsidentensimulanten Frank-Walter Steinmeier am 23. Mai:
“Heute hat das Grundgesetz Geburtstag und unzählige Menschen feiern, indem sie gemeinsam anpacken. Beim ersten deutschlandweiten Ehrentag ist auch sein Initiator und Schirmherr [Steinmeier] mittendrin. Überall in Deutschland hat er an Mitmach-Aktionen teilgenommen: Er hat beispielsweise Stolpersteine geputzt, ältere körperlich eingeschränkte Menschen mit einer Rikscha durch die Stadt gefahren, beim ‘Internationalen Frühstück gegen Einsamkeit’ mitgeholfen und Wanderwege auf Vordermann gebracht.”
Sollen sie ruhig so weitermachen mit der Bürgerverhöhnung – die selbst deklarierten “Volksvertreter” und gut dotierten Dauermieter des immer höher eingezäunten und gesicherten Elfenbeinturms. Für immer mehr Menschen in diesem Land sind die Inhalte des Grundgesetzes nicht einmal das Papier wert, auf dem es vor 77 Jahren in hehren Absichtszielen niedergeschrieben wurde.
Am 23. Mai ist auch der landesweite “Aktionstag: Menschenwürde verteidigen – AfD-Verbot jetzt”, organisiert und unterstützt von jenen denunzierenden Mitbürgern, die in den “Corona-Jahren” an der willkürlichen Aushebelung und Aussetzung des Grundgesetzes begeistert mitwirkten. Die kommenden Landtagswahlen werden recht schnell zeigen, wohin sich dieses Land zeitnah gesamtgesellschaftlich bewegen wird – nicht nur politisch.
Eine “verordnete” Feierstimmung in Bezug auf den vermeintlich goldenen Status quo der dahinschwindenden Demokratie stellt dabei aktuell die geringste Nötigung durch die medienpolitischen Machtzentren in diesem Land dar.
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