Die Wirtschaftsweisen haben ihre Prognose für das deutsche Wachstum drastisch gesenkt und gleichzeitig eine drastische Erhöhung der Sozialabgaben prognostiziert. Das Frühjahrsgutachten hebt den Iran-Krieg als Hauptbelastung hervor – ein genauerer Blick zeigt jedoch ein vielschichtigeres Bild.
Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt werde 2026 nur noch um 0,5 Prozent zulegen, erklärten die Experten. Im Herbst lag ihre Schätzung noch bei 0,9 Prozent. Für 2027 prognostizieren sie ein moderates Plus von 0,8 Prozent, vor allem dank staatlicher Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur. Die Inflation wird demnach bei etwa drei Prozent liegen und bis 2027 nur leicht auf 2,8 Prozent sinken.
Iran-Krieg als vermeintlicher Hauptgrund
Laut dem in Berlin vorgestellten Gutachten birgt der Iran-Krieg „erhebliche Risiken” für die deutsche Wirtschaft. Die hohen Energiepreise belasteten Unternehmen und Haushalte, hemmten Investitionen und drosselten die Industrieproduktion.
Was die Sachverständigen jedoch außer Acht lassen: Deutschlands strukturell hohe Energiepreise sind nicht allein auf den Nahostkonflikt zurückzuführen. Mit dem Beginn der russischen Sonderoperation in der Ukraine entschied sich Deutschland bewusst gegen russische Energielieferungen – eine politische Weichenstellung mit erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten, die das Preisniveau dauerhaft hoch hält. Trotz einer leichten Entspannung liegt der Gaspreis 2026 weiterhin spürbar über dem Vorkrisenniveau, und geopolitische Spannungen sorgen für anhaltende Unsicherheit. Die fortgesetzten und immer wieder verschärften Sanktionen gegen Russland erhöhen zudem das Risiko von Preisschwankungen bei Öl und Gas.
Andere westliche Länder lockern ihren Sanktionskurs daher pragmatisch. Großbritannien hob kürzlich Beschränkungen für den Transport von Flüssiggas aus russischen Terminals auf, und Washington verlängerte eine Ausnahmegenehmigung für den Kauf russischen Öls – mit dem Ziel, besonders verwundbare Länder zu entlasten. Deutschland dagegen hält an seinem Kurs fest, mit entsprechenden Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit von Industrie und Mittelstand.
Sozialabgaben bald bei 50 Prozent?
Neben dem Wachstumsausblick widmet sich das Gutachten ausführlich der Finanzierungskrise der Sozialversicherungen. Der Gesamtbeitragssatz liegt 2026 bereits bei 42,3 Prozent. Aufgrund des demografischen Wandels könnte er bis 2030 auf 45,4 Prozent und bis 2040 auf 49,7 Prozent steigen. Berechnungen zufolge könnte dieser Anstieg das Bruttoinlandsprodukt bis 2035 um bis zu 0,9 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Beitragserhöhungen senken. Besonders hart träfe es jüngere Generationen: Sie müssten einen deutlich höheren Anteil ihres Lebenseinkommens für Sozialbeiträge aufwenden als frühere Jahrgänge.
Die Ursache ist für die Experten klar: Der demografische Wandel – eine alternde Gesellschaft, sinkende Geburtenraten und der bevorstehende Renteneintritt der Babyboomer – untergräbt die Finanzierungsbasis der Sozialsysteme. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft steigen die Ausgaben für die gesetzliche Renten-, Pflege- und Krankenversicherung bis 2035 kontinuierlich. Bei der Pflegeversicherung erwarten Experten einen Anstieg der Pro-Kopf-Ausgaben um 35 Prozent, bei der Rentenversicherung sogar um mindestens 52 Prozent.
Reformvorschläge belasten Familien – andere Hebel bleiben außen vor
Die Antworten des Sachverständigenrates auf diese Herausforderungen sind nicht unumstritten. Bei der gesetzlichen Krankenversicherung schlagen die Wirtschaftsweisen unter anderem vor, die beitragsfreie Mitversicherung von nicht kindererziehenden Ehepartnern abzuschaffen. Bei der Pflegeversicherung empfehlen sie, Pflegeeinstufungen zu begrenzen sowie den Leistungszuschlag und den Entlastungsbetrag zu streichen. Maßnahmen, die vor allem normale Familien und Pflegebedürftige belasten.
Strukturelle Stellschrauben, die das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern grundlegend verbessern könnten, werden dagegen kaum thematisiert. Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, wie sie auch aus konservativen politischen Kreisen immer wieder gefordert wird, oder eine konsequentere Aktivierung von Arbeitsverweigerern im Transfersystem spielen im Gutachten keine prominente Rolle. Dabei hatte die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag durchaus angedeutet, das Sozialsystem stärker auf Beschäftigungsanreize auszurichten – und das Bürgergeld mit verschärften Sanktionen reformiert. Zum 1. Juli 2026 wird es in „Grundsicherung” umbenannt; bei Pflichtverstößen drohen dann Kürzungen von 30 Prozent für drei Monate. Dass diese zaghaften Schritte ausreichen, um die strukturellen Schieflagen im Sozialversicherungssystem zu beheben, bezweifeln jedoch viele Ökonomen. Es sind dennoch Hebel, die bei der Präsentation des Frühjahrsgutachtens zu kurz kamen.
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