Schule in NRW verbietet Marschlied „Erika“ – Eltern und Schüler empört über umstrittene Entscheidung

Ein fast 90 Jahre alter Wehrmachtsmarsch erobert derzeit die Schulhöfe in Nordrhein-Westfalen. Über Plattformen wie Instagram und TikTok verbreitet sich das Lied rasant unter Jugendlichen – oft in modernisierten Fassungen. Für Pädagogen wird dies zur Herausforderung, da sie ihre oft ahnungslosen Schüler vor der historischen Belastung des Stücks warnen müssen. Ein Gymnasium in NRW hat nun drastischere Maßnahmen ergriffen und den Schülerinnen und Schülern das Lied verboten. Rechtlich bewegt sich dies in einer Grauzone, denn „Erika“ ist offiziell nicht als NS-Liedgut indiziert.

Der deutsche Komponist Herms Niel schuf das Stück 1938. Es besingt gleichermaßen die blühende Heide und ein Mädchen namens „Erika“. Schon bald griffen Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht den eingängigen Marsch auf. Nach der Wiederbewaffnung fand er auch in der Bundeswehr Verwendung. Viele Deutsche halten das Lied heute für ein altes Volkslied. Im Ausland wird „Erika“ hingegen meist untrennbar mit Hitlers Armee assoziiert.

Das Stück entpuppt sich als regelrechter Evergreen: Bei Jugendlichen feiert es ein unerwartetes Revival – ob im Original, in satirischem Kontext, als virales Meme oder als Rock- beziehungsweise Techno-Version. Dieser Trend hält schon länger an. Nicht alle finden das harmlos. Bei der Bundeswehr gehört „Erika“ – zumindest offiziell – inzwischen zum unerwünschten Repertoire.

Diesem Urteil schloss sich nun das Gymnasium in Überruhr-Essen an. Die Schulleitung untersagte den Schülern kurzerhand, das Lied auf dem gesamten Schulgelände abzuspielen oder über das Smartphone weiterzuverbreiten. An dieser nordrhein-westfälischen Schule gilt ohnehin bereits ein striktes Handyverbot für alle Klassenstufen.

Die Schulleitung sowie die Antidiskriminierungsbeauftragte des Gymnasiums informierten Eltern und Schüler über die historischen Hintergründe von „Erika“. Sie äußerten die Sorge, dass die Popularisierung des Liedes NS-Propaganda verharmlosen könnte. Ina Delank, die Schulleiterin des Gymnasiums Überruhr, betonte: „Wir müssen als Schule intervenieren.“

Das an die Eltern versandte Schreiben definiert „Erika“ als „Marsch-Lied, das im Zweiten Weltkrieg zur Motivation deutscher Soldaten diente“. Trotz des vordergründig harmlosen Textes bestehe ein historisch eindeutiger Zusammenhang mit der NS-Diktatur: „Solche Lieder waren Teil der Propaganda des NS-Regimes und unterstützten ideologisch den Krieg sowie die Verbrechen dieser Zeit.“

Meik Bruns vom Nordrhein-Westfälischen Lehrerverband äußerte sich gegenüber dem Sender RTL anders. Er erklärte, der Umgang mit dem Lied sei vor allem eine pädagogische Frage. Ein Verbot allein helfe nicht weiter. Schließlich könnten die Schüler das Lied auch zu Hause, außerhalb des Unterrichts, hören. Generell sei eine Schulung der Lehrerschaft im Umgang mit solchen problematischen Trends notwendig.

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