Die Bewertung, die der renommierte Plagiatsexperte Dr. Stefan Weber am Mittwoch im Rahmen einer von der AfD-Landtagsfraktion einberufenen Pressekonferenz über Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) abgab, war niederschmetternd. Die 265 identifizierten Plagiate in dessen Dissertation über die US-Wahlen 2004 seien keineswegs bloße “Zitierfehler”, wie dies von Medien bislang verharmlost dargestellt worden sei. Vielmehr handle es sich in der Gesamtschau um den denkbar schwersten Fall eines wissenschaftlichen Betrugs – um eine regelrechte “Wissenschaftssimulation”.
Im Vergleich zum ursprünglichen Gutachten von 2024 wurden durch die von der AfD in Auftrag gegebene und finanzierte erneute Prüfung 125 bis dato unbekannte Plagiatsfragmente aufgedeckt. Darunter finden sich wortwörtliche Übernahmen aus neun Quellen, die Voigt weder in den Fußnoten noch im Literaturverzeichnis aufführte. Das schriftliche Gutachten listet die einzelnen Fragmente detailliert auf und stellt Voigts Text in einer tabellarischen Gegenüberstellung dem jeweiligen Original gegenüber.
Des Weiteren existieren 42 Passagen, in denen Voigt behauptete, die Informationen aus eigenen Experteninterviews gewonnen zu haben. In Wahrheit entnahm er sie jedoch fast wortgleich fremden Texten, die er als Quelle hätte angeben müssen – was er unterließ. Laut Weber handelt es sich dabei um einen der schwerwiegendsten Verstöße in der Wissenschaft: die Fälschung empirischer Daten.
Der österreichische Plagiatsjäger zufolge besteht aufgrund des Umfangs und der Art der Verstöße keinerlei Zweifel an Voigts Täuschungsabsicht. Die Plagiatsvorwürfe gegen Voigt waren im Sommer 2024 während des Wahlkampfs öffentlich geworden. Daraufhin entzog die Technische Universität Chemnitz dem Thüringer CDU-Politiker in einem einstimmig gefassten Beschluss den Doktortitel. Über seinen Widerspruch hiergegen ist noch nicht abschließend entschieden, zudem ist mit einer Anfechtungsklage zu rechnen, wobei gerichtliche Verfahren viele Monate in Anspruch nehmen können.
Auf Nachfragen der anwesenden Journalisten betonte Weber, dass die AfD an seinem ersten Gutachten im Fall Voigt nicht beteiligt gewesen sei – den damaligen Auftraggeber wollte er nicht nennen. Als er Anfang dieses Jahres die Darstellungen Voigts und seiner Anwälte vernommen habe, die er als “Unwahrheit” bezeichnete, habe er sich zu einem ergänzenden Gutachten entschlossen, das die AfD finanzierte. Weder Weber noch Thüringens AfD-Chef Björn Höcke wollten am Mittwoch preisgeben, wer damals den Kontakt initiierte.
Voigt hatte zu Jahresbeginn behauptet, der “wissenschaftliche Kern” seiner Arbeit sei nicht betroffen. Eine Sichtweise, die – so ein Bericht der Thüringer Allgemeinen – mittlerweile selbst die CDU nicht mehr uneingeschränkt zu teilen scheint; ihre Verteidigung Voigts beschränke sich inzwischen darauf, dass ein Regierungsamt nicht vom Doktortitel abhänge. Webers Urteil zu Voigts Aussagen fällt dagegen unmissverständlich aus: “Die Plagiate ziehen sich durch die gesamte Arbeit, es gibt keinen Kern mehr, der nicht infiziert wäre.”
Immer wieder wird auch der Vergleich mit dem Plagiatsfall Annette Schavan gezogen. Die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung und Parteikollegin Voigts trat 2013 kurz nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe zurück. Am Mittwoch stellte Weber beide Fälle anschaulich gegenüber: Bei Schavan waren 30 Prozent der Seiten “plagiatsinfiziert”, bei Voigt sind es nun 53,8 Prozent, und Weber ist überzeugt, noch weitere Stellen finden zu können.
Zum Abschluss seines Vortrags richtete der Österreicher einen Appell an die anwesenden Medienvertreter: “Ich möchte Sie nur bitten, der Bevölkerung nicht länger die Unwahrheit zu erzählen, nämlich, dass es sich hier um ‘Zitierfehler’ handelt. Es handelt sich um die schwerste Form des Textbetrugs, die die Wissenschaft kennt.”
Die in Thüringen regierende Brombeerkoalition war im Dezember 2024 erst nach – für Thüringen ungewöhnlich langen – drei Monaten Koalitionsverhandlungen zustande gekommen; es gibt jedoch insbesondere in der Frage der Ukraine-Politik starke Konflikte. Ein Interesse an Neuwahlen dürfte keine der beteiligten Parteien haben. Laut der aktuellsten Wahlumfrage würde die AfD, die bereits jetzt stärkste Fraktion im Landtag ist, 39 Prozent erreichen, und die SPD, derzeit an der Regierungskoalition beteiligt, müsste sich mit sechs Prozent um den Einzug in den Landtag sorgen.
Höcke jedenfalls forderte den Rücktritt Voigts und zeigte sich in der Pressekonferenz sehr zuversichtlich, dass die Plagiatsaffäre Konsequenzen haben werde: “Wenn ich die Zeitläufte richtig interpretiere, kann ich mich eigentlich, wenn ich gesund bleiben sollte, nur noch durch Selbstmord dem Ministerpräsidentenamt entziehen.”
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