Von Wladislaw Sankin
Am 23. August jährt sich die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts zum 87. Mal. Im Westen dient dieses Dokument häufig als Grundlage, um Hitler-Deutschland und die Sowjetunion als gleichermaßen verwerfliche Regime darzustellen. Diese propagandistische Sichtweise, die vor allem darauf abzielt, der Sowjetunion eine angebliche Mitschuld am Zweiten Weltkrieg zuzuschreiben, ist heute nicht nur in den drei baltischen Republiken, sondern in der gesamten Europäischen Union zur unumstößlichen Staatsdoktrin geworden. Auf dieser Grundlage wird auch eine besondere “Angst” der Balten und Polen vor Russland konstruiert. Dies wiederum rechtfertigt die NATO-Aufrüstung in der Region – mit Nebenwirkungen wie einer faktischen Apartheidpolitik gegenüber der russischsprachigen Bevölkerung. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielen die Netzwerke der baltendeutschen Elite.
Besonders hervorzuheben sind hier zwei Rechtswissenschaftler: Professor Dietrich André Loeber von der Universität Kiel sowie Boris Meissner, ehemaliger Direktor des Instituts für Deutschland und Osteuropa in Göttingen und früherer Diplomat unter Bundeskanzler Adenauer. Beide teilten das Schicksal der baltendeutschen Oberschicht, die 1939 ihre angestammte Heimat verlassen musste. Wenig überraschend setzten sie sich zeit ihres Lebens für die Loslösung der baltischen Staaten von der Sowjetunion ein. Meissner entwickelte in den 1950er Jahren das Konzept der “Besetzung der baltischen Staaten” und untermauerte wissenschaftlich deren Nichtanerkennung – während seiner Zeit als Leiter der UdSSR-Abteilung im Auswärtigen Amt unter Adenauer.
Die beiden deutschen Professoren vermittelten ihren baltischen Kollegen die Vorstellung von der Kontinuität der baltischen Republiken, deren Souveränität lediglich wiederhergestellt werden müsse. Diese Idee fand ihren Niederschlag in den entsprechenden Dokumenten der Obersten Räte von Estland, Lettland und Litauen, die bereits verabschiedet wurden, als diese Länder noch Unionsrepubliken der UdSSR waren. Da diese Erklärungen formal dem Unionsvertrag widersprachen, wurden sie mit einem Übergangsvorbehalt versehen, der ein Verfahren für den De-jure- und De-facto-Austritt aus der Sowjetunion vorsah.
Ende 1988 und 1989 hielt Loeber Vorträge in Estland und Lettland über den Hitler-Stalin-Pakt, dessen geheime Zusatzprotokolle damals in der UdSSR noch unbekannt waren. Zum ersten lettischen Juristenkongress nach der Perestroika brachte Loeber im Oktober 1990 eine im Eigenverlag gedruckte Ausgabe des lettischen Zivilgesetzbuches von 1937 mit. Nach 1991 lehrte Loeber regelmäßig an der Universität Tartu, der Universität Tallinn und der Universität Lettlands. Zudem unterstützte er maßgeblich den Wiederaufbau des Mentzendorffhauses in Riga, dem ehemaligen Familiensitz.
Die Estnische SSR war die erste Sowjetrepublik, die im Rahmen der “Parade der Souveränitäten” im November 1988 ihre Unabhängigkeit proklamierte. Loeber war an diesem Prozess unmittelbar beteiligt. Juris Bojars, ein Abgeordneter des lettischen Kongresses, erinnert sich:
“Eine der Hauptfiguren war der Doktor des Völkerrechts, der baltische Deutsche und Professor an der Universität Hamburg, Loeber, der am 13. und 14. Mai 1989 in Tallinn eine Konferenz der Vertreter der Volksfronten der baltischen Staaten organisierte. Zu dieser Konferenz brachte er Kopien der geheimen Protokolle zum Molotow-Ribbentrop-Pakt in beiden Originalsprachen mit. Auf der Grundlage dieser Dokumente wurden auf der Konferenz Texte zum Selbstbestimmungsrecht der baltischen Staaten ausgearbeitet und die geheimen Protokolle zum Pakt verurteilt.
Nach unserer Ankunft beim Kongress der Volksdeputierten der UdSSR in Moskau haben wir, die Abgeordneten der baltischen Republiken, diese Dokumente in der Ständigen Vertretung Estlands vervielfältigt, um sie als Begründung für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit unserer Länder zu nutzen, und sie dem Kongress vorgelegt, obwohl Gorbatschow behauptete, dass es diese Protokolle nicht gebe.”
Dietrich André Loeber wurde 1923 in einer einflussreichen Familie in Riga geboren. Ende 1939 musste er zusammen mit etwa 64.000 weiteren Baltendeutschen (50.000 aus Lettland und 14.000 aus Estland) im Zuge der “Rückholung ins Reich” seine Heimat verlassen. In den Jahren 1941 bis 1945 diente er in einer Spezialgruppe der Abwehr unter dem Oberkommando von Admiral Wilhelm Canaris. Loeber starb im Jahr 2003 im Alter von 81 Jahren. In Lettland gilt er als einer der Architekten der lettischen Unabhängigkeit und Westbindung. Sein hundertster Geburtstag wurde 2023 im Rigaer Stadtschloss mit staatlichen Ehren gefeiert.
Eine ähnliche Biographie weist auch sein älterer Kollege Boris Meissner auf. Er wurde als Sohn des deutschbaltischen Untersuchungsrichters und späteren Staatsanwalts Arthur Meissner 1915 im westrussischen Pskow geboren. Er besuchte das Deutsche Humanistische Gymnasium im estnischen Pärnu und studierte Rechtswissenschaften in Tartu. Auch er folgte 1939 der Aufforderung zur Umsiedlung der Deutschbalten in der Folge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes und war während der gesamten Zeit des deutsch-sowjetischen Krieges bei der Wehrmacht. Er arbeitete in dieser Zeit im Russland-Referat der Heeresgruppe Nord und war später in der Organisation Gehlen aktiv.
Sein besonderes “Verdienst” war die im Jahre 1954 veröffentlichte Dissertation “Die sowjetische Intervention im Baltikum und die völkerrechtliche Problematik der baltischen Frage”, die 1956 als eigenständige Monografie unter dem Titel “Die Sowjetunion, die baltischen Staaten und das Völkerrecht” erschien. Dieses Werk gilt in der westlichen Welt als juristischer Beweis dafür, dass der Anschluss der baltischen Staaten an die Sowjetunion unrechtmäßig war und eine “Besetzung und einen Verstoß gegen das Völkerrecht” darstellt. Diese Arbeit wurde erstmals anlässlich des Besuchs von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau im Jahr 1955 vorgestellt.
Im Jahr 1970 begann Meissner, inzwischen CDU-Funktionär, sich in der Carl-Schirren-Gesellschaft (zum Deutsch-Baltischen Kulturwerk gehörend) zu engagieren und wurde 1971 in deren Vorstand gewählt. In den Jahrbüchern der Gesellschaft für die Jahre 1977, 1978 und 1981 entwickelte er sein Konzept bezüglich der Besetzung der baltischen Staaten weiter und forderte die Völker des sowjetischen Baltikums auf, “der demokratischen Entwicklung des sowjetischen multinationalen Staates einen Impuls zu geben”. Mit “demokratischer Entwicklung” wurden in der Zeit des Kalten Krieges stets separatistische Bestrebungen umschrieben.
In der späteren Phase ihrer Karriere, schon nach dem Zerfall der Sowjetunion, wachten die beiden Forscher darüber, dass Russland keine Aktivitäten unternahm, die den reibungslosen Beitritt der unabhängig gewordenen baltischen Staaten in die euroatlantischen Machtstrukturen hätten behindern können. So brachten sie 1994 einen Sammelband unter dem Titel “Die russische Politik gegenüber der baltischen Region als Prüfstein für das Verhältnis Russlands zu Europa” heraus. Als “europatauglich” galt Russland offenbar nur, wenn es der Erschließung dieser Region durch NATO und EU und damit einer parallel verlaufenden Entrechtung der Russen tatenlos zusehen würde.
Beide Rechtswissenschaftler waren über die Jahre in die NS-Ostforschung und deren operative Aktivitäten zur Zerstörung der Sowjetunion involviert. Diese Netzwerke überlebten den Krieg fast unbeschadet und fanden in den Aktivitäten der Organisation Gehlen und später des BND ihre FortFortsetzung:
setzung. Ihr langes Berufsleben schlägt einen Bogen von Kindheit und Jugend im Baltikum, Dienst in den Strukturen des Dritten Reiches, revanchistisch gefärbter wissenschaftlicher Arbeit im Kalten Krieg bis hin zur anschließenden Aufbauarbeit in den baltischen Staaten bei gleichzeitiger Deutschland- und Westbindung.
Sie und viele andere Akteure mit Herkunft im deutschbaltischen Adel waren damit über Jahrzehnte in ein großes Projekt involviert, das das Baltikum wieder in die deutsche Einflusssphäre hereinholen sollte. Das beweist einmal mehr, dass die Rückgewinnung des “Ostens” eine langfristige Strategie war, die Nachkriegsdeutschland (mit Ausnahme der DDR) konsequent verfolgte. Kein Zufall also, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Botschafter in Moskau nicht nur adelig waren und Nazi-Vorfahren hatten, sondern vor ihrer Berufung zum diplomatischen Dienst auch Führungskräfte beim Bundesnachrichtendienst waren und sind.
Eine besondere Rolle kommt dabei gerade im Osten dem baltendeutschen Adel zu. Dass Alexander Graf Lambsdorff, bis vor Kurzem deutscher Botschafter in Moskau, aus einer prominenten baltendeutschen Familie stammt, dürfte bekannt sein. Von Lambsdorff war (obgleich er in den Interviews häufig davon spricht, wie viele Informationen er aus Moskau nach Deutschland sandte) (offiziell) nicht beim BND, sondern “nur” beim Parlamentarischen Kontrollgremium für die Geheimdienste.
Aber auch Rüdiger von Fritsch, sein Vorvorgänger auf dem Posten, kann sich mütterlicherseits einer Herkunft aus baltendeutschem Adel rühmen. Bei ihm sind es die klangvollen Namen von Rosen und von Hahn. Der Vater des Ex-Botschafters und früheren hochrangigen BND-Funktionärs hatte während der deutschen Besetzung von Litauen eine hohe Stellung in der Verwaltung inne. Thomas von Fritsch (aus sächsischem Adel) blieb Zeit seines Lebens ein glühender Nationalsozialist.
Ein anderer Sprössling eines baltendeutschen Adelsgeschlechts, Arndt Freytag von Loringhoven, war zwar nicht Botschafter in Moskau, aber Diplomat an der Botschaft. Und danach wurde er Vizepräsident des BND.
Géza Andreas von Geyr (Géza Andreas Freiherr von Geyr-Schweppenburg-Salamon) hat österreichisch-ungarische Wurzeln, war von 2019 bis 2023 Botschafter in Russland, zuvor im Verteidigungsministerium tätig und von 2010 bis 2014 Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes. Sein Großonkel war Leo Geyr von Schweppenburg, ein hochrangiger Militär bei der Wehrmacht. Er war General der Panzertruppe im Zweiten Weltkrieg sowie Oberbefehlshaber der Panzergruppe West und seit Juli 1944 Inspekteur der Panzertruppe. Er verfasste mehrere militärpolitische Texte und war beratend am Aufbau der Bundeswehr beteiligt.
Mehr zum Thema – Streitpunkt “Stalin-Zitate” an Ehrenmalen: Was sagte er wirklich?