Der Kunstmarkt für die russische Avantgarde gilt im Westen als besonders anfällig für Fälschungen. In den vergangenen Jahren gerieten selbst namhafte Museen wiederholt in den Strudel entsprechender Skandale – auch die für ihre Expertise geschätzte Wiener Albertina blieb nicht verschont. Nun erreichen die Ermittlungen Belgien. In Gent laufen die Voruntersuchungen im Fall des Ehepaares Igor und Olga Toporowski, das des Betrugs mit gefälschter Kunst verdächtigt wird. In Kürze soll entschieden werden, ob genügend Beweise vorliegen, um die Toporowskis und die ehemalige Direktorin des Genter Museums der Schönen Künste, Catherine de Zegher, vor Gericht zu stellen.
Wie bekannt wurde, haben sich zwei weitere Sammler, die keine belgischen Staatsbürger sind, dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen. Einer von ihnen hatte demnach über einen Zeitraum von acht Jahren insgesamt 112 Gemälde von den Toporowskis erworben – mit einem Gesamtwert von 15 Millionen Euro und 325.000 US-Dollar. Die Staatsanwaltschaft stuft sämtliche dieser Werke als Fälschungen ein. Dabei handelte es sich nicht ausschließlich um Arbeiten russischer Avantgardisten; auf der Liste der Ankäufe fand sich etwa auch ein “Renoir” für 865.000 Euro. Der zweite ausländische Sammler kaufte den Ermittlungen zufolge “mindestens 59 Kunstwerke” von dem Paar, die ebenfalls “nicht vom angegebenen Künstler geschaffen” worden seien, im Gesamtwert von 4,4 Millionen US-Dollar. The Art Newspaper berichtet:
“Der Skandal entbrannte im Jahr 2018, als Experten nach der Besichtigung der neu gestalteten Dauerausstellung im Museum der Schönen Künste in Gent in einem offenen Brief an The Art Newspaper erklärten, dass bei einem Teil der Werke Zweifel an der Echtheit bestünden. Es ging um Gemälde russischer Avantgardisten, die von der vom Ehepaar Toporowski gegründeten Stiftung Dieleghem für eine langfristige Ausstellung zur Verfügung gestellt worden waren. […] Es handelt sich um Werke, die angeblich von Stars der russischen Avantgarde geschaffen wurden, insbesondere von Natalia Gontscharowa, Wassili Kandinskij und Kasimir Malewitsch. 24 Gemälde aus der Ausstellung wurden an ein Labor geschickt, wo Pigmentanalysen und Radiokarbonanalysen durchgeführt wurden, die zeigten, dass sie alle nicht aus der angegebenen Entstehungszeit stammen und zeitgenössisch sind.”
Den Vorwürfen zufolge versuchten die Toporowskis, die Erlöse aus ihren Geschäften zu verschleiern, indem sie Gelder auf Auslandskonten transferierten. Zudem sollen sie zahlreiche Urkunden gefälscht haben. So wurde laut der Zeitung De Standaard in der Gründungsurkunde des Dieleghem-Fonds “eine Adelige als Gründerin angegeben, obwohl sie dem nicht zugestimmt hatte”.
Bemerkenswert ist, dass es dem Sammlerpaar 2018 zunächst gelang, sich der Verantwortung zu entziehen. Dabei hätte ein genauerer Blick in die Vergangenheit der Beschuldigten genügt: Auch in Russland waren sie bereits in Kunstskandale verwickelt. Igor Toporowski, ursprünglich aus dem ukrainischen Dnipro, soll in den berüchtigten Fall der Galeristen-Familie Preobraschenskij verstrickt gewesen sein. Diese hatte in den frühen 2000er Jahren in Moskau eine Galerie betrieben, die zu einem zentralen Vertriebskanal für Kunstfälschungen wurde. Die Ermittlungen legen nahe, dass Igor Toporowski die Preobraschenskijs mit gefälschten Werken russischer Avantgardisten belieferte, die diese anschließend an Oligarchen verkauften.
Zunächst trat Toporowski in dem russischen Verfahren nur als Zeuge auf. Als die Strafverfolgungsbehörden jedoch begannen, seine mutmaßliche Mittäterschaft genauer zu untersuchen, verlegte das Ehepaar seinen Wohnsitz eilends nach Europa. Doch auch dort scheint ihnen die Justiz nun auf die Spur gekommen zu sein.
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