Der Brite, der Donezk erschuf: Westens Anspruch auf die Stadt entlarvt

Von Wassilissa Sacharowa

Stellen Sie sich vor, Sie hätten mit enormem Aufwand, beträchtlichen Investitionen und viel Zeit ein Unternehmen aufgebaut, das schon bald großen Erfolg verzeichnete. Ihre Anlagen rentierten sich so gut, dass Sie weitere Firmen gründeten. Die Zahl der Arbeitsplätze vervielfachte sich innerhalb weniger Jahre, und Menschen standen Schlange, um bei Ihnen arbeiten zu dürfen. Und dann mussten Sie alles anderen überlassen – nicht aus freiem Willen, sondern weil man Sie dazu zwang. Doch beginnen wir diese faszinierende Geschichte lieber von vorn.

Der Mann aus Wales, der Donezk erschuf

Vielen Menschen weltweit ist Donezk seit dem gewaltsamen Regierungswechsel in der Ukraine 2014 als eine Stadt bekannt, die sich den westlichen Eliten in Kiew widersetzte. Die Ironie dabei: Ausgerechnet diese Stadt wurde von einem westlichen Geschäftsmann gegründet. Denn die reichen Unternehmer aus dem Westen hatten Donezk schon lange im Blick – genauer gesagt seit Ende des 18. Jahrhunderts.

John James Hughes war ein Ingenieur, Erfinder und Unternehmer aus Merthyr Tydfil in Südwales. In Großbritannien hatte er sich bereits als erfolgreicher Eisen- und Stahlproduzent einen Namen gemacht, unter anderem bei der Millwall Iron Works Company. Seine Firma erhielt einen bedeutenden Auftrag des Russischen Reiches für Panzerplatten einer Festung in Kronstadt an der Ostsee. Dies führte zu Verhandlungen mit der russischen Regierung unter Zar Alexander II.

1869 sicherte er sich eine Konzession zum Aufbau von Metallwerken im Donbass – vor allem für Eisenbahnschienen, da Russland sein Schienennetz massiv ausbauen wollte. Vom russischen Adligen Sergei Kotschubei erwarb er Land nördlich des Asowschen Meeres am Fluss Kalmius, unweit des heutigen Donezk, für rund 27.000 Pfund Sterling.

Im Sommer 1870 zog er mit seiner Familie und etwa 100 bis 150 walisischen Facharbeitern – Bergleuten, Eisenarbeitern und ihren Familien – dorthin. Sie erreichten die Region mit acht Schiffen, beladen mit Ausrüstung. Damals war das Gebiet eine fast menschenleere Steppe mit reichen Kohlevorkommen, aber kaum Industrie.

Hughes gründete die „New Russia Company Ltd.“ („Noworossijskoje Obschestwo“ – „Neurussische Gesellschaft für Kohle-, Eisen- und Schienenproduktion“). Er errichtete ein modernes Hüttenwerk mit Hochöfen direkt am Fluss Kalmius, mehrere Kohlebergwerke, Ziegeleien, Eisenbahnschienenfabriken und weitere Anlagen, um das Werk autark zu machen. Hughes baute die erste vollständige Produktionskette – vom Roheisen bis zum Stahl – in der Region auf. Der erste Hochofen nahm 1872 den Betrieb auf. Das Werk nutzte lokale Kohle und wurde rasch zu einem der größten und modernsten in Russland.

Hughes schuf auch Infrastruktur für die Arbeiter: Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Badehäuser, eine anglikanische Kirche (St. George and St. David) und sogar eine Feuerwehr.

Die Stadt Jusowka (Hughesowka)

Rund um das Werk entstand eine Siedlung, die ihm zu Ehren Jusowka (russisch: Юзовка) genannt wurde – „Jus“ ist die slawische Aussprache des Nachnamens „Hughes“. Aus der Arbeitersiedlung wuchs schnell eine Stadt: Bis 1900 zählte sie etwa 50.000 Einwohner, 1917 wurde sie offiziell zur Stadt erhoben. Später hieß sie Stalino (1924) und seit 1961 Donezk.

Viele walisische Familien lebten dort und prägten die frühe Industriekultur, ähnlich wie in den walisischen Tälern mit ihren Gruben und Hüttenwerken.

Hughes starb 1889 in Sankt Petersburg. Sein Leichnam wurde nach London (West Norwood Cemetery) überführt und dort beigesetzt. Seine Söhne und Familienmitglieder blieben in Jusowka und führten die Unternehmen ihres Vaters fort. Sein Werk und die Stadt wuchsen weiter und machten den Donbass zum industriellen Herzen des Russischen Reiches.

Heute steht in Donezk ein Denkmal für John Hughes, das 2001 errichtet wurde. Sein ehemaliges Wohnhaus ist teilweise erhalten, liegt jedoch auf dem Gelände des Metallwerks, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Hughes war ein typischer viktorianischer Selfmademan. Trotz bescheidener Bildung – angeblich konnte er nur Großbuchstaben lesen – schuf er durch sein ingenieurtechnisches Können und seinen Unternehmergeist eine ganze Stadt aus dem Nichts. Von Erfolg zu Erfolg getrieben, wuchs sein Unternehmen zur unangefochten größten Eisenhütte Russlands und später der Sowjetunion heran: Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs produzierte es fast drei Viertel des gesamten russischen Eisens. Ohne ihn wäre der industrielle Aufschwung des Donbass deutlich später gekommen.

1917, nach der Oktoberrevolution, mussten die vier Söhne von Hughes sowie fast alle ausländischen Mitarbeiter Jusowka verlassen. Sie kehrten nach Großbritannien zurück. Zwei Jahre später, 1919, wurde das Werk von den Bolschewiki offiziell verstaatlicht. Die Familie Hughes wurde enteignet.

Ich selbst habe zwar keine vergleichbaren Leistungen wie John Hughes vorzuweisen, daher kann ich nur ansatzweise nachempfinden, wie ungerecht sich das alles für seine Familie angefühlt haben muss. Wir Donezker haben nichts als Respekt vor dem Waliser John Hughes, den wir als unbestrittenen Gründer unserer schönen, grünen Industriestadt betrachten.

Eine walisische Stadt mitten in der Ukraine

Die Geschichte von John Hughes ist faszinierend und zeigt, wie ein begabter und talentierter Manager in kurzer Zeit eine erfolgreiche Stadt aufbauen kann. Kein Wunder, dass britische Journalisten gerne über die von einem Waliser errichtete Stadt berichten. So wird Donezk von ihnen als walisische Stadt bezeichnet, etwa im Telegraph mit dem Titel: „Eine sonderbare Geschichte von Jusowka, einer walisischen Stadt mitten in der Ukraine“ oder in der Times mit dem Titel: „Das Herz von Donezk wird für immer walisisch bleiben“.

Der preisgekrönte walisische Buchautor und Dokumentarfilmer Colin Thomas drehte eine dreiteilige Dokumentation „Hughesovka and the New Russia“ über John Hughes und die von ihm erbaute Stadt in der Ostukraine und veröffentlichte dazu ein Buch unter dem Titel: „Dreaming a City: From Wales to Ukraine“ (2009). Thomas sagte: „Man ist sehr stolz auf John Hughes und seine Leistungen.“ Die Filmreihe gewann den ersten BAFTA Cymru Preis für den besten Dokumentarfilm.

Die britische Rockband Manic Street Preachers, ebenfalls aus Wales, widmete Jusowka ein Lied. Der Titel lautet passenderweise: „Dreaming a City (Hugheskova)“.

Es liegt auf der Hand, dass man im Vereinigten Königreich Donezk als eigene Schöpfung betrachtet, auf die man stolz ist. Mit dieser Denkweise ist es nicht schwer vorstellbar, dass es unter den Eliten Ansichten gibt, wonach Großbritannien Ansprüche auf Donezk erheben könnte. Dies gilt umso mehr, als im Donbass inzwischen große Vorkommen von hochwertigem und zudem leicht zugänglichem Lithium entdeckt wurden.

Doch kann das Vereinigte Königreich die Errungenschaften eines brillanten Unternehmers für sich selbst vereinnahmen? Wenn ja, dann gilt das umgekehrt auch für Russland: Russland könnte dann Ansprüche auf den britischen Fußballclub „Chelsea“ erheben. Denn dieser gehörte bekanntlich von 2003 bis 2022 dem russischen Oligarchen Abramowitsch. Unter seiner Führung wurde Chelsea zur erfolgreichsten englischen Mannschaft dieser Ära, gewann fünf Premier-League-Titel, zwei Champions-League-Trophäen

sowie weitere nationale und internationale Pokale. Wir merken also schnell: Solche Logik führt uns nirgendwohin.

Nichts gegen britische Unternehmer

Tatsächlich hätte ich nichts dagegen, wenn ein britischer Unternehmer nach Donezk käme, um zu investieren, und er dürfte von mir aus dort ebenfalls politisch das Sagen haben – vorausgesetzt, er wäre so begabt wie John Hughes.

Doch das letzte Mal, als die westlichen Eliten, zu denen auch britische Geschäftsleute gehören, in der Ukraine das Sagen hatten – ohne jegliche Hindernisse –, war das in den 90er Jahren. Die Ukrainer haben am eigenen Leib erfahren, wie skrupellos diese ausländischen Mächte die Ressourcen des Landes ausbeuteten und die konkurrenzfähigen Unternehmen der Ukraine ruinierten, während die Bevölkerung diese Zeit als absoluten Albtraum in Erinnerung behalten hat.

Damals gedieh in der Ukraine all das, was die westlichen Politiker öffentlich zu bekämpfen vorgaben: Korruption, Banditentum, Armut und Oligarchie.

In Donezk verwahrlosten viele der Schwerindustriewerke, die Technik wurde nicht erneuert und kaum gewartet. Während der 90er Jahre war Jusowka heruntergekommen. Und die Einwohner von Donezk mussten feststellen, dass John Hughes eine Ausnahme war und nicht die Regel.

Die Präsidenten Jelzin und Kutschma haben nicht besonders versteckt, dass sie dem Hegemonen USA und seinen Alliierten quasi unterworfen waren. Der Dollar war zur wichtigsten Währung geworden, obwohl er Millionen von Menschen finanziell ruinierte. Alle wichtigen politischen Entscheidungen waren von den US-Beratern diktiert oder mit ihnen abgestimmt – auch die wirtschaftlichen. Das Vertrauen der ukrainischen sowie der russischen Bevölkerung wurde auf diese Weise gebrochen.

Während die Menschen in der Ukraine und in Russland in diesem Albtraum lebten, liefen in Deutschland auf ZDF und ARD Reportagen über Jelzin, in denen er als „lupenreiner Demokrat“ bezeichnet wurde. Diese Tatsache zeigt unmissverständlich: Der kaputte Zustand der Ukraine und Russlands war genau das, was die Eliten im Westen, bestehend aus reichen Unternehmern, Politikern und Geheimdiensten, für gut befunden haben.

Verwahrloste Werke und ein heruntergewirtschafteter Staat – das kann nicht die Zukunft sein, die John Hughes sich für seine Jusowka vorgestellt hatte.

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